Bjarne Mädel

Bjarne Mädel





Eine eigene Art Erfolg

Er war das Muttersöhnchen Ernie aus "Stromberg" und der gemütliche Dorfpolizist Dietmar Schäffer in "Mord mit Aussicht". Die meisten Auszeichnungen - allein zwei Grimme-Preise 2012 und 2013 - erhielt Schauspieler Bjarne Mädel jedoch für seine bislang jüngste Figur, den "Tatortreiniger" Schotty. Als Protagonist der gleichnamigen NDR-Kultserie darf Mädel als Fachmann für schräge Allerweltsfiguren die Reste menschlichen Lebens aufwischen. Drei neue Folgen strahlt das NDR-Fernsehen im Paket mit jeweils einer alten Episode an drei Abenden aus - am 7., 8. und 9. Januar, um 22 Uhr beziehungsweise 22.30 Uhr.

teleschau: Mit den vier neu gedrehten Folgen, ist "Der Tatortreiniger" nun 13-mal im Einsatz gewesen. Hat sich das Format gegenüber den ersten Folgen verändert?

Bjarne Mädel: Unsere Grundidee bleibt gleich. Ein Mensch ist gestorben, und die Umstände seines Todes führen uns zu einem eher ernsten Hintergrund. Trotzdem möchte die Serie nicht den moralischen Zeigefinger heben. Wichtig ist, dass wir lustig bleiben und das, obwohl es oft um Fragen geht, die sehr viel mit Moral zu tun haben. Diesen feinen Spagat wollen wir halten. Natürlich gibt es Folgen, die klamaukiger sind als andere. Wir streuen die bewusst ein. Schließlich ist der Tatortreiniger Schotty kein Intellektueller, der die Welt erforscht. Er ist einfacher Putzmann und ein sehr bodenständiger Typ.

teleschau: Wie lange arbeiten Sie an einer Folge "Tatortreiniger"?

Mädel: Wir haben mittlerweile vier Drehtage und davor einen Probentag am Set. Ein "Tatortreiniger" entsteht also in fünf Tagen - einer Arbeitswoche.

teleschau: Wie sehr verändern Sie das Buch während dieser Arbeit?

Mädel: Diese Frage haben wir auch bei "Stromberg" oft gestellt bekommen. Genauso wie da muss ich auch hier sagen: Nein, die Dialoge sind weitgehend genauso geschrieben worden. Mizzi Meyer, die Autorin des "Tatortreinigers", ist sehr groß und stark. Wir müssen uns auch nach dem Dreh einer Folge noch angstfrei mit ihr treffen können. Deshalb lassen wir fast alles so, wie es ist. Dass wir beim Proben oder Drehen ab und zu mal ein Wort verändern oder weglassen, ist normal. Das Feilen an Kleinigkeiten gehört zwingend dazu, wenn es um Komik geht. Man redet da oft über winzig kleine Dinge, die einen großen Unterschied in der Wirkung ausmachen.

teleschau: Unterscheidet sich der Humor der neuen Folgen von dem der ersten Episoden?

Mädel: Ich habe das Gefühl, wir werden immer besser. Auch wenn das eitel klingt, ich meine das auch so. Man kann die höhere Qualität aber erklären. Wir bekommen mehr Zeit als am Anfang. Wir haben mit nur zwei Drehtagen angefangen. Wenn man aber nicht so gehetzt arbeitet, ist die Chance größer, kreativ und damit besser zu werden. Auch der Look der Serie profitiert: In der zusätzlichen Zeit kann man beispielsweise besseres Licht setzten. Also - ich finde uns heute inhaltlich, aber auch ästhetisch noch stärker als am Anfang. Unser Humor hat sich aber nicht verändert.

teleschau: "Der Tatortreiniger" wurde von der Kritik mit Lob überhäuft. Oft heißt es, dass es etwas in dieser Art noch nie im deutschen Fernsehen gab. Analysieren Sie doch mal, was revolutionär an Ihrem Format ist!

Mädel: Das Neue ist vielleicht das Kammerspielartige. Dazu kommen vor allem auch die Texte von Mizzi Meyer, die sehr ungewöhnlich sind. Das ist ja keine Alltagssprache. Es gibt kaum belangloses Blabla, sondern immer geht es uns um etwas. Diese Verhandlung der großen Fragen - pro Folge - ist schon irgendwie etwas Neues in einem deutschen, komödiantischen Format. Mizzi Meyer hat in jeder Folge ein Überthema: Homosexualität beispielsweise oder Am-Rande-der-Gesellschaft-stehen. Sie braucht dieses große Thema, um im Kleinen genau erzählen zu können. Anders kann sie nicht schreiben, und darauf beruht vielleicht auch die Stärke des "Tatortreinigers". Trotzdem versuchen wir, das Thematische nicht zu offensichtlich werden zu lassen.

teleschau: Können Sie sich noch daran erinnern, wie die Idee zum "Tatortreiniger" entstanden ist?

