Silke Bodenbender

Silke Bodenbender





"Für diese Rolle habe ich gekämpft"

Mit Wohlfühlfernsehen hatte Silke Bodenbender noch nie viel am Hut. Die Wahlberlinerin, die mit Dieter Wedels Scheidungsdrama "Papa und Mama" (2006) bekannt wurde, zogen die hinteren Ecken der menschlichen Psyche in den letzten Jahren magisch an. Zuletzt nahm sie sich so harter Themen an wie Scientology ("Bis nichts mehr bleibt"), Dreifachmord durch einen Minderjährigen ("Vater Mutter Mörder") und Stalking ("Eine verhängnisvolle Nacht"). In ihrem neuen Film bleibt die 39-Jährige dieser Linie treu. Mit viel Fingerspitzengefühl spielt sie im Familiendrama "Es ist alles in Ordnung" (Mi., 15.01., 20.15 Uhr, ARD) eine spektakulär schwache Mutterfigur, die für ihren Traum von einer heilen Familie die Unversehrtheit ihres Kindes opfert. Eine schwierige Rolle für die Mutter eines dreijährigen Sohnes - und trotzdem wollte sie sie unbedingt.

teleschau: Frau Bodenbender, der Birgit im Film möchte man stellenweise wirklich eine scheuern. Ging es Ihnen ähnlich?

Silke Bodenbender: Ich war sehr hin- und hergerissen zwischen Wut und Mitgefühl. Beim ersten Lesen wollte ich sie auch am liebsten kräftig schütteln. Aber dann hat mich ihre Unsicherheit tief berührt. Sie tut das, was sie tut, nicht bewusst. Ihr Handeln wird von einer tiefen Sehnsucht und vielen Ängsten bestimmt.

teleschau: Worin liegt Birgits größter Fehler?

Bodenbender: In ihrem geradezu pathologische Wegsehen. Es ist schon sehr brutal, wie sie ihre Tochter im Stich lässt. Den neuen Mann in ihrem Leben möchte Birgit unbedingt halten, und sie wünscht sich nichts sehnlicher, als eine heile Familie. Für diesen Traum ist sie bereit alles hinzunehmen. Hinzukommt, dass ihr die Kraft fehlt, sich dem Loyalitätskonflikt zwischen ihrem Mann und ihrer Tochter zu stellen. All das führt dazu, dass sie die immer lauter läutenden Alarmglocken überhört.

teleschau: Birgits neuer Mann überschreitet eine Grenze, und sie lässt es zu. Trägt sie eine Mitschuld? Ist sie gar Mittäterin?

Bodenbender: Den Begriff der Mittäterschaft halte ich in diesem Zusammenhang für schwierig. Bei Gewalt in der Familie spielen so viele Faktoren eine Rolle, dass ich es für gefährlich halte, als Laie darüber zu fachsimpeln. Tatsache ist, dass Eltern eine große Verantwortung für ihre Kinder tragen und es ihre Pflicht ist, wachsam zu bleiben für alles, was den Kindern Schaden zufügen könnte. Insofern kommt Birgit ihrer Pflicht als Mutter nicht nach.

teleschau: Hatten Sie keine Bedenken, bei einem so schwierigen Film mitzuwirken?

Bodenbender: Im Gegenteil! Ich habe gekämpft, um die Rolle zu bekommen, war sogar zweimal beim Casting. Ich fand das Drehbuch von Ingo Haeb und Christina Ebelt so irre gut geschrieben, dass ich unbedingt bei diesem Projekt dabei sein wollte. Ein weiterer Grund war, dass ich in der elften Klasse ein Sozialpraktikum in einer psychologischen Abteilung für misshandelte Kinder zwischen drei und sieben Jahren machte. Die Schicksale, die ich dort mitbekam, verfolgten mich jahrelang. Seitdem bin ich für das Thema "Gewalt in der Familie" sensibilisiert.

teleschau: Kam Sozialtherapie für Sie früher als Beruf in Frage?

Bodenbender: Nicht wirklich. Ich habe schnell festgestellt, dass ich nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt bin, um in diesem Beruf zu bestehen. Ich hätte damals am liebsten alle Kinder am Wochenende mit nach Hause genommen oder gleich adoptiert. Trotzdem interessiert mich Psychologie bis heute sehr. Das kommt auch durch meinen Vater, der in der Sozial- und Gesundheitspolitik und auch bei der Arbeiterwohlfahrt aktiv war. Durch ihn bekam ich viele Einblicke, die mich bis heute beschäftigen.

teleschau: Ihr Sohn Victor wird im Frühjahr vier Jahre alt. Spielen Sie Mutterfiguren anders, seitdem Sie selbst ein Kind haben?

Bodenbender: Drehbücher lese ich definitiv anders als früher, und auch Filme schaue ich heute anders an. Szenen mit Gewalt gegen Kinder kann ich nur schwer ertragen. Da fällt es mir schwer, die Distanz zu wahren. Beim Spielen ist das leichter. Da schalte ich meine persönliche Haltung komplett aus und bewerte nicht mehr.

teleschau: Sind Sie eine strenge Mutter?

Bodenbender: Ich bin definitiv nicht autoritär und versuche, meinen Sohn so frei wie möglich zu erziehen. Trotzdem möchte ich konsequent sein und Grenzen ziehen und ihm nicht alles durchgehen lassen. Das fällt mir ehrlich gesagt schon manchmal schwer.

teleschau: Werden Sie schnell weich?

Bodenbender: Ja, total. Wenn er weint, komme ich kaum dagegen an, und das weiß er genau. Das Dumme ist nur: Selbst wenn man sich bewusst ist, dass man gerade manipuliert wird, sind Kindertränen immer noch Kindertränen.

teleschau: Fällt es Ihnen schwer, für Filmdrehs längere Zeit von Ihrer Familie getrennt zu sein?

Bodenbender: Bis jetzt waren die beiden eigentlich immer dabei. Während des Drehs zu "Es ist alles in Ordnung" in Köln war das einfach. Mein Freund und ich kommen beide aus Bonn und haben dort Familie. So waren meine Männer bei den Großeltern, und ich pendelte. Wenn ich länger im Ausland bin, kommen die beiden auch immer mit.

teleschau: Wie organisiert Ihr Freund das beruflich?

Bodenbender: Er ist Schriftsteller und hat auch Lust darauf, mich zu begleiten. Ein großes Glück.

teleschau: In den letzten Jahren spielten Sie oft sperrige, schwierige Rollen. Hätten Sie auch mal Lust auf eine Komödie?

Bodenbender: Natürlich, jederzeit. Bloß landete bisher keine Komödienrolle auf meinem Tisch, die meinen Humor getroffen hätte.

teleschau: Wie müsste eine solche Rolle aussehen?

Bodenbender: Ich liebe Filme wie "Schwarze Katze, weißer Kater" von Emir Kusturica. Trockener Humor, skurril, ein wenig abgedreht. Das ist im deutschen Fernsehen leider selten.

Quelle: teleschau - der mediendienst