Thomas D

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"Erfolg macht nicht dauerhaft glücklich"

Wer ist eigentlich Tommy Blank? Das fragt sich wohl jeder, der den Titel des neuen Albums von Thomas D erfährt: "Aufstieg und Fall des Tommy Blank". Die neuen Songs des Fanta-4-Rappers handeln von einem Genre-Kollegen, den es nicht gibt. Den es nie gab. Der frei erfunden ist. Tommy Blank ist eine Kunstfigur, die Thomas D erschaffen hat. Er zeichnet ihn als rebellischen Rapgott, als starke Erscheinung und doch sehr früh scheidenden, am Geschäft und sich selbst zugrunde gehenden Künstler. Bei der Charakterisierung helfen auf dem Album Gäste wie Maxim, Samy Deluxe und Herbert Grönemeyer. Ein Gespräch mit Thomas D über die Verbindung von Show und Schicksal und Vor- und Nachteile von dauerhaftem Erfolg.

teleschau: Kannten wir eigentlich alle Tommy Blank? Oder nur Sie und ein enger Kreis von Kollegen?

Thomas D: Auch wenn er etwas symbolisierte, worin sich fast alle wiederfinden konnten, kannten ihn bei Weitem nicht alle. Er verwehrte sich dem Erfolg, der Masse ja bewusst, entzog sich gänzlich jeder Popularität. Wir Musiker, die auf dieser Platte zu hören sind, kannten ihn vor allem von Backstage-Partys oder spontanen Rap-Sessions. Davon gibt es natürlich weder Bilder noch Videos.

teleschau: Sie selbst schienen ihn recht gut gekannt zu haben, bezeichnen ihn in Ihren neuen Songs als "ehrlich", aber auch "fertig". Wie war Tommy Blank wirklich?

Thomas D: Er war eine eindrucksvolle Erscheinung. Ein wirklich spezieller Charakter. Wenn er den Raum betrat und spontan eine Freestyle-Session anzettelte, wenn er seine Reime losließ, wenn man ihn überhaupt irgendwie hörte, war es sofort mucksmäuschenstill überall. Auch im Gespräch war Tommy besonders. Es gibt ja Gespräche, in denen man von vornherein merkt, dass jede Art von Oberflächlichkeit von Anfang an wegfällt. Solche, in denen es sofort zur Sache geht, direkt zum Kern. Und genau solche Gespräche führte man mit Tommy. Bei ihm ging es immer nur um die Wahrheit. Sicherlich um seine Wahrheit, aber dessen war er sich immerhin bewusst (lacht).

teleschau: "Seine Ansagen trafen uns tief", rappen Sie jetzt auf dem Album. Was haben Sie von Tommy Blank gelernt?

Thomas D: Das Showgeschäft, von dem ich ja ein Teil bin, verleitet einen dazu, die Wahrheitssuche manchmal ein bisschen zu vernachlässigen. Es lockt mit Materie und gibt einem in den Momenten des Erfolgs das Gefühl, nichts mehr hinterfragen zu müssen. Manchmal verliert man dadurch den Biss. Dieser innere Revoluzzer, der sagt, "Mach alles kaputt - und bau's neu auf!", ist dann plötzlich nicht mehr zu hören. Man beginnt zu vergessen, dass unser Auftrag mehr beinhaltet, als nur zu unterhalten. Daran konnte einen Tommy immer wieder erinnern.

teleschau: Und was hätte er sich von Ihnen abgucken können, um sein frühes Ende zu vermeiden?

Thomas D: Sanftmut und Vergebung waren nie seine Stärken. Man kann allerdings nicht genau sagen, ob er auch daran zugrundegegangen ist. Es ist nichts Näheres bekannt. Ich persönlich glaube, er nahm sich die buddhistische Weisheit "Stirb bevor du stirbst" zu Herzen und ließ den Charakter Tommy Blank einfach hinter sich. Wahrscheinlich lebt er jetzt als neuer Mensch irgendwo weiter und hat das geschafft, wovon wir alle nur träumen können: noch mal von null anzufangen.

teleschau: Zwei große Worte, die zu Tommy Blank gehörten, sind geblieben: Show und Schicksal. Gehören die Ihrer Meinung nach grundsätzlich zusammen? Ist die Show das Schicksal des Künstlers?

Thomas D: Um das zu klären, müssen wir erst einmal beides definieren. Die Show ist das Äußerliche, eine bunte Scheinwelt, in der wir uns alle befinden. Sie ist ein Schleier, von dem wir nur glauben, dass er Bestand hat. Alles, was wir machen, um unbedingt reich und berühmt zu werden, ist und bleibt für immer: Show. Der Künstler, der ja auch eine Show macht, weil er nun mal gehört und gesehen werden will, genießt diese Show, solange er im Rampenlicht steht und sich alles um ihn dreht. Und er hasst sie, wenn er nicht genug vom Licht abbekommt und womöglich andere mehr kriegen. Das Schicksal des Künstlers besteht also darin, den Erfolg seiner Show zu genießen wie zu verfluchen.

teleschau: Dass aus Show Erfolg entsteht, beschreiben Sie auf dem Album als keine immer gesunde Entwicklung. Sie stellen sogar fest: "Erfolg ist 'ne Bitch." Das können Sie persönlich ja nicht wirklich behaupten, oder?

Thomas D: Möchte man meinen (lacht). Ich will mich auch nicht beklagen, aber ich weiß noch genau, wie es war, als sich mein großer Wunsch, berühmt zu werden, mit nur zwei Worten und einer Single, nämlich "Die da" bewahrheitete.

teleschau: Wie war das für Sie?

