Jennifer Rostock

Jennifer Rostock





Keine falsche Scheu

Elf Uhr morgens in einem Hotel in der Hamburger Hafen City. Jennifer Weist drückt Johannes Walter einen dicken Kuss auf die Wange. "Wie du schon wieder aussiehst, kleine Maus. Total verschlafen!", sagt die Sängerin von Jennifer Rostock zu ihrem Bandkollegen. Am Vorabend ist das aus Usedom stammende, inzwischen in Berlin lebende Quintett mit einer kleinen Barkasse durch den Hamburger Hafen geschippert, um einigen Fans die ersten Songs ihres neuen Albums vorzustellen. Es trägt, passend zu diesem müden Morgen, den Titel "Schlaflos" (VÖ: 17.01.) und wartet mit Überraschungen auf. Nach hunderten Konzerten, ausverkauften Touren und ihrem bisher größten Charterfolg - das letzte Album "Mit Haut und Haaren" (2011) stieg auf Platz vier der deutschen Charts ein - hat die Band auf ihrem vierten Album bewusst Neues gewagt. Im Interview sprechen Jennifer Weist und Johannes Walter über den Spagat zwischen ZDF-"Fernsehgarten" und Punkschuppen, ihr Image und natürlich über schlaflose Nächte.

teleschau: Angesichts des Albumtitels drängt sich die Frage auf: Wann waren Sie das letzte Mal schlaflos?

Johannes Walter: Letzte Nacht! Das ist ein super schönes Hotel hier, aber schlafen konnte ich irgendwie überhaupt nicht.

Jennifer Weist: Ich auch nicht, ich wälzte mich nur von einer Seite auf die andere.

teleschau: Vor lauter Aufregung wegen Ihres neuen Albums?

Weist: Nee!

Walter: Manchmal hat man ja so Nächte. Wenn man zu den Menschen gehört, die abends nicht einfach den Kopf ausmachen und einpennen, sondern wenn man grübelnd da liegt. Das ist die eine Seite von Schlaflosigkeit. Die andere ist, wenn man gerne unterwegs ist, feiern geht und die Nacht zum Tag macht. Wir kennen beide Seiten der Schlaflosigkeit, und deswegen geht es auf dem Album auch um all die unterschiedlichen Facetten.

teleschau: Musikalisch wartet das Album mit einigen Überraschungen auf: Mit "Du nimmst mir die Angst" gibt es das erste echte Liebeslied von Jennifer Rostock. Wie kam es dazu?

Walter: Die Idee zu "Du nimmst mir die Angst" kam mir, weil ich meinem Freund auf unserer letzten Tour einen Antrag machte und mir irgendwann auffiel, dass ich gar nicht "Ich liebe dich" gesagt hatte. Für mich ist das ein komischer Satz, weil ihn schon Millionen Menschen gesagt haben. Das ist wie eine hohle Phrase. "Du nimmst mir die Angst" schien mir als Liebeserklärung viel sinnvoller. Denn jeder hat irgendwelche Ängste, auch die ganz Mutigen. Jemanden zu finden, der einen in der Hinsicht stärkt, ist das, was für mich das Teamsein in einer Beziehung ausmacht.

teleschau: In "Ein Schmerz und eine Kehle" hingegen sprechen Sie das Thema Russland an.

Weist: Der Song ist für uns etwas ganz Besonderes. Uns war von Anfang an klar, dass wir ihn auf jeden Fall rausbringen müssen, weil er einfach eine geile Aussage hat. Wir wollen die Leute damit darauf aufmerksam machen, was in Russland passiert. Denn in den deutschen Mainstream-Medien wurde die Thematik gar nicht oder unserer Meinung nach zu wenig aufgegriffen.

teleschau: Für Meinung und Haltung standen Jennifer Rostock schon immer, ob es um das Engagement für die Tierrechtsorganisation PETA oder gegen Rechtsradikalismus geht. Wie wichtig ist es Ihnen, mit den Texten ein Statement abzugeben?

Weist: Ich finde, dass es viel zu wenig Bands gibt, die das machen. Wir haben halt eine große Community und dadurch die Möglichkeit, den Leuten zu sagen, was wir denken und was wir gut beziehungsweise schlecht finden. Natürlich zwängen wir niemandem etwas auf, aber wir wollen auf Dinge aufmerksam machen. Zu vielen Dingen haben wir auch einfach einen persönlichen Bezug. Wir kommen aus Mecklenburg-Vorpommern, da gibt es viele Rechte, also wollen wir dagegenwirken. Die Jungs sind vegan, also setzen wir uns für PETA ein.

Walter: Ich finde man darf auch keine Scheu davor haben. Klar, wenn man sich für etwas positioniert, gibt es immer Leute, die das doof finden.

teleschau: Sie erlebten das, als Sie Anfang 2013 auf Facebook verkündeten, dass Sie bei Ihren Konzerten keine Besucher mit T-Shirts von rechten Rock-Bands wie den Böhsen Onkelz und Frei.Wild sehen wollen. Sie ernteten daraufhin einen Shitstorm ...

