Heino Ferch

Heino Ferch





In die Extreme ...

Nein, leicht verdaulicher Stoff waren die bisherigen beiden Filme aus der "Spuren des Bösen"-Reihe gewiss nicht. Und doch: Nicht nur die Kritik war voll des Lobes, auch die Zuschauer schauten hin. Forderndes, aber eben gut gemachtes und stark gespieltes Fernsehen war das. Am Montag, 13.01., 20.15 Uhr, zeigt das ZDF den dritten Film der Reihe: "Zauberberg" (Regie: Andreas Prochaska). Heino Ferch spielt erneut den eigenbrötlerischen Polizeipsychologen Richard Brock, der diesmal nicht in seiner Wahlheimat Wien, sondern im kleinen Ort Semmering tätig werden muss. Dort wird ein ehemaliger Patient von ihm verdächtigt, ein Mädchen entführt zu haben. Für Serienfernsehen hat sich Ferch bislang noch nie begeistern können. Der "Tatort", Deutschlands beliebteste Reihe, interessiert ihn ohnehin nicht: "Jede Stadt, die was auf sich hält, will einen. Jeder Sender will zwei. Ich denke, das inflationiert total." Doch dieser Brock, der Deutsche in Wien, erdacht von dem brillanten Autor Martin Ambrosch, hat ihn fasziniert. Die düstere Reihe - der vierte Teil ist abgedreht, der Dreh für den fünften steht im Frühjahr an - entsteht als Gemeinschaftsproduktion von ZDF, ORF und Aichholzer Filmproduktion.

teleschau: Es ist eine alte Streitfrage der Philosophen: Ist der Mensch von Grund auf böse? Ist er gut? Oder ist er das, was die Gesellschaft, das soziale Umfeld aus ihm gemacht haben?

Heino Ferch: Ich denke, dass das Umfeld extrem viel Einfluss hat. Es ist maßgeblich, wenn es darum geht, ob wir böse werden oder gar welche Auswüchse das Böse in uns annimmt. Das beginnt schon früh.

teleschau: In der Kindheit?

Ferch: Schon in der Schwangerschaft spielt das eine Rolle. Ich glaube, dass ein Kind in den neun Monaten im Bauch der Mutter schon zu spüren bekommt, ob es willkommen ist oder nicht. Musik, Bewegung - Babys spüren, ob die Welt draußen eine gute ist. Und nach der Geburt geht es weiter: Wie entspannt ist das Umfeld, wie komfortabel ist es, wie behütet, wie vertraut? All das spielt eine Rolle.

teleschau: Kann es demnach auch ein Umfeld geben, das uns alle zum Mörder werden lassen könnte? Hat jeder den Mörder in sich?

Ferch: Wahrscheinlich, ja. Mag sein, dass bei manchem Täter auch genetische Bausteine falsch liegen. Aber ich denke, es kommt eben vor allem auf die besonderen Einflüsse an, die uns ins Extreme führen.

teleschau: Warum schauen wir Zuschauer uns das alles so gerne im Fernsehen an?

Ferch: Weil es tatsächlich nah an uns persönlich dran ist. Keiner von uns kann sicher sein, dass er nicht doch ein Messer in die Hand nimmt, wenn er den Typen trifft, der mit 130 Stundenkilometern in der Stadt deine Tochter über den Haufen gefahren hat. Da wird unser Schmerz zu groß, da sind wir vor nichts gefeit. Der Thrill des Bösen ist auch immer eine Spiegelung des eigenen Ichs oder unseres Umfelds. Und dazu haben wir Zuschauer eben auch oft eine Nähe zu den Themen der Filme: Häufig geht es um die Familie - sie ist das Nächste, das Unmittelbarste für uns.

teleschau: Richard Brock ist auf den ersten Blick kein Sympathieträger. In den USA gibt es längst zahlreiche Serien, die ihrer Hauptfigur auch mal spröde, gar unsympathische Charaktereigenschaften erlauben. Hierzulande wagt so etwas kaum jemand.

Ferch: Ich glaube, das wird sich ändern. Wichtig ist: Man beginnt auch hierzulande, sich für das horizontale Erzählen zu interessieren, also in Serien längere Geschichten zu erzählen und nicht alles in abgeschlossenen Fällen zu präsentieren. Und da darf es dann eben auch zur Sache gehen. Wir sind bisher in völlig anderen Strukturen gefangen. Und vergessen Sie nicht, dass amerikanische Produktionen andere Freiheiten haben.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Ferch: Das Risiko ist ein anderes. Wenn das Publikum daheim in den USA eine Serie nicht mag, dann kommt sie vielleicht in Deutschland oder in Japan an und refinanziert sich dort. Bei uns ist das schwieriger. Aber ich stelle auch fest, dass die Amerikaner unseren Markt ganz genau beobachten. Die wissen, dass das deutsche Fernsehen ein gutes ist. Klar werden auch bei uns viele Sendeplätze mit einfachem Zeug gefüllt: mit Reality-Shows zum Beispiel. Aber das ist überall so - in den USA, in Brasilien, in England. Nur hier bei uns gibt es eben abends auch immer wirklich tolle Geschichten zu sehen. Nehmen Sie "Das Adlon", den Dreiteiler, den wir mit dem ZDF gemacht haben: schicke Klamotten, hohe Schauwerte, aufwendig gedreht. Die Zuschauer haben es geliebt.

teleschau: In "Spuren des Bösen" sind Sie erstmals in einer Reihe zu sehen. Bislang fand sich Vergleichbares nicht in Ihrer Filmografie.