Thomas D: Es war bei Weitem nicht das, was wir uns darunter vorgestellt hatten.

teleschau: Warum nicht?

Thomas D: Weil wir fanden, dass wir nicht bloß ein gespielter Witz in einem Radiohit waren. Wir dachten damals: Hey, wir haben doch auch noch einen Bandnamen! Und wir sind doch auch noch Persönlichkeiten! Aber wir wurden nur über "Die da" erfasst. Daraus resultierte so ein Schmerz, der zum Album "Die Vierte Dimension" führte. Also zu dem Versuch, allen zu zeigen, dass wir eben nicht nur eine lustige, blöde, bunte Pop-Band sind, sondern eine Gruppe mit ernstzunehmenden Inhalten. In unserer Vorstellung war das Berühmtsein also total super, in Wahrheit leider eher nicht.

teleschau: Raten Sie denen, die heute gerne berühmt werden wollen, eher davon ab?

Thomas D: Man kennt ja die Teenager, die, wenn man sie fragt, was sie mal werden wollen, einfach nur sagen: Berühmt - egal wie und womit! Wenn man sich aber diejenigen, die wirklich wahnsinnig berühmt sind wie eine Britney Spears mal anschaut, dann möchte man doch glauben, dass die nicht glücklich sind.

teleschau: Bedeutet Erfolg in manchen Fällen womöglich mehr Unglück als Glück?

Thomas D: Erfolg und viel Geld scheinen viele jedenfalls nicht dauerhaft glücklich machen zu können. Im Gegenteil: Viele Berühmtheiten sind früh gestorben, oft an einer Überdosis. Weil sie einerseits als Künstler per se sehr sensibel waren, und dann auch noch weil sie durch den ganzen Wahnsinn, bei dem sie zur Gelddruckmaschine wurden und nur noch Ja-Sager um sich hatten, gar kein Happy End mehr finden konnten.

teleschau: Würden Sie denn heute noch mit jemandem tauschen wollen, der nicht berühmt ist?

Thomas D: Auch darüber dachte ich schon in der "Die da"-Phase nach. Damals wusste ich: Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder, ich werde sofort wieder unberühmt - was ja nun mal nicht ging, weil man eben nur jemand werden kann, der mal berühmt war. Oder ich sage: Fuck it - ich zieh's durch! Egal, was die Leute sagen, egal, ob sie mich jemals verstehen. Zumindest hat man ja die Möglichkeit, sich immer wieder zu erklären und immer wieder zu sagen, was man denkt. Für Letzteres habe ich mich dann entschieden, weshalb ich jetzt auch nicht weiß, wie es wäre, wenn ich noch unbekannt wäre. Wahrscheinlich würde ich mir immer noch wünschen, bekannt zu werden.

teleschau: Wie finden Sie denn das Berühmtsein momentan?

Thomas D: Es ist okay. Es bringt Nachteile mit sich, hat aber auch Vorteile. Insgesamt glaube ich, dass unser Schaffen mit den Fantas und mein Schaffen solo viele Leute inspiriert und ihnen hilft. Ich denke, mit dem, was ich heute mache und in meiner Position kann ich mehr Gutes tun, als wenn ich zum Beispiel Friseur geworden wäre.

teleschau: Auf dem Album heißt es einmal: "Der Weg ging immer nur nach oben" und "Nun ist es einsam auf dem höchsten Berg von allen". Kennen Sie das auch?

Thomas D: Ich hatte mal ein MTV-Konzert in Frankfurt, das ist schon einige Jahre her. Smudo und ich standen damals noch zu zweit in der ersten Reihe, weil Michi noch nicht so viel rappte. Wir standen also da vorne und leider ziemlich weit weg von unserer Band. Der Sound war an dem Abend zudem einfach schlecht, wir hörten fast nichts. Gefühlt waren nur Smudo und ich auf der Bühne - und das fühlte sich unglaublich scheiße an. Dieses Konzert war für mich ganz, ganz schlimm.

teleschau: Wie ging der Abend aus?

Thomas D: Als ich danach von der Bühne kam, sagte meine damalige Freundin zu mir: Hey, das war super! Und ich dachte nur: Wie kannst du glauben, dass ich das gerade toll fand? Hast du mich nicht gesehen? Später sah ich mir den Auftritt auf MTV an - und ich glaubte mir selbst nicht mehr, dass ich das Konzert schlecht fand. Ich hatte meinen Job so gut und überzeugend gemacht, dass nicht mal ich erkennen konnte, wie es mir auf der Bühne ging.

teleschau: Inwiefern beeinflusste das Ihren weiteren Karriereweg?

Thomas D: Insofern, als dass ich seitdem weiß, dass eigentlich niemand wissen kann, wie man sich auf der Bühne fühlt. Manchmal nicht mal man selbst.

teleschau: Ist Ihnen diese professionelle Bühnenshow später noch mal gefährlich geworden?

Thomas D: Nein. Und letztendlich lernte ich daraus, dass es eigentlich total egal ist, ob mir mein eigenes Konzert gefällt. Die Leute haben schließlich Eintritt bezahlt. Für sie muss es immer ein besonderer Abend werden, nicht für mich.

teleschau: Wie oft erleben Sie selbst noch besondere Abende auf der Bühne?

Thomas D: Die erleben ich und wir als Fantas schon noch regelmäßig, das zeichnet die Qualität der Band ja auch aus. Aber vor allem sind Konzertabende ganz einfach: Abende. Die finde ich mal gut und mal weniger gut. Mal habe ich Bock, mal eher nicht. Und zwischendurch gibt es dann diese Momente, von denen man noch lange später sagt: Das war wirklich geil.

Quelle: teleschau - der mediendienst