Felix Klare

Felix Klare





Justiz ohne Verantwortung

Aus dem Bett heraus wird der gutmütige Harry Wörz eines Morgens von einer Schar martialisch auftretender Polizisten verhaftet. Der Bauzeichner aus der Nähe von Pforzheim soll 1997 seine Frau und die Mutter des gemeinsamen kleinen Sohnes beinahe umgebracht haben. Die nach der Tat schwerbehinderte Frau arbeitete ebenfalls als Polizistin, wie auch ihr Vater, der Harry Wörz schwer belastete. Es folgten einseitige polizeiliche Ermittlungen, die eine jahrelange Haftstrafe zur Folge hatten. 13 Jahre kämpfte Harry Wörz für seinen Freispruch. Autor und Regisseur Till Endemann ("Flug in die Nacht - Das Unglück von Überlingen") zeichnet diesen Weg in dem sensibel inszenierten Justiz-Drama "Unter Anklage: Der Fall Harry Wörz" (Mittwoch, 29.01., 20.15 Uhr, ARD) nach. "Tatort"-Star Felix Klare spielt den Anwalt, der Wörz über viele Jahre zur Seite stand.

teleschau: Kann man in solch einer sachlichen Rolle wie die eines Anwalts, der einen Justizskandal aufarbeitet, eigentlich glänzen?

Felix Klare: Darum geht es natürlich nicht - aber ich weiß, was Sie meinen. Tatsächlich balanciert man mit einer solchen Rolle auf einem schmalen Grat. Einerseits muss ich die Sachlichkeit spielen, die der Anwaltsberuf und die Rolle des Anwalts in diesem Film vorgeben. Andererseits muss mein Anwalt wie jede Figur eines Films auch den Zuschauer berühren, wenn es gut werden soll.

teleschau: Haben Sie den Anwalt Hubert Gorka, der fast anderthalb Jahrzehnte für die Unschuld seines Mandanten kämpfte, eins-zu-eins so zu spielen versucht, wie der Mann auch ist? Er arbeitete ja auch am Film mit ...

Klare: Nein, meine Figur ist aus mindestens drei verschiedenen Menschen zusammengesetzt. Zum einen gab es da noch einen Anwalt, der Harry Wörz lange begleitete. Zudem war für Harry Wörz ein Pfarrer sehr wichtig, der leider schon verstorben ist. Er findet sich ebenfalls in meiner Rolle wieder.

teleschau: Sie haben neben Ihrer Rolle im Stuttgarter "Tatort" nur begrenzt Zeit, andere Rollen anzunehmen. Nach welchen Kriterien suchen Sie die aus?

Klare: Neben der Qualität des Buches war es hier auf jeden Fall die Tatsache, dass es schlicht und ergreifend ein wichtiger Film ist. Ich bin wirklich stolz darauf, bei "Harry Wörz" dabei zu sein. Menschen zu unterhalten hat absolut seine Berechtigung im Beruf des Schauspielers. Trotzdem erfüllt es mich besonders, wenn es noch einen höheren Sinn in meiner Arbeit gibt - was wahrscheinlich in jedem anderen Job genauso ist (lacht). Projekte wie der Scientology-Film "Bis nichts mehr bleibt" oder "Der Fall Harry Wörz" sind auch Aufklärungsfilme. Es geht darum, eine große Zahl von Menschen auf untragbare Zustände und Skandale aufmerksam zu machen und so eventuell etwas Positives zu bewirken.

teleschau: Wurden Sie nach dem Scientology-Film, der 2010 im Fernsehen lief, in irgendeiner Form bedroht?

Klare: Ich bekomme bis heute Post von Scientology, in der man mich eines Besseren belehren will. Außerdem würde ich in Hollywood wahrscheinlich keinen Job bekommen (lacht). Nun, das ist beides auszuhalten. Während der Vorbereitung auf den Film sah das jedoch anders aus. Während unserer Treffen mit der Sektenbeauftragten der Bundesregierung wurden wir von einem Scientologen verfolgt. Während der Dreharbeiten wurde uns das Auto aufgebrochen und Filmmaterial gestohlen. Es waren aber unbelichtete Filmrollen. Ich weiß auch, dass die Produktionsfirma des Films oft von Scientology angegangen wurde. Und in Kopenhagen, wo die europäische Zentrale von Scientology sitzt, sind uns aus Angst viele Komparsen abgesprungen, als die gehört haben, wovon unser Film handelt.

teleschau: Nun ist "Harry Wörz" unter anderem ein Film über einen Polizeiskandal. Haben Sie mitbekommen, ob man von Seiten der Behörden versucht hat, den Film zu beeinflussen?

Klare: Davon habe ich nichts gehört, ich kann dazu nichts sagen.

teleschau: Harry Wörz selbst hat dieses TV-Projekt begleitet, trat auch bei der Pressekonferenz zum Film auf. Der Mann ist arbeitsunfähig und psychisch angeschlagen. Glauben Sie, dass der Film trotzdem etwas Gutes für ihn bewirkt?

