Dancing in Jaffa

Dancing in Jaffa





"Ich bitte sie, mit dem Feind zu tanzen"

Wenn man mit jemandem tanzt, lerne man seinen Tanzpartner auf eine Weise kennen, die man mit Worten nicht beschreiben könne, erklärt Pierre Dulaine. Man lerne, einander zu vertrauen. Und Vertrauen ist etwas, dass den verschiedenen Glaubensgemeinschaften seiner Geburtsstadt untereinander fehlt: Rund ein Drittel der Bevölkerung der israelischen Stadt Jaffa ist palästinensischer Herkunft, die große Mehrheit der restlichen Bevölkerung jüdischen Glaubens. Weitestgehend getrennt voneinander pflegen die Bewohner Jaffas in den israelisch-jüdischen und israelisch-palästinensischen Gemeinden ihre Gewohnheiten - und ihre Vorurteile. Mit einem schulübergreifenden Tanzprojekt versucht Pierre Dulaine, Kinder beider Gruppen zusammenzuführen. Die israelische Dokumentarfilmerin Hilla Medalia begleitete das beherzte Unterfangen - Bühne frei für "Dancing in Jaffa".

Keine Frage: Auch hierzulande würde eine Zehnjährige erst einmal zweifelnde Blicke mit ihrer besten Freundin austauschen, nachdem sie ihrem Tanzpartner zugeteilt wurde. Und ihre männlichen Klassenkameraden würden die Pulloverärmel über die Hände ziehen, weil sie - igitt - ein Mädchen anfassen sollen. Doch Pierre Dulaine weiß, dass er bei seinen Tanzschülern noch auf ganz andere Berührungsängste stoßen wird. Er selbst verbrachte seine ersten vier Lebensjahre in Jaffa, 1948 mussten seine palästinensisch-irischen Eltern aus der Stadt fliehen. "Ich bitte sie, mit dem Feind zu tanzen", weiß der Gesellschaftstanz-Meister.

Nicht überall können diese Ängste überwunden werden - in einer israelisch-palästinensischen Schule etwa scheitert das Projekt schon daran, dass Jungen und Mädchen partout nicht miteinander tanzen wollen, weil der Islam es verbiete. Dennoch sollen am Ende seines zehnwöchigen Unterrichts 15 junge Tanzpaare, bestehend aus einem jüdischen und einem palästinensischen Partner, zum großen Wetttanzen antreten.

Die zentralen Figuren ihres Films - neben Pierre Dulaine noch drei seiner jungen Schüler - begleitet Hilla Medalia auch über die Tanzstunden hinaus. Geradezu beiläufig ergibt sich dabei ein Bild von den Ansichten und Lebenswelten in den verschiedenen Gemeinden, vom Aufwachsen in einem gespaltenen Staat. Anhand alltäglicher Szenen und Beobachtungen lässt Medalia die Zuschauer verstehen, warum sich die Annäherung zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen so schwierig gestaltet. Wie sollte man einem Volk trauen, dessen Armee im Krieg die besten Freunde tötete? Oder die eigenen Eltern einst aus ihrem Haus vertrieb? Wie soll eine neue, vorurteilsfreie Generation heranwachsen, wenn manche Eltern ihre Kinder bei Demonstrationen Parolen singen lassen und manche Lehrer Toleranz gegenüber den anderen vermissen lassen?

"Araber, Jude, Jude, Araber. Ich will das nicht hören", kanzelt Pierre Dulaine seine Schüler ab, als es bei der ersten gemeinsamen Tanzstunde Spannungen drohen. "Ihr seid alle gleich. Verstanden?" Diesen Lösungsansatz kann man naiv nennen. Am Ende der zehn Wochen werden Dulaines Schüler jedoch nicht nur Tanzpartner, sondern Freunde sein - und von den stolzen Eltern gemeinschaftlich bejubelt werden.

Quelle: teleschau - der mediendienst