Lars Eidinger

Lars Eidinger





"Ich schramme immer knapp am Burnout vorbei"

Vor fünf Jahren eroberte der Theaterschauspieler Lars Eidinger quasi über Nacht den deutschen Film. In Maren Ades preisgekürtem Beziehungsdrama "Alle anderen" spielte er so überzeugend den Schluffi, dass er sogleich als Gesicht einer orientierungslosen Männer-Generation identifizert wurde - das Feuilleton hatte einen neuen Liebling. Seither ist das Rollenspektrum des heute 38-Jährigen breiter geworden, die Bewunderung für sein rückhaltloses Spiel nicht kleiner. Lars Eidinger, der mit seiner Frau, der Opernsängerin Ulrike Eidinger, und der gemeinsamen Tochter in seiner Heimatstadt Berlin lebt, bedient wie kein zweiter die Extreme. Sei es an seiner Theaterheimat, der Berliner Schaubühne, oder im Film: Eidinger-Rollen provozieren, schmerzen und wirken lange nach. Im ARD-Drama "Der Prediger" (Mittwoch, 5. Februar, 20.15 Uhr) spielt der äußerst umgängliche und unprätentiöse Intensiv-Schauspieler einen verurteilten Mörder, der zu Protokoll gibt, im Gefängnis zu Gott gefunden zu haben. Der hochcharismatische Mann bittet um den Segen der katholischen Kirche, Theologie studieren zu dürfen - und stürzt die Institution in ein politisch-moralisches Dilemma.

teleschau: Herr Eidinger, kann man über Nacht ein anderer werden?

Lars Eidinger: Ich würde da die Gegenfrage stellen: Wer sagt, dass wir unser Leben lang derselbe bleiben müssen? Sollte man sich nicht viel öfter komplett in Frage stellen und umdenken?

teleschau: Kamen Sie mal an einen Punkt in Ihrem Leben, an dem Sie radikal umdachten?

Eidinger: Es ist zwar ein Allgemeinplatz, aber die Geburt meiner Tochter war so ein Moment. Weil man sich anders begreift. Weil man eine neue Verantwortung trägt. Hinter dem Wunsch nach Kindern steckt ja auch immer die Idee, ein bisschen von sich selbst wegzukommen. Die Zeit zwischen 20 und 30 war eine, in der ich extrem um mich selbst kreiste. Das ist irgendwann ermüdend und nicht mehr fruchtbar.

teleschau: Dann hat Ihnen Ihre Tochter neuen Schwung verliehen?

Eidinger: Ich hatte in den letzten Jahren einen extremen Karriereschub - seit ich vor sieben Jahren "Alle anderen" drehte. Interessanterweise ist meine Tochter sieben Jahre alt. Die beiden Dinge haben schon etwas miteinander zu tun. Man könnte ja meinen: Ein Kind wirft einen karrieretechnisch zurück. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich glaube, dass Schauspieler, die Kinder bekommen, ihren Horizont erweitern und dadurch attraktiver sind.

teleschau: Inwiefern?

Eidinger: Zivilisation sublimiert unser unmittelbares Begehren - und sei es nur Fressen und Ficken. Als Schauspieler bin ich aber darauf angewiesen, dass ich diesen Sehnsüchten nachgehen kann. Kinder machen mir das vor: Sie sind noch ganz nah dran an ihren Bedürfnissen.

teleschau: Als Schauspieler bedienen Sie wie kaum ein anderer die Extreme - als Familienvater müssen Sie aber eine gewisse Normalität vorleben.

Eidinger: Ich finde, das ist kein Widerspruch. Die Art, wie ich spiele, ist ja nicht monströs, sondern kindlich. Wenn ich mit Dreck oder Pipi rummache oder mir auf der Bühne eine Wurst in den Arsch schiebe, dann hat das etwas Infantiles. Umgekehrt heißt Familie nicht, dass man brav um den Abendbrottisch sitzt, und keiner redet. Familie ist auch etwas Chaotisches. Ich gehe jetzt wieder schwimmen oder spiele Verstecken mit meiner Tochter auf dem Spielplatz oder buddele mit ihr ein Loch im Sandkasten. Man macht wieder viel mehr Quatsch als vorher.

teleschau: Glaubt Ihre Tochter an den lieben Gott?

Eidinger: Ja, das tut sie. Auch ich habe als Kind gebetet - allerdings hatte es viel mit Angst zu tun und auch mit Forderungen. Es ging um die banalsten Sachen wie eine gute Note in der Schule oder ein bestimmtes Weihnachtsgeschenk. Aus meiner heutigen Sicht hat das aber nicht viel mit Glauben zu tun. Glauben ist etwas Irrationales, man glaubt, weil es unglaublich ist ...

teleschau: Das macht die Sache reizvoll für viele Menschen.

Eidinger: Das finde ich auch. Es wird so aber nicht gepredigt. In der religiösen Lehre geht es vielmehr um Moral. Glaube und Moral muss man aber trennen. Das zeigt auch der Film, wenn er die Frage aufwirft: Inwieweit kann jemand Vergebung erfahren, der gemordet hat?

teleschau: Können Sie mit so schweren Begriffen wie Schuld und Vergebung etwas anfangen?

Eidinger: Es ist immer einfach, diese Begriffe abstrakt zu diskutieren. Aber in dem Moment, wo sie konkret werden, wird es kompliziert. Könnte ich jemandem verzeihen, der meine eigene Tochter getötet hat? Die Frage würde ich spontan mit Nein beantworten.

teleschau: Das wissen Sie als Vater sicher viel bestimmter als jemand, der keine Kinder hat.

