Nebraska

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Reich an Eigensinn

Wenn der beim Publikum so erfolgreiche Regisseur und Oscarpreisträger Alexander Payne seine Zuschauer mit einem Werk in Schwarz-Weiß überrascht, gerät man unwillkürlich ins Grübeln. Was soll das? "The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten" mit George Clooney in üppiger hawaiianischer Vegetation und traumhaften Sonnenuntergängen, "Sideways" entlang kalifornischer Weinstraßen und "About Schmidt" mit seiner verschlammten Prärie bedurften der Farbe, um einen gewissen rustikalen Charme zu verströmen. Will Payne mit dem Road-Movie "Nebraska" nun signalisieren: Achtung, ich kann auch anders, ich mach' ein echt melancholisches Kunstwerk?

Zeit zu solchen Überlegungen bietet "Nebraska" genug. Der Trip des Ruheständlers Woody Grant (Bruce Dern) zum Auszahlungsort eines fragwürdigen Lotteriegewinns von einer Million Dollar dauert fast zwei Filmstunden. Zudem legen die Darsteller zwischen ihren Dialogsätzen lange Pausen ein, was, wie die demonstrative Statik der Inszenierung unterstreicht, fallweise fortgeschrittenem Alter oder dem leicht unterbelichteten Geisteszustand der Figuren zuzuschreiben ist.

Woodys Beharren, sich den vermeintlichen Gewinn, über den ihn Werbepost benachrichtigt hat, im Nachbarstaat abzuholen, muss als Vorwand für eine Reise des greisen ehemaligen Kfz-Mechanikers zu sich selbst und in die eigene Vergangenheit dienen. Sohn David Grant (Will Forte) fährt ihn dazu von Billings, Montana, nach Lincoln, Nebraska. Obwohl er die Sache für einen Fake hält und als ob es weder Telefon noch Internet für eine rasche Klärung gäbe. Will das Schwarz-Weiß sagen, dass der Film nicht von heute ist? Sohn David lernt seinen Vater nach vielen Pinkelpausen einfach besser kennen. Man macht auch Halt für Besuche bei der Verwandtschaft, die geldgierig wird bei der Aussicht auf einen Millionär in ihrer Mitte. Mutter Kate (June Squibb) kommt mit dem Bus nach, als wäre im Auto nicht genug Platz für sie gewesen, auch Davids Bruder Ross (Bob Odenkirk) stößt hinzu, alle bereit, sich in olle Kamellen um verflossene Liebe und Handgreiflichkeiten verwickeln zu lassen.

Das ist alles recht dünn zusammengewerkelt aus dem Independent-Kino der 1990er-Jahre, was den nostalgischen Look am ehesten rechtfertigt: Ländlich-lakonische Skurrilität à la Coen-Brüder, implosive Ereignislosigkeit wie bei "Clerks - die Ladenhüter", Rentner-Road-Movie-Elegisches wie in Lynchs "Straight Story - eine wahre Geschichte". Und natürlich wird der amerikanische Traum von Reichtum und Glück in Frage gestellt. Payne und Drehbuchautor Bob Nelson kosten ihre Geronto-Gags wie das Wiederauffinden von dritten Zähnen auf Bahngleisen bis an die Scham- und Karikaturgrenzen aus. Altern ist hier vor allem Witzelieferant.

Vor dem Auseinanderfallen bewahrt "Nebraska" Hauptdarsteller Bruce Dern, für dieses Verdienst in Cannes als bester männlicher Schauspieler geehrt. Eigensinn verkörperte der Veteran des New Hollywood immer schon, dumpfbackig als Nebenbuhler von Robert Redford in "Der große Gatsby" (1974), irrwitzig als obsessiver, interstellarer Gärtner im Science-Fiction-Klassiker "Lautlos im Weltraum" - und nun ebenso stolz wie traurig in "Nebraska". Alexander Payne verwechselt derweil Eigensinn mit artistischer Originalität.

Quelle: teleschau - der mediendienst