Les Salauds - Dreckskerle

Les Salauds - Dreckskerle





Blut ist dicker als Wasser

Zweifellos hält Raphaëlle (Chiara Mastroianni) ihren neuen Nachbarn Marco Silvestri (Vincent Lindon) mit dem markanten Gesicht und dem sehnigen Körper für einen netten Menschen. Repariert er doch das Fahrrad ihres kleinen Sohnes Joseph (Yann Antoine Bizette). Wie sich die Rückenmuskeln des ehemaligen Kapitäns anspannen, während er sich über das Zweirad beugt, das erregt sie. Raphaëlle fantasiert nachher von Sex, Marco von etwas ganz anderem: Polizisten durchstreifen nachts eine Wiese, sie finden das Fahrrad von Joseph - seine Mutter stößt einen Entsetzensschrei aus. Kann Marco mit einer Entführung des Kleinen dessen Vater, den älteren Geschäftsmann Edouard Laporte (Michel Subor), seelisch zerstören? "Dreckskerle" von Claire Denis hebt als raffinierter Vergeltungs-Thriller an.

Zugegeben, die Geschichte wird nicht im Stück auf dem Silberteller präsentiert. Von Beginn an muss man die Elemente sortieren und zusammensetzen wie Puzzleteile. Wer ist der Mann, der in den Regen starrt? Wer der Tote unter einer weißen Decke auf dem Pflaster? Wer die junge Frau, die auf hochhackigen Schuhen vollkommen nackt und wie in Trance, vorbei an Obdachlosen, langsam eine nächtliche Straße entlang schreitet? Und was ist Realität und was bloß Vorstellung? Die französische Filmemacherin Claire Denis irritiert nicht um des Irritierens willen, sondern um die Zuschauer buchstäblich auf Augenhöhe der Figuren zu bringen. Die wissen kaum etwas voneinander und am wenigsten über sich selbst.

Noch auf See erfährt Marco, dass sein Schwager Jacques sich umgebracht hat. Reflexartig gibt Marcos Schwester Sandra (Julie Bataille) dem Tycoon Laporte die Schuld. Der habe nicht nur die Schuhfabrik der Silvestris in den Ruin getrieben, sondern auch Tochter Justine (Lola Créton) zu einer Hörigen von Sexgangstern gemacht. Wie sehr sie einen von denen liebt, bekennt Justine noch im Krankenhausbett, in dem sie mit schwersten Verletzungen liegt.

Starke Affekte, die in Perversion und Selbstzerstörung treiben, überwältigen die Menschen bei Claire Denis. Ganz ohne die sonst üblichen Großaufnahmen von Haut, Ekel und Ekstase lässt Denis ihre langjährige Kamerafrau Agnès Godard sexuelle Gewalt elliptisch umkreisen: Ein dunkel gefärbter Maiskolben, Blut auf dem Schenkelinneren von Justine und die Ankündigung des Arztes, ihre Vagina operativ wiederherzustellen, sagen genug. Und machen Rache für Marco unumgänglich. Die familiären Blutsbande erweisen sich als dicker als das Wasser der Ozeane, das er, ohne den Grund noch zu kennen, einst zwischen sich und die Seinen gebracht hat.

Das Motiv dunklen, instinkthaft-archetypischen Handelns entlehnt Denis dem Werk William Faulkners, ebenso aber auch das der Verunsicherung bei diesem Tun. Marco spürt, seine Schwester erzählt ihm nicht die ganze Wahrheit. Er entwickelt Liebe zu Raphaëlle und Zuneigung zu Joseph. Das macht ihn schwach und zum Opfer einer wirklich diabolischen Manipulation. Hätte aber Claire Denis, wie bisweilen gewünscht, auf die letzte Sequenz ihres Films verzichtet, würde man das Ausmaß der unerbittlich beschriebenen menschlichen Katastrophe, die die Rolle der Medien in unseren postmodernen Zeiten einschließt, wohl gar nicht begreifen.

Quelle: teleschau - der mediendienst