Eidinger: Absolut. Es ist etwas Existenzielles, ein Kind zu haben. Es geht immer um Leben und Tod, es geht darum, das Kind zu schützen, man fühlt sich latent bedroht. Das macht die Angst vor dem Tod viel konkreter, während man sich als Jugendlicher im Grunde für unsterblich hält. So war es zumindest in meiner Jugend: Ich kokettierte mit dem Tod. Und plötzlich ist er greifbar.

teleschau: Das sind schwerwiegende Gedanken. "Der Prediger" trieft geradezu davon ...

Eidinger: Zur Vorbereitung auf meine Rolle machte ich mir die Mühe, noch mal in die Bibel zu gucken. Speziell in das Alte Testament. Ich merkte, dass die Sachen, die man im Kopf hat, die Bibel gar nicht ausmachen. Es gibt sehr viele eher unbekannte Stellen, in denen es um den strafenden Gott geht.

teleschau: Ein martialisches Buch.

Eidinger: Ja. Sehr düster und Angst einflößend. Ich glaube, die wenigsten Leute wissen, was in der Bibel wirklich drinsteht.

teleschau: Kann man mit der Bibel auch dann etwas anfangen, wenn man nicht gläubig ist?

Eidinger: Ja, finde ich schon. Ich bin ja auch nicht gläubig und aus der Kirche ausgetreten. Mit der Interpretation der Kirche komme ich sowieso nicht klar. Ich spielte unlängst Theater in Rom und besuchte den Petersdom. Dort kriechen Bettler mit Bechern in der Hand über den Boden, und die Geistlichen in ihren Talaren steigen über sie drüber. Das ist so offensichtlich bigott, dass ich damit ein Problem habe. Wenn im Petersdom das Gold an der Decke klebt, stolpere ich und frage mich: Was braucht der Glaube eigentlich? Braucht er diesen Prunk, um zu überzeugen?

teleschau: Was macht wahren Glauben Ihrer Meinung nach aus?

Eidinger: Innerlichkeit. Jan-Josef Geissler, den ich im Film spiele, findet bezeichnenderweise in dem Moment zu Gott, da er im Gefängnis auf sich selbst zurückgeworfen ist. Den Gedanken, dass die Erleuchtung aus einem selbst kommt, dass man das göttliche Potenzial in sich selbst spürt, finde ich zumindest nachvollziehbar. Wenn man sich auf sich selbst besinnt, kann das ein kathartischer Moment sein. Man macht das ja selten - wir sind so vielen Reizen jeden Tag ausgesetzt, auf die wir reagieren. Aber wir beschäftigen uns relativ selten mit uns selbst.

teleschau: Wenn Sie sich mit Ihrer Karriere beschäftigen und dem vielen Lob, das über Sie hereinbricht: Können Sie den Moment genießen?

Eidinger: Wenn man so erfolgreich ist, wie ich es gerade bin, gibt es viele Leute, die einem den Erfolg nicht gönnen. Das spüre ich schon auch. In der Hinsicht bin ich vielleicht ein bisschen paranoid. Weil ich weiß, dass ich selbst auf andere eifersüchtig bin.

teleschau: Sie gelten als äußerst ehrgeizig.

Eidinger: Erfolgreich sein zu wollen, ist eine gute Motivation, es macht auch Spaß. Aber es ist interessanterweise nicht ans Glück gekoppelt. Ein Moment, in dem ich eine Tasse Kaffee trinke oder mit meiner Tochter im Zoo bin, kann viel, viel wertvoller sein als ein Filmpreis. Die Erkenntnis beruhigt mich. Denn beim beruflichen Erfolg kommt man ja nie an. Man erreicht ein Ziel und steckt sich sofort das nächste. Seit ich begriffen habe, dass diese Kette unendlich ist, versuche ich, im Moment anzukommen und glücklich zu sein, mit dem was ich habe.

teleschau: Dennoch drehten Sie zuletzt eine enorme Vielzahl an Filmen. Dazu spielen Sie Theater, führen Regie, machen Musik. Das legt den Verdacht nahe, dass Sie ein Getriebener sind.

Eidinger: Neulich schaute ich eine Dokumentation über die Anfänge der Schaubühne an. Da sieht man mich vor 15 Jahren Theater spielen. Aus heutiger Sicht wirkt es sehr technisch und ist nur eine Oberfläche, die ich damals bediente. Dass ich als Persönlichkeit gewachsen bin an dem Beruf, hat damit zu tun, dass ich mich extrem fordere. Kreativität hat für mich etwas Therapeutisches.

teleschau: Kennen Sie das Gefühl, von der Arbeit ausgelaugt zu sein?

Eidinger: Wenn man mich unmittelbar nach einer "Hamlet"-Vorstellung fragt, wie's mir geht, würde ich immer sagen: Viel besser als vorher! Das kennt wahrscheinlich jeder vom Sport: Man sitzt ausgepumpt da und ist erfüllt und befriedigt. Wenn ich aber am nächsten Tag aufwache, fühlt sich mein Körper an, als hatte ich einen Autounfall gehabt. Wissen Sie: Ich schramme immer knapp am Burnout vorbei. Ich kann manchmal nur ganz schwer aufstehen am Morgen. Ich habe eine Tendenz zur Melancholie, aber auch zur Depression.

teleschau: Das klingt aber gefährlich!

Eidinger: Ach ja. Ich denke mir immer: Das hat doch jeder. Wer springt denn noch mit 38 aus dem Bett und freut sich, dass es hell geworden ist?

Quelle: teleschau - der mediendienst