Der blinde Fleck

Der blinde Fleck





Verblüffende Parallelen zur NSU-Affäre

Am 26. September 1980 explodierte gegen 22.20 Uhr eine Bombe auf dem Münchner Oktoberfest. Sie tötete 13 Menschen, 211 weitere wurden zum Teil schwer verletzt - das bislang schwerste Bombenattentat in der Geschichte der Bundesrepublik. Der damals 21-jährige Rechtsradikale Gundolf Köhler, der beim Attentat ums Leben kam, wurde von den Behörden als Einzeltäter ermittelt: Politische Motive seien auszuschließen, entscheidend für die Tat sei persönliche Frustration gewesen. Behauptet wurde auch, Köhlers Kontakte zur rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann hätten keine Rolle gespielt. Doch von Anfang an gab es große Zweifel an den Ermittlungsergebnissen. - Bei seinen Recherchen zum Attentat drang insbesondere der BR-Hörfunkjournalist Ulrich Chaussy sehr weit vor. Die Dokufiction "Der blinde Fleck" macht ihn zur Hauptfigur eines Politthrillers, der die brisante Verwicklung der Geheimdienste letztlich nicht klären kann.

Ein bisschen viel Privates hat Daniel Harrich (Regie) um den tüchtigen BR-Reporter herumgestrickt. Das macht die Sache als Spielfilm nicht spannender. Dass Chaussy (Benno Fürmann) zunächst in einer Wohngemeinschaft lebt, die von einem Sonderkommando wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung durchsucht wird, lenkt ebenso eher ab wie der Umstand, dass der Reporter und dessen Frau (Nicolette Krebitz) 1980 eine gemeinsame Wohnung in Nähe der Theresienwiese beziehen - in Hörweite der Bombe vom 26. September.

Schon brisanter, dass ausgerechnet der bayerische Staatsschutzchef Langemann (Heiner Lauterbach) an der Polizeiakademie einen Vortrag zum Thema "Das Attentat" hält. Attentate, so referiert der Experte, wurden im Lauf der Geschichte in den meisten Fällen von vorgeschobenen Einzeltätern begangen. Die Strippenzieher aber verschwänden in einem verklärenden Nebel, die Schuld werde "auf einen einzelnen Täter, ein Bauernopfer fokussiert".

Dass das Oktoberfestattentat von 1980 wohl nicht dem Attentäter Gundolf Köhler, wenn überhaupt, alleine in die Schuhe zu schieben ist, gilt inzwischen als nahezu gesichert. Zeugen sahen beispielsweise am Tatort mehrere Personen, die nie identifiziert wurden, wie Chaussy recherchiert. Journalisten wussten von Köhlers Täterschaft in Sekundenschnelle. Welcher Insider hielt da nicht dicht?

Nicht zuletzt das langjährige Versagen des Verfassungsschutzes bei den NSU-Morden und die Unterwanderung der rechtsradikalen Szene geben dem Thema "Oktoberfestattentat" einen erstaunlichen Schub - wie sich die Bilder doch gleichen. Im Spielfilm werden von einem Informanten tatsächlich Beweise für eine Verbindung zum Verfassungsschutz zugespielt. Offensichtlich hatte man auch damals dem rechten Treiben sehr lange beschönigend zugesehen.

Nun hätte sich der Film von den Recherchen Chaussys eigentlich lösen müssen. Doch bleibt er just in diesem Moment in Andeutungen stecken - er belässt es beim sprichwörtlichen "blinden Fleck". Heiner Lauterbach spielt als Staatsschützer den Handlanger des mächtigen Franz Josef Strauß, dessen Wahlkampf die Angst vor dem Terror womöglich zugute gekommen wäre. Doch wer war Trittbrettfahrer, wer hat den Terror wirklich ausgelöst? Dass Beweisspuren vernichtet wurden, ist skandalös - ebenso wie die Verhinderung eines Verfahrens gegen Unbekannt. Spielfilmspannung erzeugen diese Feststellungen allerdings nicht, auch wenn sämtliche Schauspieler, allen voran Heiner Lauterbach als Staatsschützer und Benno Fürmann als Radiojournalist Chaussy ihr Bestes geben. Über die bereits gehabten TV-Dokumentationen zum Thema kommt dieses Dokudrama letztlich nicht hinaus.

Quelle: teleschau - der mediendienst