Klare: Es ist furchtbar, was der Harry Wörz durchmachen musste. Ich spüre das, wenn ich neben ihm sitze oder ihm in die Augen schaue. Das sind die Augen eines Mannes, den man gebrochen hat. Eine Bekannte von ihm sagte zu mir: Harry kriegt seine Akten gar nicht mehr aus dem Kopf. Für ihn persönlich ist das tragisch, für den positiven Ausgang seines Falls war es aber von entscheidender Bedeutung. Insofern ist der Film Segen und Fluch zugleich. Er ist eine Genugtuung für Harry Wörz und ein warnendes Beispiel in Richtung ermittelnde Behörden und Justiz, wie tragisch Fehlurteile sind. Andererseits reißt eine solche fiktionale Inszenierung des Stoffes sicher auch noch mal Wunden bei Harry Wörz auf.

teleschau: Sie glauben, die Beharrlichkeit von Harry Wörz hatte einen großen Anteil am Ausgang des Falles?

Klare: Da bin ich mir absolut sicher. Harry Wörz ist ein Mensch, der in einfachen, klaren Kategorien denkt. Darin liegt eine große Kraft und Beharrlichkeit, ohne die dieses wahnsinnige Unrecht niemals korrigiert worden wäre. Harry Wörz ist der klassische tragische Held. Einer, von dem man annehmen könnte, dass es ihn heute gar nicht mehr gibt. In seinem Fall brauchte es jemanden, der auf den Tisch haut und sagt: "Nein, so geht es nicht. Das lasse ich nicht mit mir machen." Und dieser Held musste dann mit dieser Art - trotz aller Argumente und Wahrscheinlichkeiten, die gegen ihn sprachen - auch noch mit seinem Anliegen durchkommen. Ich habe allergrößten Respekt vor Harry Wörz.

teleschau: Was hoffen Sie, könnte der Film bewirken?

Klare: Ich hoffe, dass Harry Wörz' mittlerweile fast erwachsener Sohn diesen Film sieht und es zwischen den beiden vielleicht irgendwann wieder Kontakt gibt. Zudem hat man dem Mann seine Erwerbstätigkeit und damit seinen Arbeitslohn gestohlen. Niemand wollte ihn beschäftigen, weil er ja jederzeit von der Polizei abgeholt hätte werden können. 13 Jahre ging das so. 15 Jahre wären, glaube ich, lebenslänglich gewesen. Der Staat hat Harry Wörz schwer geschädigt und kaum entschädigt. Er braucht auch einfach Geld. Ich hoffe, dass er im Zuge dieses Filmprojektes ein bisschen was verdienen kann.

teleschau: Haben Sie während dieser Rolle den Glauben an unser Justizsystem und die Gerechtigkeit verloren?

Klare: In meiner Jugendzeit, die eher links geprägt war, hatte die Polizei zumindest nie das Image des "Freund und Helfers", dazu habe ich einfach völlig andere Erfahrungen gemacht. Eigentlich ist das bis heute so, obwohl ich seit einigen Jahren einen Hauptkommissar im "Tatort" spiele, was sich manchmal immer noch seltsam anfühlt. Außerdem kann doch Strafe immer nur noch Rache sein - die Tat ist ja schon passiert. Also rächt sich da ein Staat an einem Menschen. Ist das gut? Ist das Gerechtigkeit? Auf jeden Fall müssen beispielsweise Mörder oder Sexualstraftäter in Sicherheitsverwahrung genommen werden - nur dürfen sie dort nicht vergessen werden. Wir müssen da Verantwortung übernehmen: Wir, die Gesellschaft oder der Staat, die wir das anscheinend weit vorher im Leben eines solchen Menschen versäumt haben. Kein Mensch wird als Verbrecher geboren. Verantwortung übernimmt der Staat in unserem juristischen System zu wenig.

teleschau: Haben Sie nach der Beschäftigung mit dem Fall Harry Wörz verstanden, wie dieser Fall so haarsträubend und ungerecht überhaupt passieren konnte?

Klare: Ja, ich denke schon. Auch bei dem Scientology-Projekt habe ich damals viel über die Verflechtung von Justiz und Politik gelernt. Wenn du Polizei und die gesamte Justiz gegen dich hast, wie soll man dir dann noch helfen? Dass Harry Wörz da rausgekommen ist, grenzt an ein Wunder. Es ist beschämend, dass es in Deutschland eine solch niedrige Freispruch-Rate gibt. In den USA werden beispielsweise sehr viel mehr Angeklagte freigesprochen als hier. Dazu werden in Deutschland sehr viel weniger Urteile revidiert. Es gibt in unserem juristischen System so eine Grundüberzeugung, dass man sich nicht irrt. Das kann fatale Folgen haben.

Quelle: teleschau - der mediendienst