Hans Meiser

Hans Meiser





"Wir wollten es den Arrivierten zeigen"

Als vor 30 Jahren die ersten privaten Fernsehsender in Deutschland ihren Betrieb aufnahmen, ahnten es nur die Wenigsten. Aber der Start von RTL und SAT.1 bedeutete eine Zeitenwende - für den Medienmarkt sowieso, aber auch für die Gesellschaft. Was unter anderem damit zu tun hat, dass der Zuschauer eben nicht mehr nur der anonyme Programmadressat ist, der mit großem Abstand zum Geschehen vor der Glotze hockt, sondern sich und seine ganze Daseinsbanalität längst auf dem Bildschirm gespiegelt sieht. RTL, damals noch RTLplus, legte am 2. Januar 1984, einen Tag nach SAT.1, los und war in dieser Hinsicht von Anfang an der innovativere Kanal. Die Kölner holten die Talkshow-Kultur nach Deutschland, Reality-TV ebenso. Und Hans Meiser war von 1984 bis 2009 immer mittendrin. Der gelernte Radiojournalist war als Anchor lange für die News ("7 vor 7", "RTL Aktuell") zuständig, später schrieb er am Nachmittag Talk-Geschichte. Im Interview blickt der 67-Jährige auf die Gründertage zurück und spart nicht mit Kritik am Fernsehen von heute.

teleschau: Herr Meiser, 30 Jahre RTL - was hat uns der Sender gebracht?

Hans Meiser: Ich werde dafür nicht bezahlt, und alte ARD- oder ZDF-Recken würden es vehehemt bestreiten, aber ich sage: Ich bin überzeugt, dass RTL in den drei Jahrzehnten dazu beitrug, dass sich das deutsche Fernsehen auch zum Positiven verändert hat. Wenn ich nur mal an das Nachrichten-Sujet denke: Die statuarische Präsentation à la Karl-Heinz Köpcke wurde durch uns aufgebrochen.

teleschau: Sie gehörten 1983 zu den Pionieren. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an die Gründerzeit des Privatfernsehens zurückdenken?

Meiser: Dass ich nie wieder in meinem Leben so viel arbeiten möchte wie damals (lacht).

teleschau: War es so schlimm?

Meiser: Nein. Es war eine sensationelle Zeit, '83 in der Gründungsredaktion von RTLplus. Wir hatten alle Freiheiten dieser Welt, denn wir wussten eigentlich, dass uns kaum einer sehen konnte in den ersten Wochen. Wenn ich mich richtig erinnere, sagte Dr. Helmut Thoma damals: "Wenn wir mit dem Hubschrauber über der Eifel Kassetten abwerfen würden, erreichen wir auch nicht weniger Leute als über unsere Antennen!" Die technische Verbreitung war zunächst sehr bescheiden, aber Thoma, der von Anfang an viele kluge Dinge sagte, ließ sich zum Glück nicht beirren. Er trommelte ein paar Verrückte zusammen und startete seinen Sender.

teleschau: Und Sie gehörten dazu.

Meiser: Obwohl ich eigentlich nie Fernsehen machen wollte. Ich war Journalist und Radiomann - TV war mir zu kompliziert, da sprachen mir zu viele mit. Aber dem Reiz, die erste deutsche Nachrichtensendung im Privatfernsehen mitzumachen, konnte ich dann doch nicht widerstehen. Mit "7 vor 7" fing alles an, die Sendung war das Zentrum unseres Programms. Wir konnten ARD und ZDF damit natürlich nicht das Wasser reichen, und wir waren alles unbefleckte Fernsehkinder - die RTL-Kollegen aus Frankreich und Luxemburg brachten uns nach und nach das Fernsehmachen bei. Wir hatten auch kein Geld damals. Ich weiß noch, wie Thoma im Mai '84, wenige Wochen nach Sendestart, sagte: "Wenn das so weitergeht, muss ich euch alle entlassen." Tat er dann doch nicht.

teleschau: Blicken Sie mit Wehmut auf diese Zeit?

Meiser: Nein. Damals war es nicht besser als heute - aber auch nicht schlechter. Der Vorteil, den wir hatten, war, dass wir in dieser Zeit, bei allen Fehlern, die wir machten, das Handwerk von der Pike auf lernten. Die RTL-Leute sind richtige gute Fernsehleute geworden. Aber der Weg war lang und holprig, Schlaglöcher ohne Ende ...

teleschau: Welche Ambitionen hatten Sie damals bei RTLplus?

Meiser: Wir wollten es den arrivierten Öffentlich-Rechtlichen zeigen - das war ganz klar unser Anspruch.

teleschau: Ziemlich hoch gegriffen ...