Mädel: Der NDR ist zunächst mit einem anderen Angebot an mich herangetreten - "Das Wartezimmer". Dieses Format spielte in einer Arztpraxis, und auch da sollten Themen des Lebens verhandelt werden. Man hatte mir angeboten, die Figur des Hypochonders zu spielen, und für die Umsetzung hat man mir erlaubt, Arne Feldhusen als Regisseur ins Boot zu holen. Wir fanden jedoch schnell, dass dieses Konstrukt relativ schnell auserzählt wäre und hatten parallel die Idee zum "Tatortreiniger". Dann sagten die Verantwortlichen beim NDR: Hey, wenn ihr euch von dieser Idee des Wartezimmers eingeengt fühlt, denkt ruhig noch mal neu nach! So kam der "Tatortreiniger" ins Geschäft. Mit ihm kann man in jeder Folge eine andere, neue Welt erzählen. Gestorben wird nämlich überall: in allen Schichten, in allen Berufen. Der Tod kann lustig erzählt werden oder tragisch. Und natürlich auf alle Arten, die dazwischen liegen. Als die Idee erst mal da war, Tatorte zu reinigen und den Mann, der das macht, zum Protagonisten zu erklären, war uns sofort klar, wie reichhaltig diese Idee ist.

teleschau: Wie irritiert war der Sender vom "Tatortreiniger"?

Mädel: Ich denke, die mussten sich beim Sender auch ein bisschen an das Produkt gewöhnen. Ursprünglich geplant war ein Format, das vielleicht auch mal am Nachmittag gezeigt werden kann. Und dann kamen Sätze darin vor wie: "Nebenan ist die Tante explodiert" und "Meine Arbeit fängt da an, wo sich andere vor Entsetzen übergeben", und es wird über die Möglichkeit von Oralsex am Tatort verhandelt. Das ist natürlich nicht unbedingt das, was der NDR-Programmchef im Sinn hatte, als er sagte: "Die können da jetzt mal etwas Lustiges machen." Unsere Zusammenarbeit musste sich erst mal einspielen. Inzwischen haben alle erkannt, welche Qualität das haben kann. Welche hochkarätigen Schauspieler wir da bekommen und so weiter. Für diese Zeit des gegenseitigen Kennenlernens habe ich volles Verständnis. Es ist klar, dass dieser Prozess eine Weile gedauert hat. Auch deshalb, weil sie mir ursprünglich mal etwas völlig anderes angeboten hatten, das sich eben verändert hat. Dies muss man auch mal sagen, weil der NDR immer so viel Prügel für den "Tatortreiniger" kriegt, zum Beispiel für die Programmierung. Kaum einer sieht, dass die Verantwortlichen auch viel Mut hatten, uns einfach mal machen zu lassen.

teleschau: Der Erfolg kam allerdings nicht über die Quote. Was den "Tatortreiniger" berühmt machte, war vor allem die Mund-zu-Mund-Propaganda über die sozialen Netzwerke. Wie lange braucht man das Fernsehen überhaupt noch, um interessante dramaturgische Bildformate bekannt zu machen?

Mädel: Das kann ich nicht sagen. Was jedoch interessant ist bei den sozialen Netzwerken wie Facebook: Man bekommt sehr viel und sehr schnelles Feedback. Über diesen Kanal haben wir ziemlich schnell gesehen, dass viele Menschen vom "Tatortreiniger" begeistert waren.

teleschau: Haben Sie der Erfolg und die Anerkennung überrascht?

Mädel: Den Erfolg, den Sie meinen - das ist für mich eine eher abstrakte Größe. Beim "Tatortreiniger" machen wir alles so, wie wir es selbst gut finden. Beim Spielen freue ich mich einfach, wenn ich meinen Schauspielkollegen in die Augen gucke und darin Begeisterung sehe. Begeisterung für das, was wir da gerade machen. Das ist für mich Erfolg. Wenn mir jemand sagt, dass sieben Millionen Leute "Mord mit Aussicht" geguckt haben, weiß ich nicht wirklich, was das heißen soll. Ich habe einfach kein Gefühl dafür - und den "Tatortreiniger" gucken natürlich sehr viel weniger Menschen, da er nicht um 20.15 Uhr im Ersten läuft. Sehr konkret ist hingegen so etwas wie der "Grimme"-Preis. Da merke ich: Aha, da wurde die Qualität unserer Arbeit anerkannt.

teleschau: Die nackte Quote interessiert Sie also überhaupt nicht?

Mädel: Als Schauspieler sind mir solche Werte zu abstrakt. Ich spiele für meine Kollegen, meine Autorin, mein Team und meinen Regisseur. Natürlich auch für mich. Wieviel Menschen das dann am Ende gucken, kann ich mir nicht vorstellen. Wichtig ist nur, dass es so viele sind, dass wir weitermachen dürfen.

Quelle: teleschau - der mediendienst