Das finstere Tal

Das finstere Tal





Wenn die Donnerbüchsen krachen

Ein schweigsamer Fremder - Greider (Sam Riley) nennt er sich - reitet auf seinem Maultier in eine abgelegene Ortschaft ein? Dort herrscht ein brutaler Clan über die Gemeinschaft? Der Fremde will eine alte Rechnung begleichen? Schon Thomas Willmanns Roman "Das finstere Tal" ist nicht nur sehr filmisch geschrieben, er schreit zudem, trotz Alpenschauplatz, ganz offen nach Leinwand-Western, insbesondere in seiner Italo-Variante. Nun findet der Stoff durch seine Verfilmung gleichsam zu seinen Wurzeln zurück. Regie führte bei der deutsch-österreichischen, irgendwann im 19. Jahrhundert angesiedelten Koproduktion Andreas Prochaska, der sich bisher bei Arbeiten fürs Kino ("In 3 Tagen bist du tot") wie fürs Fernsehen ("KDD - Kriminaldauerdienst") gleichermaßen versiert zeigte.

Den undurchsichtigen Greider, der sich als Fotograf ausgibt, spielt der Brite Sam Riley, der schon den aufwendigen Beatnik-Streifen "On the Road - Unterwegs" mitprägen durfte. Doch auch sein Gegenpart hat viel Profil und Prominenz in die Waagschale zu werfen: Tobias Moretti, den Regisseur Prochaska schon von "Kommissar Rex" her kennt, spielt Hans Brenner, den ältesten der Brenner-Brüder, deren diabolisches Treiben "Das finstere Tal" in Angst und Schrecken versetzt.

Liebe spielt aber auch eine Rolle. Luzis (Paula Beer, "Der Geschmack von Apfelkernen") zukünftiges Eheglück mit Lukas (Thomas Schubert) wird von einem archaischen Ritus überschattet, der immer wieder furchtbare Opfer fordert. Helfen kann den beiden womöglich nur Greider, der im Unterschied zu den Dorfbewohnern von den Brenner-Brüdern wenig bis gar nicht eingeschüchtert ist.

Der noch junge Reisende aus der neuen Welt trägt nicht nur eine Fotoausrüstung mit sich herum, sondern auch ein hochmodernes Gewehr und ein dunkles Geheimnis. Worin es besteht und wer beim Shoot-Out der Donnerbüchsen die Oberhand behält, durfte ein größeres Publikum erstmals bei der diesjährigen Berlinale erfahren.

Satt schmatzend durchschlagen Kugeln dicke Wintermäntel und graben sich tief ins Fleisch, reißen dabei riesige Löcher und entfesseln Hämoglobin-Fontänen, die in hohem Bogen in den Schnee spritzen. Natürlich in Zeitlupe und unterlegt mit nihilistischer Rockmusik. Über das oberflächliche Sam-Peckinpah-Imitat gelangt Prochaska dabei jedoch nicht hinaus.

Mit der Schalheit seines Tuns, die Greider in der Vorlage empfindet, gibt sich die Adaption nicht zufrieden, sondern will die Rachelust in Frust umschlagen lassen. Dabei verheddert sie sich im Semiparodistischen. "Bei eurem Hof. Vor Sonnenaufgang!" stößt Riley stieren Blicks gegenüber den Brenner-Brüdern hervor. Das Gelächter ist groß, der Thrill weg. Zumal das ewig blau-schwarz getönte Licht schon gehörig eingeschläfert hat, die Kamera keinen Blickwinkel findet, der einen Anhauch von Bedrohlichkeit verbreiten würde, und dem markigen Gesicht Morettis in Rileys babyweichen Zügen das adäquate Gegenüber fehlt.

Die Vorlage bot so unendlich viel mehr. Gelassene Rede und maliziösen Waffengebrauch Greiders à la Dr. King Schulz aus "Django Unchained". Dazu sorgfältig-genussvoll konstruierte Showdowns, atemberaubende Verzögerungen im Stil Sergio Leones und nicht zuletzt eine wohldosierte Enthüllung der Vorgeschichte. Nichts von den großen Reizmitteln des Romans schafft es ins Kino. Ironischen Liebhabern des Western-Genres, insbesondere der B-Movie-Klasse, wird es dennoch genug sein, Freunden brutaler Drastik wohl auch.

Quelle: teleschau - der mediendienst