Esther Zimmering

Esther Zimmering





"Sich selbst spielen ist langweilig"

Esther Zimmering hat schon viele verkörpert: die lieben, netten und braven wie die bösen, durchtriebenen, unberechenbaren Figuren. Letztere am liebsten. An der berühmten "Ernst Busch"-Schauspielschule in Berlin hat sie studiert, danach unter anderem im Dreiteiler "Der Liebe entgegen", in den Filmen "Schwesterherz", "Morgen räum ich auf" und "München 72" gespielt sowie mehrfach in "Tatort"- und "Polizeiruf 110"-Krimis. In der ZDF-Produktion "Mein Mann, ein Mörder" (Montag, 3. Februar, 20.15 Uhr, ZDF) von Regisseur Lancelot von Naso sieht man die 37-Jährige nun als hinterlistige Erpresserin an der Seite von Ulrich Noethen und Veronica Ferres. Ein Gespräch über die Darstellung extremer Charaktere, ungeliebte Liebeszenen und einen Hang zur politischen Aktivität.

teleschau: Frau Zimmering, im ZDF-Film "Mein Mann, ein Mörder" spielen Sie eine listige Kriminelle, die zusammen mit ihrem Komplizen eine Erpressung durchzieht. Hat Ihnen zur Rollenvorbereitung das Drehbuch gereicht - oder gab es weitere Inspirationen?

Esther Zimmering: Den Film Noir fand ich schon immer spannend, auch während der Vorbereitung auf diese Rolle. Bei der Arbeit mit dem Regisseur Lancelot von Naso hatte ich auch das Gefühl, dass der Film einen leichten französischen Touch bekommt, den ich dann auch meiner Figur Nora Novak verpasst habe. Sie ist ja sehr verschleiert, immer unberechenbar. Man weiß nie, was mit ihr als nächstes passiert.

teleschau: Ist eine Rolle wie diese auch eine Art Ventil für Sie als Schauspieler? Im wahren Leben dürfen Sie schließlich nicht so böse sein.

Zimmering: Wer sagt denn so was? Nein, und es ist auch nicht so, dass sich bei mir etwas anstaut, was ich dann bei der Arbeit rauslassen würde. Ich lasse schon in meinem Leben alles raus.

teleschau: Eine Erpressung wäre da allerdings nicht erlaubt.

Zimmering: Das stimmt natürlich (lacht). Und es ist schon auch manchmal schön, etwas spielen zu dürfen, was man privat nicht macht. Das tut dem Spiel auch gut, denn grundsätzlich gilt: Je weiter die Figur, die es zu spielen gilt, von einem selbst entfernt ist, um so mehr kann man aus ihr machen, sie entwickeln, Spaß mit ihr haben. Sich selbst spielen ist langweilig.

teleschau: Also spielen Sie allgemein lieber durchtrieben als nett und lieb?

Zimmering: Nette, liebe Rollen hatte ich auch schon. Die mag ich aber nicht so gerne.

teleschau: Haben Sie bei der Rolle der Nora Novak trotzdem zweimal überlegt, ob Sie sie annehmen wollen?

Zimmering: Nein, ich habe gar nicht überlegt. Ich habe das Buch gelesen und wollte sofort spielen.

teleschau: Es hat Ihnen also nichts ausgemacht, dass Nora Novak über zwei Drittel der Filmlänge als tot gilt und auch nicht auftritt? Und dass Sie zuvor, in einer Sex-Szene, fast alles zeigen müssen?

Zimmering: Von der Figur her hätte ich mir natürlich schon ein bisschen mehr gewünscht. Und die Liebszene, tja, die musste ich halt spielen. So was gehört nun mal dazu. Man dreht solche Szenen aber immer ganz schnell - und gut ist.

teleschau: Wo sind denn Ihre Grenzen? Was würden Sie auf keinen Fall spielen?

Zimmering: Echte Pornografie mache ich nicht. Soweit würde ich nie gehen. Auch nicht, wenn Lars von Trier käme und für kein Geld der Welt.

teleschau: Vor Gewaltszenen hingegen schrecken Sie nicht zurück. Im "Tatort" wie im "Polizeiruf 110" hat man sie bereits brutal erlebt.

Zimmering: Weil wir Schauspieler immer das widerspiegeln wollen, was in der Gesellschaft passiert. Und Gewalt gehört nun mal dazu.

teleschau: In "Mein Mann, ein Mörder" täuschen Sie eine Gewalttat nur vor: Sie spielen Ihren eigenen Tod, um Ihre Film-Affäre Paul, gespielt von Ulrich Noethen, als Mörder dastehen zu lassen. Auch seine Frau, dargestellt von Veronica Ferres, wird deshalb erpresst. Ist Ihnen eigentlich besonders wichtig, mit wem Sie spielen? Sind Ihnen prominente Filmpartner besonders recht?

