Frank Plasberg

Frank Plasberg





Zwischen Lampedusa und Campingtour

Manchmal sieht ein persönlicher Jahresrückblick anders aus als das, was die großen TV-Sender in ihren auf Hochglanz polierten Spiegelbildern uns als Höhepunkte 2013 verkaufen wollen. Frank Plasberg, der sich von Berufs wegen Woche für Woche mit den augenscheinlich wichtigsten Themen der deutschen Gesellschaft auseinandersetzt, reflektiert das in den vergangenen zwölf Monaten Geschehene in seiner Mammut-Show "2013 - Das Quiz" (Mo., 30.12., 20.15 Uhr, ARD). Er tut dies dort auf die eher leichte Art mit skurrilen Spielen und prominenten Gästen. Persönlich standen für den Moderator allerdings nicht jene Themen im Vordergrund, über die in "Hart aber fair" am häufigsten gesprochen wurde.

teleschau: In "2013 - Das Quiz" befragen Sie in etwa die gleichen Kandidaten wie jedes Jahr: Günther Jauch, Jan Josef Liefers, Barbara Schöneberger. Ist das Ganze für Sie mittlerweile wie ein Familientreff?

Frank Plasberg: Es ist ein bisschen wie ein Klassentreffen. Vielleicht mit dem Potenzial, irgendwann mal so eine Art "Dinner For One" zu werden - sollten wir das in der Konstellation noch längere Zeit weiter machen. Fragt sich nur, wer wen die Treppe raufbringt. Nein, im Ernst. Tatsächlich sind Jauch und Liefers in der Regel gesetzt. Es ehrt uns schon ein bisschen, dass die trotz ihres vollen Terminkalenders schon so oft mitgemacht haben. Auch Barbara Schöneberger war schon dabei. Und dann haben wir immer noch eine offene Position, die wir gern mit einem Politiker besetzen.

teleschau: Welche Ereignisse stellen Sie in Ihrem Jahresrückblick in den Mittelpunkt?

Plasberg: "2013 - Das Quiz" ist kein Jahresrückblick im klassischen Sinne. Für die wichtigen Ereignisse des abgelaufenen Jahres gibt es andere Sendungen. Wir wollen unterhalten - mit den skurrilsten, irrsten und schönsten Geschichten, die wir aus dem vergangenen Jahr ausgraben konnten. Mehr will ich noch nicht verraten.

teleschau: Können Sie sich daran erinnern, welche Nachricht Sie 2013 am meisten bewegt hat?

Plasberg: Ja. Es war die Katastrophe vor Lampedusa, eine angesagte Katastrophe. Da konnte man im Übrigen auch noch mal sehen, wie unsere Nachrichtenwelt funktioniert, von der ich ja auch ein Teil bin. Dort sind immer wieder Flüchtlingsboote gekentert, viele Menschen verloren ihr Leben. Doch erst, als die Zahl der Opfer bei einem Unfall besonders groß war, sind die Nachrichten darauf angesprungen. Eine Fischerin, die dort im Süden Italiens Menschen aus dem Wasser gezogen hat, hat Unfassbares erlebt. Die Frau sagte, dass sie noch viel mehr Menschen hätte retten können, wären sie ihr nicht wegen des öligen Wassers aufgrund der Schiffshavarie aus den Händen geglitten. Italienische Gesetze verbieten eigentlich sogar, solchen Flüchtlingsschiffen zu helfen. Und das Ganze findet vor unserer Haustür statt - so wie wir Europa heute verstehen. Es ist einfach nur zum Schämen. Wir nennen so etwas gern Tragödie. Ich fand das immer falsch, weil es nichts Schicksalhaftes hat. Lampedusa war eine von uns selbst gemachte Katastrophe.

teleschau: Welche Ihrer Talk-Sendungen ist Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben?

Plasberg: Die meisten Sendungen 2013 haben wir sicher rund um die Bundestagswahl gemacht. Am deutlichsten im Gedächtnis geblieben ist mir allerdings jene Sendung, die wir zum Thema Demenz machten. Sie lief nach einem Christiane Hörbiger-Film zum Thema, und wir hatten da über fünf Millionen Zuschauer. Beeindruckt hat mich vor allem das Gespräch mit einem Demenzkranken: ein Mann, Mitte 60, der sich in jenem Übergangsstadium befindet, in dem man sich seiner Krankheit sehr bewusst ist. Er kam mit seinem Psychiater und stellte sich diesem Interview.

teleschau: Haben Sie in der Redaktion diskutiert, wie Sie mit diesem Interview umgehen?

Plasberg: Intensiv. Wie schafft man es, diesen Mann nicht vorzuführen? Schnell war klar, dass wir das Gespräch nicht live machen, sondern vorher aufzeichnen. Auch weil es nicht unter einer halben Stunde machbar sein würde. Die schwierige Entscheidung war, ob man ein solches Gespräch im Schnitt so aufbereitet, dass es wirkt, als würde der Mann relativ klar über seine Krankheit sprechen. Das haben wir dann aber nicht gemacht. Wir entschieden uns gegen das "Tunen" der Realität und dokumentierten das, was der Mann tatsächlich getan hat. Wenn ich nach etwas Konkretem fragte, ist er sofort in die Vergangenheit gegangen, etwa 30 Jahre zurück. Das war sein sicheres Terrain, auf das er flüchtete. Wir fragten uns, wie er das finden würde, wenn er es später sieht. Aber der Mann war hochzufrieden mit seinem Interview. Auch der Psychiater von der Charité, der ihn begleitete, war verblüfft, dass wir das Gespräch in einer Länge von acht Minuten so senden wollten. Auch wenn das Interview sicher nicht leicht zu gucken war. Dass trotzdem so viele Leute dabei geblieben sind, hat mich schon sehr gefreut und bewegt.

teleschau: Gab es andere Sendungen, die sie ähnlich mitgenommen haben?