Meiser: Vielleicht. Aber wir waren allesamt sehr gute Journalisten, auch wenn wir von den etablierten Kollegen bei ARD und ZDF belächelt wurden. Ich behaupte ohnehin, dass im privaten Hörfunk und Fernsehen genauso viele gute Journalisten arbeiten wie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen - aber auch genauso viele schlechte. Nein, wir waren keinesfalls schlechter, nur hatten wir die technischen und finanziellen Möglichkeiten nicht. Auch nicht das Wohlwollen der Kritiker. Wir wurden niedergemacht. Und die öffentlich-rechtlichen Kollegen schauten uns nicht mal mit dem Hintern an, die wechselten angewidert - sozusagen - die Straßenseite, wenn sie einen von uns sahen.

teleschau: Hat es Sie eigentlich je zu ARD oder ZDF gezogen? Gab es Angebote?

Meiser: Ja, die gab es immer wieder. Aber ich bin kein Springertyp, sondern unglaublich loyal. Einmal wäre es tatsächlich fast soweit gewesen, aber dann erfuhr ich aus einer Programmdirektorenkonferenz innerhalb der ARD, dass ein Programmchef sagte: "Was wollen wir mit dem Meiser? Der gibt Operette, aber wir geben Oper bei der ARD!" Da war das Thema durch.

teleschau: Sie hörten 1992 mit dem Nachrichtengeschäft bei RTL auf.

Meiser: Ja, ich ließ es sein, weil ich für mich die Voraussetzungen nicht mehr gegeben sah. Ich weiß noch, wie mich der große Fernsehmann und Doyen der deutschen TV-Nachrichten Hanns Joachim Friedrichs damals regelrecht beschimpfte. Er meinte, dass ich verrückt sein müsse, denn ich hätte seiner Meinung nach ein ganz Großer werden können. Als ich Friedrichs ein Jahr später wieder traf, sagte er, dass er seine Meinung revidieren müsse. Ich hätte wohl doch alles richtig gemacht. Offenbar fand er die Talksendung doch nicht so schlecht ...

teleschau: Warum ist der Nachmittags-Talk heute von der Bildfläche verschwunden?

Meiser: Die Modeerscheinungen ändern sich. Total. Aber ich glaube nicht, dass das Genre tot ist. Es gibt Potenzial für einen Talk am Nachmittag. Aber man probiert es nicht mehr aus.

teleschau: Inka Bause hat es im ZDF doch erst versucht.

Meiser: Ja, die Frau war gut, aber das Konzept hat nicht gestimmt. Ich habe mir die Sendung x-mal angeschaut und mich jedesmal gefragt, nach welchen Kriterien da die Gäste eingeladen wurden. Dieses Format hat sich mir nicht erschlossen.

teleschau: Wie könnte ein erfolgreicher Talk denn aussehen?

Meiser: Ich glaube, dass eine solche Sendung von Journalisten gemacht werden muss. Aber vielleicht würde so etwas ebenfalls floppen. Ich weiß nur, dass man ran muss an die Menschen und gute Fragen stellen sollte. Ich habe früher immer gesagt: Es gibt 82 Millionen Deutsche, also 82 Millionen potenzielle Geschichten.

teleschau: Und dann hat man Ihnen vorgeworfen, Unterschichten-Fernsehen zu machen.

Meiser: Ja. Aber da wurde ich vielleicht wütend, diesen Kritikern bin ich mit dem nackten Hintern ins Gesicht gesprungen. Solche Kategorisierungen kann ich nicht ab, das ist Nazi-Diktion. Natürlich haben wir auch Mist-Sendungen gemacht, gar keine Frage, so arrogant bin ich nicht. Aber wenigstens waren meine Talks immer ehrlich, kein gescripteter Fake wie das meiste von dem Zeug, das nach uns kam.

teleschau: Sie haben den RTL-Nachmittag also immer im Auge behalten?

Meiser: Sicher. Aber heute schau ich kaum noch hin. Es wurde ja auf allen Kanälen immer schlimmer. Erst wurden die Talksendungen gefaket, dann kam das Court-TV mit frei erfundenen Fällen, und nun laufen diese unsäglichen Reality-Geschichten ... Fangen die Produzenten die Leute, die da mitmachen, eigentlich irgendwo ein, um sie mit vorgehaltener Waffe vor die Kamera zu zwingen, wo sie dann renitente Teenager und verhärmte Ehefrauen spielen müssen? Das sind keine Schauspieler, und sie sprechen ein dermaßen schlechtes Deutsch, dass man sie kaum versteht - so kann man doch nicht Fernsehen machen! Aber ich bin ja nicht der liebe Gott des Fernsehens. Obwohl, wäre ich das, dann ... Stopp jetzt, wir betreiben hier TV-Blasphemie (lacht)!

teleschau: Ach, spielen Sie doch bitte ein kleines bisschen mit!