Zimmering: Ich wollte auf jeden Fall immer schon mal mit Ulrich Noethen zusammen arbeiten. Und ich habe mich auch gefreut, mit Veronica Ferres zu spielen. Wir haben zwar nur eine gemeinsame Szene im Film, aber ich fand die Zeit mit ihr schon spannend. Wenn man mit starken Schauspielern dreht, spielt man selbst auch immer etwas stärker. Deshalb spiele ich natürlich gerne mit solchen Leuten.

teleschau: Hat sich die Beziehung zu den Kollegen denn auch nur auf die Arbeit beschränkt? Oder haben Sie mit Ferres und Noethen nach Feierabend auch mal was unternommen?

Zimmering: Mit den beiden nicht, aber es passiert schon, dass man als Team weggeht und zusammen Spaß hat. Es kommt natürlich auch immer auf das Projekt an. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen "Tatort"-Dreh in Kiel, bei dem alle Mitwirkenden in einem Hotel gewohnt haben. Da mussten wir ja geradezu etwas zusammen unternehmen. Und als ich mit dem Regisseur Rudolf Thome in Italien gedreht habe, sind wir mit dem Team immer zusammen mit einem alten VW-Bus die Alpen rauf- und runtergefahren und haben eigentlich jeden Tag gemeinsam verbracht.

teleschau: Kritisieren Sie sich auch untereinander? Sprechen Sie über die schauspielerische Leistung der anderen? Oder sind Schauspieler für so was zu eitel?

Zimmering: Gerade beim Fernsehen geht ja alles unheimlich schnell, weil die Drehtage pro Film immer weniger werden. Bei großen Filmen waren es mal 21, jetzt sind es nur noch 18, und bei Serien sind es sogar nur sieben pro Folge. Da bleibt kaum Zeit, an einer Geschichte richtig lange zu arbeiten und zwischendurch viel darüber zu sprechen. Ich treffe mich dafür immer vor den Drehs mit den Kollegen, gehe den Text durch, spiele ein wenig und frage dann natürlich auch die anderen, ob sie okay finden, was ich da mache.

teleschau: Sind Sie selbst eitel?

Zimmering: Ich bin überhaupt nicht eitel. Ich kann grundsätzlich gut mit Kritik umgehen, was auch wichtig ist, denn nur so kommt man als Schauspielerin weiter.

teleschau: Sie brauchen also keinen Kuschelkurs und pure Harmonie bei der Arbeit?

Zimmering: Kommt drauf an. Wenn bei der Arbeit irgendwann nur noch ein einziger Tumult herrscht, werde ich selbst immer ganz ruhig und konzentriert auf meine Sache. Ich mag es nicht, wenn irgendwer laut und aggressiv wird, das finde ich total überflüssig. Das stört auch die Arbeitsatmosphäre.

teleschau: Am Ende von "Mein Mann, ein Mörder" sagt Veronica Ferres als Minette, sie glaube, Nora Novak würde sich mit dem erpressten Geld ein schönes Leben machen. Woran glauben Sie?

Zimmering: Wahrscheinlich findet Nora bald den Nächsten, mit dem sie ihre Spielchen spielen kann. So eine Figur verändert sich ja nicht so bald. Die hat das Hinterhältige in sich.

teleschau: Würden Sie demnächst auch gerne wieder hinterhältig spielen?

Zimmering: Nein. Lieber würde ich als nächstes etwas Politisches spielen.

telechau: Was zum Beispiel?

Zimmering: Ich hatte schon immer große Lust, Tamara Bunke zu spielen, die zusammen mit Che Guevara in Bolivien war.

teleschau: Woher kommt der Hang zur Politik?

Zimmering: Ich bin allgemein gerade sehr politisch aktiv. Zuletzt habe ich die Rosa-Luxemburg-Konferenz moderiert. Außerdem bin ich sehr mit den Flüchtlingen und Aktivisten vom Berliner Oranienplatz beschäftigt. Zusammen mit einer befreundeten Regisseurin haben wir eine Theatergruppe gegründet und auch bei Theatern angefragt, ob wir dort spielen können.

teleschau: Wie kamen Sie auf das Projekt mit den Flüchtlingen?

Zimmering: Ich habe einfach immer wieder die Nachrichten gesehen und es irgendwann nicht mehr ausgehalten, so inaktiv zu sein. Ich wusste, dass da Zelte sind am Oranienplatz. Und dann bin ich einfach mal hingegangen.

teleschau: Mit welchem Ziel?

Zimmering: Ich wollte, dass diese rechtelosen Menschen, die nicht mal arbeiten dürfen, das Gefühl bekommen, irgendwas zu schaffen. Dass sie mit irgendwas beschäftigt sind.

teleschau: Werden Sie in dem Stück mit den Flüchtlingen gemeinsam spielen?

Zimmering: Ja, aber ich verrate noch nicht, wen oder was.

teleschau: Worum geht es thematisch in dem Stück?

Zimmering: Ich kann dazu jetzt nur so viel sagen, dass es kein Stück ist, das Mitleid erregen soll. Mitleid ist kein Teil des Stücks. Das wollten wir nicht.

Quelle: teleschau - der mediendienst