Thekla Carola Wied

Thekla Carola Wied





Die Schauspielerin mit der "sauberen Erotik"

Wie doch die Zeit vergeht - eben noch die junge Berlinerin, die mit ihren drei Kindern ins Efeu-berankte Haus eines Ex-Wieners zieht. Jetzt schon die taffe Großmutter, die unversehens von der Tochter Drillinge ins Nest gelegt bekommt - und obendrein noch einen dazu. "Vier Drillinge sind einer zu viel" heißt die unbeschwerte Klamotte, die am Freitag, 7. Februar, also nicht ganz rechtzeitig zum 70. Geburtstag am 5. Februar von Thekla Carola Wied im Ersten nachserviert wird. Vielleicht nicht unbedingt das, was man sich zu so einem runden Geburtstag wünscht, aber Thekla Carola Wied schlägt sich, an der Seite des herrlich zerknautschten Günther Maria Halmer, als Mutter und frisch gebackene Großmutter wieder einmal prächtig. Böse Zungen behaupten ja, sie rette auch lange nach ihrem oft wiederholten 80er-Jahre-Klassiker "Ich heirate eine Familie" auch heute noch jeden ansonsten dünn geratenen Familienstoff vor dem Verderben.

Trifft man Thekla Carola Wied zum Interview, ist schier nichts von der sonst so verbreiteten Melancholie einer Schauspielerin in den berühmten "besten Jahren" zu merken. Wenn man etwa ein wenig unbedarft gleich auf die berühmte Serie mit Peter Weck, damals Filmpartner und zugleich Regisseur, zu sprechen kommt, fühlt sie sich keineswegs auf etwas Falsches oder Gestriges reduziert. Anders als der geschätzte Partner von damals genießt sie es offensichtlich, wenn sie wegen des Riesenerfolgs von "Ich heirate eine Familie" immer noch auf der Straße angesprochen wird.

20 Millionen waren es jeweils, die zwischen 1983 und 1986 die drei Staffeln der Heile-Welt-Serie sahen. Beim Stichwort "heile Welt" gibt's jedoch gleich Widerspruch: Es gehe auch um Standesdünkel und ernsthafte Patchwork-Probleme, die heute mehr denn je grassierten. Umgesetzt wurde das damals alles mit dem Berliner Witz und dem Humor des beschlagenen Komödienautors (und Hans-Rosenthal-Zulieferers) Curt Flatow.

Der Blick, mit dem Thekla Carola Wied damals Peter Weck und ihre drei Filmkinder beglückte oder mild bestrafte, ist noch immer derselbe. Zum verschmitzten Breitwandlächeln kommt stets ein ironischer Zug um die Mundwinkel hinzu, der diesem offenen Wied-Gesicht etwas Fragendes verleiht. Mit diesem Lächeln lassen sich Filme füllen, und sicher hat es auch nicht wenig zum berühmt-berüchtigten Prädikat "Mutter der Nation" beigetragen.

Man liegt aber falsch, wenn man sie darauf und auf die warm-dunkle Stimme reduziert. Erst jüngst hat sie wieder einem ARD-Freitagsfilm ("Tür an Tür") einen ganz besonderen Akzent gegeben und dabei die üblichen Klischees von erfolgreichem Karriere-Start und schier unvermeidlichem Liebesglück pulverisiert. Mal abgesehen von der aberwitzigen Computer-Spionage, mit deren Hilfe sie in dieser Rolle eine jüngere Nachbarin vor privatem Unglück bewahrt, liefert sie sich mit Uwe Friedrichsen im Film ein sensationell sarkastisches Seniorenduell.

Überhaupt hat Thekla Carola Wied ja zeitlebens nicht nur komische Rollen gespielt. Auch jüngst noch tauchte unter den zahlreichen "Liebes"-Titeln immer wieder Ernstes auf, darunter "Tage des Sturms", über eine Arbeiterfamilie in der DDR, oder das Drama "Schuldig", über einen selbst verschuldeten Verkehrsunfall. Für die Stasi-Geschichte "Ich klage an", in der es um das plötzliche Verschwinden eines Kindes ging, bekam sie den Bayerischen Filmpreis (1994).

Für ihren allerersten Film "Spur eines Mädchens", in dem es um eine psychisch erkrankte Jugendliche ging, bekam sie 1968 gar den Deutschen Filmpreis, damals noch das "Filmband in Gold". Frisch von der Schauspielschule, hatte sie die Rolle einer an Jugendschizophrenie Leidenden mit der Unbekümmertheit der Anfängerin gespielt. "Es gab gar kein richtiges Drehbuch, es war die Zeit des jungen deutschen Films", so erinnert sie sich. Ein Fachberater erklärte ihr damals die psychische Krankheit - das Sprunghafte, den Zerfall der Sprache, die Herkunftszweifel dieses Mädchens. Mit dem Bundesinnenminister tanzte sie nach der Filmpreisverleihung den ersten Tanz - "und ich konnte gar nicht tanzen", wie sie sagt.

