Götz Schubert

Götz Schubert





Der Mann mit den 1.000 Gesichtern

Viele Menschen kennen ihn, auch wenn den Namen nur jene auf Anhieb parat haben, die sich tatsächlich für Schauspielkunst interessieren. Götz Schubert, gebürtiger Sachse, ist einer der besten und meistbeschäftigten Darsteller im deutschen Fernsehen. Wobei die Wandlungsfähigkeit des schlaksigen Charakterschädels dem 50-Jährigen in die Karten spielt. Am meisten Aufmerksamkeit erhielt Schubert für seine Rolle als "Chef" Helmut Enders im der drei Staffeln langen Polizeiserie "KDD". Die bärenstarke, innovative ZDF-Produktion wurde zwischen 2007 und 2009 mit Preisen überhäuft, scheiterte allerdings in Sachen Quote. Binnen weniger Tage ist Götz Schubert nun gleich zweimal in neuen TV-Filmen zu sehen: als englischer Adeliger in der ZDF-Krimikomödie "Inspektor Jury - Mord im Pub" (Montag, 27.01., 20.15 Uhr) sowie als engagierter Gefängnispfarrer im ARD-Drama "Der Prediger" (Mittwoch, 05.02., 20.15 Uhr).

teleschau: Seit der Spielzeit 2013/14 gehören Sie fest zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Ein ungewöhnlicher Schritt für einen viel beschäftigten Filmschauspieler ...

Götz Schubert: Ich liebe das Theater. Wenn man viel dreht, bleibt meist nur das Sommertheater - und das war mir ein bisschen wenig. Ich glaube, es gibt heute wieder mehr Schauspieler, die man aus Film und Fernsehen kennt, die viel Theater spielen. Fabian Hinrichs, Corinna Harfouch, Nina Hoss, Caroline Peters, Bibiana Beglau oder Samuel Finzi beispielsweise.

teleschau: Profitiert das Theater von der Prominenz der TV-Gesichter?

Schubert: Ein bisschen, vielleicht. Aber das sollte man nicht überschätzen. Ein bekannter Name auf der Besetzungsliste eines Theaterstückes kann auch schnell nach hinten losgehen. Dann nämlich, wenn das Stück nicht gut ankommt - da nutzt dann auch der bekannte Name nichts. Ich glaube aber umgekehrt, dass Film und Fernsehen ganz klar vom Theater profitieren. Dann, wenn wir uns über die schauspielerischen Möglichkeiten der Darsteller unterhalten. Fernsehen in seiner sehr routinierten Machart kann die Fähigkeiten eines Schauspielers durchaus ein bisschen eindampfen.

teleschau: Regelmäßiges Arbeiten auf der Bühne sorgt also für bessere schauspielerische Leistungen in Filmen?

Schubert: Natürlich gab es immer schon Schauspieler, die nie auf einer Bühne gestanden haben, aber vor der Kamera einfach großartig sind. Andererseits gibt es auch den Beruf des Schauspielers, den man erlernen muss. Dieses Handwerk gilt es frisch zu halten, und man verändert sich ja auch durch das Arbeiten auf der Bühne ständig. Ich beschäftige mich am Theater anders mit Texten oder Stoffen. Man denkt über Spieltiefe und Ausdrucksformen nach. Mich bringt das ganz klar weiter, und das trägt man natürlich auch in die Arbeit vor der Kamera hinein. Man kann auch in einem "Tatort" seinen Shakespeare finden.

teleschau: Gehen Sie mit gleichem schauspielerischen Aufwand an eine Rolle heran - egal, ob es sich um ein ambitioniertes Projekt wie "KDD" oder eine eher konventionelle Kriminalkomödie wie "Inspektor Jury" handelt?

Schubert: Ich kann jedes Projekt nur individuell beurteilen. Bei "KDD" hatte ich gar nichts im Kopf. Wir Schauspieler wussten auch anfangs nicht, wie die Serien aussehen würde. So lange, bis uns Matthias Glasner, der Regisseur der ersten Folgen, nach einiger Zeit mal ein paar Ausschnitte gezeigt hat. Da habe ich erst kapiert, dass die versuchen, sozusagen den Schmutz der Straße in diese Serie zu tragen. Dass man da ein realistischeres Abbild der Welt in Film zu gießen versuchte. "Inspektor Jury" ist nun etwas ganz anderes. Das funktioniert eher über eine geschliffene Sprache. Ich könnte sagen, das hat etwas von George Bernard Shaw. Ein Stück, in dem sich die Emotion hinter geschliffener Sprache versteckt. Das kann sehr reizvoll sein ...

teleschau: Funktioniert so etwas überhaupt, wenn wie bei "Inspektor Jury" Deutsche auf einmal Engländer spielen? Oder - was es ja auch in manchen Krimi-Formaten gab - Deutsche einen Italiener mimen?

Schubert: Es geht immer erst mal um die Qualität des Textes. So etwas wie Shaw funktioniert auch in der deutschen Übersetzung. "Inspektor Jury" ist natürlich keine Realität und auch nicht so gedacht. Es ist eine erschaffene und erspielte Welt. Da würde ich grundsätzlich sagen: So etwas kann auch ein deutscher Schauspieler leisten, denn es geht nicht um Authentizität. England ist auch in Sachen Mentalität nicht so weit weg von uns, wie man manchmal glaubt. Da finde ich es mit den Südländern schon schwieriger.

teleschau: "Inspektor Jury" erinnert ein bisschen an die klassischen Krimis von Agatha Christie. Die spielten in künstlichen, sehr englischen Settings, und der Reiz erschloss sich vor allem über das Miträtseln. Haben Sie Agatha Christie früher auch gelesen, oder gab es die Bücher nicht in der DDR?

