Carolin Kebekus

Carolin Kebekus





"Ich war auch mal ein Assi"

Sie gilt als hart, rau, gnadenlos - und wurde genau deshalb im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Comedypreis als beste Komikerin ausgezeichnet: Carolin Kebekus. Die 33-jährige Kölnerin ist bekannt dafür, auf der Bühne kein Blatt vor den Mund zu nehmen, zu schimpfen und zu pöbeln, was ihre Themen hergeben. Eines davon: der anhaltende Schönheitswahn in unserer Gesellschaft. Den greift Kekebus auch in ihrem aktuellen Programm "Pussy Terror" heftig an, zu dem gerade ein zweistündiger Live-Mitschnitt als DVD erschienen ist. Unter dem Titel "Carolin Kebekus live! Pussy Terror" zeigt RTL am Freitag, 31. Januar, und Freitag, 7. Februar, jeweils 23.15 Uhr, Ausschnitte daraus. Ein Gespräch über Derbheit als Überbleibsel der Jugend, einen erzwungenen Karrierestart und den Kampf mit dem männerfixierten Comedypublikum.

teleschau: Frau Kebekus, es ist gerade Mittag. Heute schon geflucht?

Carolin Kebekus: Zum ersten Mal heute Morgen, als der Wecker geklingelt hat. Das zweite Mal, als keine Milch mehr da war für den Kaffee. Das war's bis jetzt. Ist aber sicher noch einiges möglich heute (lacht).

teleschau: Fluchen Sie generell viel, wenn der Tag lang ist?

Kebekus: Kann passieren. Kommt natürlich darauf an, wie der Tag verläuft. Wenn mich etwas aufregt, rutscht mir schon mal ein "Fuck" oder ein "Scheiße" raus.

teleschau: Sie haben mal gesagt, Ihr Hang zum Fluchen sei ein Überbleibsel Ihrer Jugend. Können Sie mal ein bisschen beschreiben, wie Sie als Teenager waren?

Kebekus: Wie vielen Gleichaltrigen auch, war mir damals so manches scheißegal. Wenn mich einer gefragt hat, was ich später mal machen will, kam von mir oft nur der Spruch: "Na, Bier trinken, du Otto, wat'n sonst?" Diese Art von Attitüde war einfach cool und irgendwie ganz normal in dem Alter. Ich meine: Wir haben damit angegeben, wie oft wir schon die Schule geschwänzt haben!

teleschau: Wie denken Sie heute darüber?

Kebekus: Rückblickend war das natürlich alles Quatsch und überhaupt nicht echt. Aber im Jugendalter probiert man sich halt aus. Man versucht herauszufinden, was für ein Typ man so ist. Und ich war, glaube ich, eben auch mal ein Assi.

teleschau: Und wann haben Sie angefangen, Ihr Jugend-Ich zu parodieren und damit Leute zu unterhalten, was Sie bis heute tun?

Kebekus: Ganz ehrlich: Ich wollte nie unbedingt auf die Bühne. Das hat sich eher so ergeben.

teleschau: Wie denn?

Kebekus: Ich habe schon immer gerne Geschichten erfunden und erzählt. Auch Witze. Als Kind habe ich Witze auch nach der Pointe weitererzählt, wenn keiner gelacht hat. Allerdings musste man mich schon ein Stück weit zwingen, bis ich damit auf die Bühne ging.

teleschau: Erzählen Sie mal.

Kebekus: Einige Leute aus meinem Umfeld meinten, ich sollte mit meinen Geschichten vor Publikum auftreten. Ich hingegen fand die Idee total verrückt, alleine auf einer Bühne zu stehen. Irgendwann haben mich ein paar Freunde einfach, ohne mich zu fragen, für eine Open-Mic-Show angemeldet. Dann musste ich auftreten. Und das ging ja auch gut.

teleschau: So gut, dass Sie bald den nächsten Auftritt hatten und innerhalb kürzester Zeit zu einer der erfolgreichsten Comedians des Landes wurden. Wie fanden Sie anfänglich eigentlich die Szene rund um Mario Barth und Cindy aus Marzahn?

