Staudamm

Staudamm





Eine Tatortbesichtigung

Ob sie noch zusammen seien, fragt seine Freundin. "Keine Ahnung", erwidert Roman. Was er von Amokläufern halte, fragt sein Arbeitgeber, ein Anwalt. Wieder hat Roman "keine Ahnung". Zu nichts hat er eine Meinung, ein junger Mann ohne Eigenschaften. Einem leeren Blatt gleich, bereit, sich fremdes Grauen einschreiben zu lassen. Bereit auch, die Rolle zu übernehmen, die ihm im qualitativ schwankenden Film "Staudamm" das verschonte Opfer eines Schulamoks zugedacht hat, um in eine bessere Zukunft aufbrechen zu können.

Bis er weiß, was er außer Computerspiele spielen und auf Partys gehen noch machen will, digitalisiert Roman (Friedrich Mücke, "Friendship!") Gerichtsakten durch Einlesen, eigentlich Einsprechen. Das Meiste ist langweilig - bis der Münchner die Unterlagen zu dem Fall Peter Wagner auf den Schreibtisch bekommt. Ehe er am Staudamm im Feuergefecht mit der Polizei starb, erschoss der Gymnasiast viele Mitschüler und Lehrer an einer Schule in einem kleinen Ort der bayrischen Provinz.

Eben dorthin wird Roman geschickt, um weitere Akten zu holen. Bei seiner Ankunft trifft er auf Laura (Liv Lisa Fries), von der er als schwer traumatisierte Überlebende bereits gelesen hat. Während Roman mehrere Tage auf die Freigabe der Akten wartet, besuchen sie den Tatort, das verlassene Elternhaus Peter Wagners, den Staudamm. Dann überrascht ihn Laura mit einem Tagebuch, das zwar dem Blutbad keinen Sinn gibt, wohl aber Romans Anwesenheit an diesem Ort.

Zu den Lobeshymnen, die "Staudamm" auf dem Weg ins Kino vorauseilen, gehört auch ein Statement des "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden - Stiftung gegen Gewalt an Schulen". Der Vorstand lobt, "dass 'Staudamm' keine Inszenierung des Amoklaufs zeigt und damit etwa voyeuristische Neigungen befriedigt". Das ist zweifellos richtig. Regisseur Thomas Sieben, der mit Christian Lyra auch das Drehbuch verfasste, orientiert sich am Stil von KZ-Dokumentationen wie "Nacht und Nebel" und "Shoah". Augenzeugen und Dokumente erzählen vom Töten, der Zuschauer muss sich vorstellen, dass so etwas in den dabei gezeigten, idyllisch anmutenden Gegenden passieren konnte.

Pädagogischer Wert solchen Verfahrens ist in "Staudamm" jedoch nicht zugleich ästhetischer. Der Bericht von Peter Wagners Erschießungen aus nächster Nähe kontrastiert doch sehr gewollt mit den friedlichen Landschaftsbildern. Bis zur grandiosen, eigenständigen, lebensbejahenden Schlusspointe passiert Vieldeutiges, das auch schwammig und beliebig wirkt. Von Konstruktionsverrenkungen und der unbestimmt gehaltenen Hauptfigur ganz zu schweigen, die Ansätze von Interesse am Thema Amoklauf nicht wirklich erkennen lässt. Doch die gute Absicht muss einmal mehr zählen dürfen als die Ausführung.

Quelle: teleschau - der mediendienst