Karoline Schuch

Karoline Schuch





Am Ende kamen Raketen

Zart, zerbrechlich, energisch, klein. So sitzt sie da, die Berliner Schauspielerin Karoline Schuch, mit ihrer - nachgelesenen - Körpergröße von einssechsundfünfzig, und unterstreicht jeden ihrer Sätze mit tollen Gesten. 1981 in Jena geboren und dort als Tochter von Ärzten mit ihren Geschwistern aufgewachsen, könnte sie ziemlich bald zu jenen ganz Großen zählen, die geringe Körpergröße in sehr viel Präsenz auf der Leinwand und auf dem Bildschirm umzusetzen verstehen. Schuch, die einst mit gerade einmal 18 Jahren von der Schule weg in der Daily-Soap "Verbotene Liebe" begann, darf man fraglos als Idealbesetzung für die junge Karrieristin Hanna bezeichnen. In Julia von Heinz neuem Spielfilm "Hannas Reise" (Start: 23.01.) begibt sich die Protagonistin in ein gefährliches Land: Weil es ihrer Karriere dienlich ist, geht sie nach Israel, um dort behinderte Jugendliche zu betreuen. Dort lernt sie viel darüber, dass auch unter Jüngeren noch schwierige Verhältnis zwischen Israelis und Deutschen bestehen. Und sie erlebt die Liebe zu einem Einheimischen mit all ihren Höhen und Tiefen.

teleschau: Die Rolle der Studentin Hanna, die gerne Karriere machen will und sich deswegen nicht ganz freiwillig zur Behindertenarbeit in Israel verpflichtet, ist eine ziemliche Herausforderung. Diese ehrgeizige Hanna ist ja nicht von Anfang an sympathisch.

Karoline Schuch: Ich habe mich riesig darüber gefreut, dass Regisseurin Julia von Heinz in mir diese Hanna gesehen hat. Es ist meine erste große Kino-Hauptrolle, erst kurz zuvor hatte mich ja Til Schweiger nach meinen jugendlichen Rollen als Staatsanwältin in seinem Film "Schutzengel" für das Erwachsenenfach entdeckt. Ich mag es, dass diese Hanna zu den Frauen gehört, die so vorwärts gehen, die nach vorne ausgerichtet sind.

teleschau: Hanna führt ja in gewisser Weise einen Kampf mit ihrer Mutter. Diese Abnabelung - kennen Sie die auch?

Schuch: Na klar. Die Abnabelung von den Eltern muss stattgefunden haben. Bei mir war klar: Ich studiere auf keinen Fall Medizin, wie es die Eltern wollten. Ich hab' dann zwar neben der Schauspielerei noch Psychologie studiert und abgeschlossen, aber eben doch nicht Medizin.

teleschau: Sie waren eine Musterschülerin.

Schuch: Es ging, Abi 1,5. Ich war gut in Deutsch und Latein.

teleschau: Latein?

Schuch: Naja, Latein setzte sich aus 50 Prozent Übersetzung und aus 50 Prozent Interpretation zusammen. Ich hab's mit der Interpretation rausgeholt.

teleschau: In "Hannas Reise" geht es um das schwierige Verhältnis zwischen Juden und Deutschen, lange nach dem Holocaust. Haben Sie selbst mit Ihren Eltern und vielleicht Großeltern über das Thema gesprochen?

Schuch: Am ehesten mit der Großmutter. Sie kam aus Dresden und hat mir als Kind viel über den Krieg erzählt, über die Bomben, und wie die Tiere aus dem Zoo ausgebrochen sind. Aber über die Nazizeit wurde nicht viel geredet. Bei meinem Großvater war da meist nach zwei Sätzen Schluss. Aber auch mein Filmpartner Doron Amit, dessen Großeltern aus Deutschland nach Israel emigrierten, hat darüber, wie er mir sagte, mit seinen Großeltern nicht geredet.

teleschau: Was waren Ihre Eindrücke in Israel? Es wurde am Ende ja wohl ziemlich gefährlich.

Schuch: Zwei Tage nach der "Schutzengel"-Premiere bin ich in Tel Aviv angekommen. Es erging mir genau so wie der Hanna im Film - alles war laut und heiß, die Stimmung war gereizt. Die erste Wohnung war schrecklich. Aber dann habe ich mich einfach auf alles eingelassen. Ich habe dann auch erst einmal die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem besucht. Es half mir, weil das mindestens 20 Stunden frontalen Geschichtsunterricht ersetzt. Die Filmaufnahmen mit den Überlebenden des Holocaust beeindruckten mich sehr, aber auch die Architektur der Gedenkstätte. Am Ende der Ausstellung öffnet sich der Bau in einer Glasfront und man schaut auf das sonnenüberflutete Jerusalem.

teleschau: Im Film geht es allerdings um die Gegenwart, um das Leben in Tel Aviv und eine junge Deutsche, die viel lernt über Israel und über ihre deutschen Großeltern.

Schuch: Es geht vor allem um eine junge Frau, die erkennen muss, dass das Leben nicht einfach so planbar ist, wie man es sich wünscht. Um den Irrglauben, dass man alles erreichen kann, wenn man es einfach will. Im Verbund mit der deutsch-israelischen Vergangenheit und der aufkeimenden Liebe zu einem jungen Israeli ist es ein Film für Jung und Alt gleichermaßen.

teleschau: Im Film gibt es bittere Holocaust-Witze. Aber auch die Gegenwart, etwa dass mögliche Bombenangriffe beim Strandleben für das Tourismus-Marketing nicht eben förderlich sind, wird gestreift.

Schuch: Gegen Ende unserer Dreharbeiten im November 2012 gab es immer wieder Sirenenalarm. Zum ersten Mal seit 20 Jahren fielen Raketen auf das Gebiet von Tel Aviv. Einige Teammitglieder wurden als Reservisten bereits darüber informiert, dass sie in Kürze eingezogen werden würden.

teleschau: Trotzdem zieht es inzwischen immer mehr junge deutsche Touristen nach Israel.

Schuch: Diese große Annäherung, die in meiner Generation stattfindet, ist ja eher so eine Party-Annäherung, etwa zwischen Berlin und Tel Aviv. Ich würde jedenfalls jedem raten, wenigstens einmal im Leben nach Yad Vashem zu fahren.

Quelle: teleschau - der mediendienst