Plasberg: Ich finde es immer gut, es bei einem Beispiel zu belassen. Das war die Sendung, die für mich 2013 ganz vorne stand.

teleschau: Und das Gegenteil - gab es Ausgaben von "Hart aber fair", die völlig in die Hose gingen?

Plasberg: In dieser Kategorie ist das Gehirn ja gnädig. Man vergisst jene Sendungen, die einen so ein bisschen unzufrieden zurückgelassen haben. Einen richtigen Hammer haben wir uns 2013 nicht geleistet. Wären wir bei irgendeinem Thema mit Anlauf in die Grütze gefahren, würde ich mich heute daran erinnern ...

teleschau: Wer waren Ihre häufigsten Gäste?

Plasberg: Das kann ich Ihnen aus dem Stegreif nicht sagen. Aber ich weiß, dass beispielsweise Wolfgang Kubicki zweimal da war. Das ist ein Mann mit hellem Verstand und mit Haltung, der jedoch immer auch für überraschende Positionen gut ist. Alles andere als ein Mietmaul - und deshalb ein wunderbarer Gast.

teleschau: Viele kritisieren, dass in den Talkshows immer die gleichen Gäste sitzen ...

Plasberg: Wir bemühen uns, stets den bestmöglichen Gast zu einem Thema dazuhaben. Wir versuchen auch immer, neue Leute zu finden. Eine Entdeckung war für mich dieses Jahr jene wunderbare evangelische Pastorin, die wir in einer Sendung über Moral im Zuge der Skandale um Wulff und Hoeneß zu Gast hatten. Eine gute Talkshow braucht jedoch immer auch ein paar Ankergesichter, wie wir das nennen. Das sind Menschen mit klarem Profil, die die Leute kennen und über die sie sich aufregen oder auf die sie sich freuen können. Glauben Sie mir, nur mit unbekannten Gesichtern würde eine Talkshow, wie wir sie machen, nicht funktionieren.

teleschau: Sind Sie 2013 mit der politischen Talkshow-Kultur in Deutschland zufrieden gewesen?

Plasberg: Man sollte die Frösche nicht fragen, wenn man Probleme mit dem Teich hat. Ich bin sicher nicht der Richtige, um diese Frage zu beantworten. Es ist mir weder möglich, meine eigene Sendung objektiv einzuschätzen noch die meiner Kollegen. Wenn ich andere ARD-Talkshows gucke, ist das für mich Arbeit. Nicht, weil das Zusehen so schrecklich anstrengend wäre, sondern weil es sich um Konkurrenzbeobachtung handelt. Wenn ich mal eine besondere Sendung verpasst habe, gucke ich sie mir manchmal in der Mediathek an. Entspannen kann ich mich dagegen bei "Markus Lanz" im ZDF. Das gucke ich mir am späteren Abend oft aus rein privaten Gründen an.

teleschau: Weil Ihnen die Sendung so gut gefällt?

Plasberg: Ja - ich finde, er macht das wirklich gut. Das ist ja auch eine mitunter durchaus politische Talkshow, die aber als solche gar nicht wahrgenommen wird. Weil dort boulevardeske und politische oder gesellschaftlich relevante Themen vermischt werden. Es ist erstaunlich, was Lanz aus dieser auf den ersten Blick abstrusen Mischung von Gästen manchmal zu machen versteht. Das ist ganz sicher alles andere als leicht.

teleschau: Auf welches Ereignis in Ihrem privaten Leben sind Sie 2013 besonders stolz?

Plasberg: Stolz bin ich auf eine spontane Idee, die ich im Juni hatte. Eine Sendung fiel aus und ich hatte deshalb eine Woche frei. Ich mietete mir in Köln, wo ich lebe, ein Wohnmobil und bin mit meinem damals zweieinhalb Jahre alten Sohn einfach mal ohne Karte, Navi oder Ziel durch Deutschland gefahren. Es gab nur eine Entscheidung am Anfang, entweder Richtung Berge oder Meer zu fahren. Und aufgrund der Wetterlage entschieden wir uns für die Richtung Süden. Das hört sich jetzt nicht so nach ganz großem Abenteuer an, war aber sehr erfüllend. Wobei es für meinen Sohn schon ein Abenteuer war, denn er durfte in seinem Kindersitz vorne fahren.

teleschau: Wo hat Sie Ihre Reise ohne Ziel hingeführt?

Plasberg: Weil wir erst abends losgefahren sind, schafften wir es am ersten Tag nur bis Siegburg. Danach haben wir im Westerwald wild gecampt - das ist in Deutschland ziemlich schwierig, weil selbst im Westerwald immer jemand da ist, der darüber motzt. Später sind wir in Rothenburg ob der Tauber einfach spontan rausgefahren, weil ich da noch nie war. Für Kinder ist es super da, weil die Stadt wie von der Märklin-Eisenbahn geklaut wirkt. So sind wir quer durch Deutschland gerollt - neun Tage lang. Am Ende landeten wir im Allgäu am Niedersonthofener See. Da gibt es noch ein richtiges Strandbad mit Kiosk und Capri-Eis. Dazu einen Campingplatz und den Gasthof "Zur Krone". Warum also weiterfahren? Die "Krone" hat uns drei Abende gesehen. So unspektakulär es klingen mag: Ich denke, diese Aktion war privat meine beste Idee 2013.

Quelle: teleschau - der mediendienst