Schubert: Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube sogar, AgathaChristie-Romane gab es auch in der DDR. Ich habe sie aber nicht gelesen und bin über die Verfilmungen ihrer Stoffe auf diese klassisch-englische Krimi-Tradition gestoßen. Ich stand vor allem immer schon auf den Humor, der da drin lag. Einer meiner Lieblingsfilme ist "Eine Leiche zum Dessert" - mit Peter Sellers, Peter Falk, David Niven, Maggie Smith, Truman Capote, Eileen Brennan und Alec Guinness. Das ist diese wunderbare Parodie aus den 70er-Jahren auf sämtliche damals bekannten großen Kommissarfiguren - und genau mein Humor.

teleschau: Dafür, dass Sie sehr viel im Fernsehen zu sehen sind, haben Sie eigentlich kein klares Profil, keinen bestimmten Typ, den sie verkörpern. Ist das gut oder schlecht?

Schubert: Ich denke, es ist eher gut. In der MDR Talkshow "Riverboat", bei der ich vor kurzem Gast war, nannte mich die Moderatorin, den Mann mit den 1.000 Gesichtern. Mir gefällt das. Ich arbeite auch gerne mit körperlicher Veränderung und sehe beispielsweise in "Der Turm" ganz anders aus als bei "KDD". Trotzdem werde ich vor allem für diese beiden Rollen erkannt - wenn ich allein die Häufigkeit zähle, wie oft ich auf etwas angesprochen werde. Da denke ich immer, "KDD" müssen doch sehr viel mehr Leute geguckt haben (lacht).

teleschau: Gibt es für Sie eigentlich noch Traumrollen im Fernsehen? Projekte, bei denen Sie sagen würden: Bei so etwas bin ich sofort dabei ...

Schubert: Ich bin ein großer Fan gut ausgedachter und geschriebener Komödien. Die gibt es leider kaum im deutschen Film oder Fernsehen. Das Bühnenstück "Der nackte Wahnsinn" von Michael Frayn wäre ein Beispiel für eine solch gute Komödie, aber das gibt es leider schon als Film - mit dem großartigen Michael Caine. Ich finde es toll, wenn man als Schauspieler auch mal richtig aus sich rausgehen darf, das passiert im modernen Kino oder Fernsehen kaum noch. Immer wieder heißt es, dass man zurückhaltend spielen soll. Ist ja auch richtig so, aber richtig Spaß machen mir tatsächlich Sachen, wo man diese spielerische Zurückhaltung mal ablegen kann. Deshalb muss das Ergebnis keineswegs lächerlich sein.

teleschau: Sie interessieren sich also auch für Slapstick?

Schubert: Ja, Slapstick ist ein Teil dieses Verlangens nach anderen, besseren Komödien. Guter Slapstick ist wahnsinnig schwer, und es gibt kaum noch Leute, die das können. Dass jemand wie Louis de Funes keinen Nachfolger gefunden hat, liegt nicht nur daran, dass seine Art des Spiels nicht mehr so in Mode ist. Es fehlt einfach auch an Leuten, die so etwas drauf haben. Heute gibt es da vielleicht nur noch Mr. Bean - also Rowan Atkinson. Da mögen einige sagen, der macht ein bisschen zu viel, aber wenn man sich die Sketche mal anguckt, die übrigens alle für die Bühne entwickelt wurden, ist das schon genial. Louis de Funes oder Mr. Bean - die spielen natürlich ganz groß, also das Gegenteil von zurückhaltend. Und dennoch sind sie ganz in ihren Figuren und damit auch wieder realistisch. Ich finde das großartig und vermisse solche Projekte im deutschen Film und Fernsehen.

teleschau: Und abseits der Komödie - gibt es noch andere Filmprojekte, bei denen Sie sofort dabei wären?

Schubert: Alles, was in Richtung ambitionierte Serie gehen würde. Von "KDD" spricht man auch heute noch. Vielleicht müssen wir einfach wieder lernen, was eine gute deutsche Serie eigentlich ist. Man muss so etwas wie "KDD" immer wieder und weitermachen - mit viel größerer Bestimmtheit als das augenblicklich der Fall ist. Ich kann nicht glauben, dass wir in Deutschland nicht in der Lage dazu sind, Serien zu erschaffen, wie sie beispielsweise aus Dänemark kommen. Dabei müssen wir die deutsche Serie gar nicht neu erfinden.

teleschau: Was braucht es dann?

Schubert: Dieter Wedel hat früher serienähnliche Mehrteiler gedreht, die waren anspruchsvoll und in Sachen Quote wahre Straßenfeger. Man muss auch nicht wahnsinnig viel Tempo oder Geld einsetzen. "Downton Abbey" ist beispielsweise ganz ruhig erzählt und ein großer Erfolg. Oder die dänische Serie "Borgen"! Das ist ganz normal abgefilmt und sicher nicht wahnsinnig teuer. Aber die Bücher sind exzellent geschrieben, die Figuren toll entwickelt und gespielt. Nur darauf kommt es am Ende an.

Quelle: teleschau - der mediendienst