Kebekus: Ich hatte auf jeden Fall großen Respekt vor jedem, der über mehrere Stunden vor Publikum sprechen konnte.

teleschau: Dennoch kritisierten Sie öffentlich Barths Humor, der veraltet wirke. Außerdem sei man in Ihren Augen als Frau wohl nicht witzig genug, wenn man sich in diesem Gewerbe verkleiden müsse, sagten Sie einmal.

Kebekus: Ja, das ist ja auch so. Sich als Frau als Putzfrau verkleiden und Witze über dreckige Socken erzählen - darin kann sich zumindest in meiner Generation niemand mehr wiederfinden. Mich persönlich langweilt das einfach nur.

teleschau: Barth und Kollegen erreichen mit ihren schlichten Witzen weiterhin die Masse. Wäre das nicht auch was für Sie? Reizt Sie das Riesenpublikum nicht?

Kebekus: Mein Ziel war es jedenfalls nie, so schnell wie möglich oder überhaupt in Stadien zu spielen. Ich habe mal für 1live in der ehemaligen Kölnarena vor 7.000 Leuten moderiert. Das war für mich schon ziemlich krass. Das hat sich gewaltig angefühlt.

teleschau: Viele Zuschauer kommen zu Ihnen gerade wegen Ihrer Derbheit. Manche Kritiker wollen Ihnen wegen Ihrer rauen Art sogar einen Männerhumor attestieren. Kommen Sie damit zurecht?

Kebekus: Männerhumor würde ich das, was ich habe und mache, nicht nennen. Wenn ein Mann die Sachen auf der Bühne sagen würde, die ich sage, würde sich das keiner anhören wollen.

teleschau: Aber Sie haben von Beginn an auf eine etwas schroffe Direktheit gesetzt.

Kebekus: Als ich anfing, spielte ich regelmäßig in Mix-Shows, trat also neben mehreren anderen Künstlern auf. Und immer, wenn ich dran war, haben die Moderatoren Sachen gesagt wie: "Unser nächster Gast ist eine Gästin!" Dann ging erst mal ein Raunen durch den Saal. Einige standen schon auf, so nach dem Motto: Jetzt kommt die Frau, dann können wir ja mal Bier holen oder Pinkeln gehen.

teleschau: Wie gingen Sie damit um?

Kebekus: Ich habe bald die Erfahrung gemacht, dass ich die Aufmerksamkeit des Publikums ziemlich sicher bekomme, wenn ich auf der Bühne eben schnell deutlich werde.

teleschau: Deutlicher, als Sie es abseits der Bühne sind? Sind Sie also in eine Rolle geschlüpft?

Kebekus: Ich glaube, dass jeder, der eine Bühne betritt, auch in irgendeiner Weise beginnt, eine Rolle zu spielen. Aber diese direkte Art gehört schon auch zu meinem Wesen. Sie dann auch auf die Bühne zu bringen, hatte von Anfang an einen besonderen Reiz. Und die Leute waren davon überrascht. Plötzlich stand da dieses Mädchen und hat erst mal 'ne Runde über Penisse geredet.

teleschau: Wollten Sie so früh wie möglich ein Markenzeichen besitzen?

Kebekus: Ich wollte zumindest, dass die Leuten wissen, dass ich eine einfache, klare Sprache spreche.

teleschau: Das tun Sie auch in Ihrem aktuellen Programm und auf der DVD "Pussy Terror" - und das radikal: Von Uli Hoeneß über Simone Thomalla bis zu den Katholiken kriegen viele ihr Fett weg. Das Publikum johlt - und Sie gehen immer weiter drauf. Kann das People-Bashing süchtig machen, wenn man einmal merkt, es funktioniert?