Weist: Ja, das war heftig, wir bekamen richtige Drohungen. Dabei hatte ich das schon vor drei Jahren mal auf der Bühne gesagt, als auf einem Festival jemand mit einem Frei.Wild-Shirt im Publikum stand. Nur wusste damals noch keiner, wer die sind. Es heißt dann immer, dass wir auf einen Zug aufspringen, aber sorry, wir positionierten uns da schon vor Ewigkeiten. Und wir fanden es super, dass Leute wie Jupiter Jones das auch machten und ein Statement abgaben. Es gibt einfach zu wenig Bands, die das machen, weil sie Angst vor den Reaktionen haben.

Walter: Das ist auch krass aufzuwachen und du hast plötzlich 6.000 Hassnachrichten. Aber dann gab es auch Momente, in denen jemand Jennifer ansprach und sagte "Danke, ich war Frei.Wild-Fan, aber ich hatte überhaupt keine Ahnung, ich habe mich mit den Texten nie beschäftigt".

teleschau: Tatsächlich?

Weist: Ja, der hatte sogar ein Tattoo!

Walter: Aber dann beschäftigte er sich damit und merkte, dass er das nicht mehr hören will.

Weist: So etwas ist halt geil, wenn so jemand auf dich zukommt und du merkst, dass das Ganze was gebracht hat. Und das gilt auch für "Ein Schmerz und eine Kehle". Ich glaube viele Leute wissen gar nicht, was in Russland abgeht. Aber es ist cool zu sehen, dass die Leute sich in YouTube-Kommentaren oder wo auch immer darüber unterhalten und austauschen. Die Leute fragen und bekommen Antworten von denen, die es wissen. So geht die ganze Informationsflut los.

teleschau: Von Kritikern und Medien werden Sie trotzdem oft verspottet. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass vielen Leuten Ihre Haltung gar nicht bewusst ist und man Sie nicht ernst nimmt?

Walter: Das geht uns schon immer so. Früher störte uns das, aber mittlerweile ist es uns egal. Man kann uns natürlich schnell in eine Schublade stecken und wir sind an vielen Stellen sicherlich angreifbar, das ist uns bewusst. Man kann uns einfach als Deutschpop abtun. Aber wir wissen, dass es nicht so ist. Und umso mehr freuen wir uns, wenn die Leute es sich nicht so leicht machen und unser neues Album einfach mal anhören!

Weist: Wir machen das jetzt ja schon seit sechs oder sieben Jahren und mittlerweile lesen wir keine Reviews mehr über uns, weil es nervt wie Hölle. Davon wird man bloß runtergezogen, obwohl das nicht der Fall sein sollte, weil es viel zu viele Leute gibt, die gut finden, was wir machen. Das Wichtigste ist, dass wir dahinter stehen, und dann ist der Rest erst mal egal.

teleschau: Sie touren einerseits durch abgeranzte Clubs und spielt harte Gitarrenriffs, andererseits waren Sie schon bei Markus Lanz und beim "Perfekten Promi-Dinner". Wie schafft man diesen Spagat zwischen Mainstream und Punkrock?

Weist: Naja, wir sind eine Band, die immer abstimmt. Wenn so eine Anfrage kommt und drei dafür sind, dann machen wir es halt. Und wenn wir das alles nicht gemacht hätten, würde uns glaube ich etwas fehlen. Wir hatten viel Spaß in den letzten Jahren.

Walter: Viele Sachen machten wir auch deshalb, weil es lustig ist. Natürlich wissen wir, dass wir keinen großartigen Mehrwert davon haben, wenn wir Sonntagfrüh um elf Uhr im "Fernsehgarten" einen Song Playback auf einer schwimmenden Insel im Pool singen. Aber es war geil, dass wir es gemacht haben (lacht). Es war surreal, und es macht Spaß, solche Grenzen auch mal zu überwinden.

Weist: Ich möchte jetzt nicht in eine Show von Mario Barth und mit ihm lustig umher musizieren. Da habe ich keinen Bock drauf. Aber so lange wir dabei wir selbst sein können - warum nicht in den "Fernsehgarten" oder zu Lanz?

teleschau: Wurde darüber auch abgestimmt?

Weist: Nee, da war ich ja alleine. Wenn es um mich geht, entscheide ich das selber. Aber der Jo ist immer cc bei den Mails (lacht). Markus Lanz war übrigens super süß. Wir redeten danach ganz lange und er machte Fotos von mir. Er macht ja auch Fotobände von seinen Reisen und so. Ich fand das total cool und würde mich jederzeit wieder in die Talkshow setzen.

teleschau: Heißt das, dass wir Jennifer Rostock demnächst bei "Wetten, dass ..?" sehen?

Weist: Naja, "Wetten, dass ..?" ist ja eher eine Witzveranstaltung ...

Walter: Dafür müssten wir abstimmen. Und da fehlen jetzt die anderen.

Jennifer Rostock auf Deutschland-Tournee:

31.01., München, Tonhalle

01.02., Ravensburg, Oberschabenhalle

03.02., Stuttgart, Beethovensaal

04.02., Wiesbaden, Schlachthof

05.02., Hannover, Capitol

07.02., Oberhausen, Turbinenhalle

08.02., Hamburg, Große Freiheit 36

09.02., Hamburg, Große Freiheit 36

11.02., Köln, Palladium

12.02., Saarbrücken, Garage

14.02., Erfurt, Thüringenhalle

15.02., Leipzig, Haus Auensee

16.02., Berlin, Columbiahalle

Quelle: teleschau - der mediendienst