Meiser: Nein. Ich bin kein TV-Gott, sondern möglicherweise nur ein alter Sack, der das Fernsehen nicht mehr versteht.

teleschau: "Im Seichten kann man nicht ertrinken", hat einer, auf den die Bezeichnung Fernseh-Gott tatsächlich beinahe passen würde, einmal gesagt.

Meiser: Ja, wieder so ein göttliches Bonmot von Helmut Thoma, nicht?

teleschau: Aber hat sich der Satz nicht überholt? Ist das Privatfernsehen in einigen Bereichen qualitativ nicht längst total abgesoffen?

Meiser: Definitiv. Das sind schon keine seichten Gewässer mehr, sondern bloß noch Pfützen auf dem Feldweg, zwischen denen man als Zuschauer herumhüpft, um keine allzu nassen Füße zu bekommen... Aber da nimmt sich keiner was - das gilt auch für die Öffentlich-Rechtlichen. Es gibt in manchen Programmbereichen gar keine Unterschiede mehr. Bei ARD und ZDF wird doch auch immer weiter eingeschränkt - auch bei den journalistischen Formaten wird alles immer dürftiger und liebloser.

teleschau: Werden Sie ruhig mal konkret!

Meiser: Also Klartext. Was mich am Fernsehen zum Beispiel total wahnsinnig macht, ist die sogenannte "grüne Hölle": diese hypermodernen Studios, wie sie inzwischen fast alle Sender haben, mit deren Hilfe sich Realität vorgaukeln lässt. Kann man schon mal machen, klar, als witziges Stilmittel, aber inzwischen wird inflationär damit gearbeitet. Die Engländer gehen zum Beispiel viel dosierter mit solchen Dingen um. Aber wir sind der größte Free-TV-Markt weltweit, und die Programmchefs stehen unter einem ungemeinen Konkurrenzdruck. Bedeutet: Macht einer was, müssen es alle anderen sofort auch so machen. Die Sender führen sich auf wie Spürhunde, die sich durch den Garten jagen und gegenseitig in die Schwänze beißen.

teleschau: Sie haben auf Radio Regenbogen in Mannheim eine eigene Talksendung: Wäre so ein intensives Gesprächsformat wie "Talk of Town - Die Hans Meiser Show" nicht auch etwas fürs Fernsehen?

Meiser: Absolut. Aber es ist müßig, darüber nachzudenken.

teleschau: Weshalb?

Meiser: Ganz einfach: Niemand würde so was mit einem Hans Meiser ins Programm nehmen. Und warum? Weil er zu alt ist! So was sagt dir ein 25-jähriger TV-Redakteur auch ohne Weiteres ins Gesicht. Dort grassiert der pure Alters-Rassismus. Andererseits gibt es auch viele ältere Fernsehgesichter, die sich vor der Kamera aufplustern wie impotente Weihnachtstruthähne, das ist genauso schlimm. Nein, ich nenne keine Namen, aber warum können die Leute nicht einfach normal miteinander reden?

teleschau: Sie meinen, so wie in Ihrer Talkshow "Hans Meiser" seinerzeit?

Meiser: Ja. Dass wir Deutsch miteinander sprachen, war sicher ein Grund für den Erfolg. Wissen sie, ich würde gerne so eine geniale Sendung wie Larry King sie bei CNN hatte, machen - aber die Sender wollen es einfach nicht. Eine Talksendung, in der einer auf charmante Art kritisch nachfragt, das fehlt meines Erachtens bei uns. Aber wie sehr die kritische Nachfrage in diesem Land kultiviert wird, haben wir ja erst beim "heute-Journal"-Interview von Marietta Slomka und Sigmar Gabriel gesehen.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Meiser: Ganz einfach: Politiker haben bei uns in Deutschland immer Recht! Und die Journalisten sind die Blödhanseln, auf die man eigentlich am liebsten verzichten würde. Notfalls schreibt halt noch ein Horst Seehofer einen Brief ans ZDF, um der Kritik der Politiker an den Journalisten Nachdruck zu verleihen. Wo leben wir eigentlich?

teleschau: Gerade deswegen brauchen wir so dringend die alten Hasen, die mit breitem Rücken dagegenhalten.

Meiser: Total d'accord. Aber für die alten Hasen ist kein Platz mehr in der TV-Landschaft. Und auch sonst nirgendwo. Vor ein paar Jahren wollte mir ein 20-Jähriger Bankberater die Weltwirtschaftskrise erklären und dozierte darüber, wie meine Anlage so "performt". Da fragte ich ihn, ob man in der Bank denn heutzutage tanzt. Er soll verdammt noch mal Deutsch mit mir sprechen! Er schaute mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank.

teleschau: Und dann?

Meiser: Dann habe ich die Bank gewechselt.

Quelle: teleschau - der mediendienst