Kebekus: Mein Ziel ist es, niemals mein Publikum und auch nie mich selbst zu langweilen. Zwischendurch muss ich deshalb schon auch ein bisschen auf mich selbst draufhauen. Selbstironie ist wichtig. Wenn man die nicht hat, ist die Show zu einseitig.

teleschau: Das alles übergreifende Thema in Ihrer Show heißt nun Schönheitswahn. Der scheint Ihnen besonders auf die Nerven zu gehen.

Kebekus: Stimmt. Denn dieses Schönheitsideal, was einem alltäglich suggeriert wird und woran man sich unbedingt zu halten hat, wird immer krasser. Ich kenne Simone Thomalla nicht, und sie ist an dieser Stelle auch austauschbar. Aber als ich diesen einen "Tatort" mit ihr gesehen habe, war ich einfach nur fassungslos. Es sah so bescheuert aus! Hätte ich den Ton ausgemacht, wäre womöglich der Eindruck entstanden, es liefe ein Porno in der ARD. Thomalla wurde in dem Moment ganz einfach zur Botox-Witzvorlage.

teleschau: Sind Sie selbst auch manchmal Opfer von Schönheitskampagnen?

Kebekus: Absolut! Schon in der Pubertät habe ich so unfassbar viel Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, wie fett mein Arsch genau ist, dass ich mich mit Dingen wie Mathe und so gar nicht mehr beschäftigen konnte.

teleschau: Und heute?

Kebekus: Mache ich mir immer noch viele Gedanken über mein Aussehen. Darüber, ob meine Haare cool sind, ob meine Schminke schön aussieht, welchen Scheiß ich mir als nächstes kaufen sollte und und und. Ich kann zwar versuchen, mich dem Schönheitswahn zu entziehen, werde das aber nie ganz schaffen.

teleschau: Am schlimmsten, so sagen Sie es in Ihrem Programm, finden Sie daran, dass man von den Medien als Frau erklärt bekäme, man müsse in einer bestimmten Altersspanne ständig "fuckable" aussehen.

Kebekus: Das ist ja auch ganz schlimm. Es gibt allein unzählige Promi-Portale, die rund um die Uhr Nachrichten wie "Cameron Diaz hat jetzt auch ganz doll Cellulite" verschicken. Das ist dann plötzlich nicht mehr normal, sondern wird als ganz schrecklich beschrieben. Auch schlimm: Wenn Models darauf geprüft werden, wann sie nach der Geburt ihres Kindes wieder für Unterwäsche werben dürfen. Viele Frauen, die auch gerade ein Kind bekommen haben, kriegen das mit und denken sich natürlich: Ich muss unbedingt was machen und mich besser organisieren, Heidi Klum hat das doch auch geschafft! Dabei lassen sich die ganzen Topmodels ihre Babys am Ende des achten Monats einfach per Kaiserschnitt rausholen und umgehen damit die letzten Schwangerschaftswochen, in denen der Bauch noch mal richtig dick wird und das das Gewebe anfängt zu reißen.

teleschau: Welche Message wollen Sie mit "Pussy Terror" dagegen halten?

Kebekus: Ich möchte aufzeigen, was es heute bedeutet, eine Frau zu sein. Vor allem, dass das gar nicht so leicht ist. Wenn man nämlich körperlich nur ein wenig aus der Norm fällt, Shoppen scheiße findet und womöglich ab und zu auch gerne mal ein Bier trinkt, heißt es schon: "Häh, bist du'n Typ, oder was?" Mir hat mal ein Journalist vorgeworfen: "Hey, Sie sagen immer so feministische Dinge, tragen ja aber selbst Nagellack!"

teleschau: Was haben Sie ihm geantwortet?

Kebekus: Dass ich sogar ne emanzipierte Frau sein und trotzdem privat einen Schwanz in den Mund nehmen kann. (lacht)

Quelle: teleschau - der mediendienst