Filmrollen, obwohl versprochen, gab's danach nicht viele: "Gar nichts kam", sagt die 1944 in Breslau geborene Berlinerin trocken. Es blieb das Theater, vor allem Saarbrücken, später Wiesbaden, viele Tourneen. "Schöne Rollen am Theater waren mein ganzes Sehnen und Trachten", sagt sie. Es klingt wie ein Gedicht. Dabei war sie auf der Schauspielschule in Essen (Folkwang-Hochschule) eher schüchtern: "Ich wusste nicht, wohin mit den Armen. Beim Vorspielen hätte ich die Bühne am liebsten gleich wieder verlassen." Geblieben aber ist ihr die Sprech- und Stimmkultur. Bis heute liest sie äußerst gern vor Publikum. Bei einer Klabund-Lesung im schwäbischen Backnang war der Oberbürgermeister des Städtchens von der Vorleserin derart begeistert, dass er danach die inzwischen berühmt gewordenen Worte niederschrieb: "Ich fände es schön, Sie wiederzusehen!"

Der bald darauf (1992) folgende Bund für Leben mit dem mutigen Mann, der danach noch ein inzwischen pensionierter Energie-Vorstand wurde, währt bis heute. Als Grund des Gelingens wird "viel gemeinsames Lachen", aber auch "Sprachwitz und Jonglieren mit der Sprache" beim Partner ausgemacht. Ansonsten ist viel Bergwandern angesagt, als Basis dient dabei ein "kleines Landhaus" im Salzkammergut, vom Wohnort München aus gut zu erreichen.

Kein Wort zuviel darüber, wo genau der runde Geburtstag stattfinden wird. Irgendwo in Asien. Aber sonst ist so ein Gespräch mit der Schauspielerin, die Anfang der Neunziger ja auch als aufmüpfige Berliner Nonne in der Serie "Wie gut, dass es Maria gibt" sehr erfolgreich war, stets offen. Teils, weil der Mund einer Berlinerin leicht übergeht. Das kann dann bis hin zu Sprachlektionen über jüdische Berliner Lehnwörter führen. "Ich muss mein' Ponem ja nicht auch noch dafür hergeben!" sagt sie beispielsweise und meint damit ihr Gesicht. Es geht ums Internet und alles, was darin an Persönlichem kreucht und fleucht. Das Internet wird nicht mal ignoriert, der Brockhaus tut's schließlich auch: "Wir bleiben hart", sagt die Wied. "Diese Flut von Informationen wollen wir nicht." Dabei ist das Internet ausgerechnet in ihren neuesten Filmen ein Hauptmotiv. In "Tür an Tür" hantiert sie sehr gekonnt mit dem USB-Stick.

Es wäre noch viel zu erzählen - von einem gestrengen Vater, der, Jahrgang 1891, "erziehungsmäßig noch aus einem anderen Jahrhundert" kam, und auch von der vielleicht daraus erfolgten Lebensgemeinschaft mit einem um Jahrzehnte älteren Partner, dem sie auch mit ihrem jetzigen Mann in Freundschaft "bis zum Krankenbett" verbunden blieb. Und vor allem vom berühmten "Nova Film"-Produzenten Otto Meissner ("Der hatte 'ne Naase!"), der Erfolgsserien wie "Liebling Kreuzberg", "Unser Lehrer Doktor Specht" oder eben "Ich heirate eine Familie" erfand. Meissner war es, der sie 1981 als junge Ärztin im Fernsehfilm "Collin" entdeckte, einem Zweiteiler nach Stefan Heyms Dissidenten-Roman. Meissner forschte nach beim Regisseur Peter Schulze-Rohr: "Sie haben da eine junge Kollegin, die so eine saubere Erotik hat!" Wenn der gewusst hätte, lacht Thekla Carola Wied heute darüber. Doch der Meissner hat da schon ganz gut getroffen.

Ein Geburtstagswunsch? "Ich würde gerne die Möglichkeiten, die ich noch in mir fühle, ausgeschöpft sehen", sagt die Schauspielerin, wenn man sie nach Rollenwünschen oder gar nach einem ferneren Gedanken ans Aufhören fragt. "Das Spiel geht weiter. Mit 70 beginnt eine neue Entdeckungsreise!"

Quelle: teleschau - der mediendienst