Ferch: Es war auch diesmal zunächst nicht geplant. Als mir der erste Film angetragen wurde, gab es wohl schon den Hintergedanken, eine fortlaufende Reihe zu schaffen. Aber da sagte ich erst einmal nicht zu.

teleschau: Warum nicht?

Ferch: Weil ich nur zu gut das Schicksal vieler Kollegen kenne. Sie verpflichten sich für viele Folgen und werden dann irgendwann, vielleicht beim vierten Film, plötzlich mit neuen Autoren, neuen Regisseuren konfrontiert. Und man muss eben erst sehen, ob das alles gut funktioniert. Aber meine Vorsicht, erst einmal nur einen Film zu machen, wurde respektiert. Die Arbeit war dann aber extrem gut, angenehm, intensiv. Und intelligent. Dann bot man mir den zweiten Film an, und ich habe zugesagt.

teleschau: Im ZDF läuft nun der dritte ...

Ferch: Und der vierte ist abgedreht. Im Frühjahr beginnen wir mit der Arbeit am fünften. Ich mache gerne weiter. Unter der Bedingung, dass Autor, Kameramann und Regisseur dabei bleiben. Sie bestimmen das Inhaltliche, den Look und die Erzählweise.

teleschau: Gedreht wird in Wien. Sie haben eine Beziehung zu der Stadt?

Ferch: Ich spielte früher am Burgtheater. Und ich habe auch schon ein paarmal in Wien gedreht. Zum Beispiel 1997, als wir für den Kinofilm "Comedian Harmonists" die Konzerte in verschiedenen Konzerthäusern in Wien aufnahmen. Eine tolle Erfahrung ...

teleschau: Was macht Wien für Sie aus?

Ferch: Wien ist überschaubar, hat eine ungeheuer gute Lebensqualität, ist sehr sinnlich und besitzt eine erotische Komponente. Überall ist Musik, überall ist die Kombination von Liebe zu Theater, zur Oper, zum Schauspiel, zur Kunst eben. Alles ist versammelt in diesem Bild einer Stadt, deren Schönheit fast noch vor der von Venedig liegt.

teleschau: Und die Menschen?

Ferch: Es herrscht diese laszive Lässigkeit. Mich amüsiert dieser Schmäh. Wenn einer Sie fragt: "Geht's Ihnen guad? Fein, ich freu mich!", kann gerne mal ein gedachtes "Arschloch!" durchscheinen. Das ist unterhaltsam, ich mag das gern. Und, ich hätte es fast vergessen: Man kann dort wirklich gut essen. Wien hat einfach etwas Sinnliches.

teleschau: Es scheint, als ob alle in Wien einfach einen Tick langsamer und entspannter leben. Wie es etwa auch auf vielen Inseln der Fall ist.

Ferch: Die Wiener lassen sich nicht stressen. In Deutschland ist im Restaurant die Rechnung in drei Minuten am Tisch. In Wien kann es schon mal zehn Minuten dauern. Es dauert vielleicht eine Weile, aber irgendwann begreift man das als große Lebensqualität. Sicher, im ersten Bezirk geht es anders zu, da ist der touristische Trubel. Aber drumherum ... da ist's gemütlich.

teleschau: Sie selbst sind vor wenigen Wochen zum dritten Mal Vater geworden.

Ferch: Um die Geburt herum hatte ich vier Wochen frei. Wunderbar, dass das geklappt hat.

teleschau: Aber der Preis, den Sie als Schauspieler zahlen, ist hoch. Jetzt, da Sie gerade junger Vater sind, stehen Sie wieder für Wochen in Wien vor der Kamera.

Ferch: Dafür habe ich bisweilen die Gelegenheit, mal eine Zeitlang gar nichts zu machen. Aber es stimmt schon: Es gibt auch belastendere Zeiten. Aber das muss man aushalten als Schauspieler.

teleschau: Im August wurden Sie 50. Haben Sie ein Rezept, wie man gut älter wird?

Ferch: Ich passe einfach ein bisschen auf mich auf. Ich treibe Sport, achte aufs Essen. Und nicht die falschen Sachen trinken!

teleschau: Kein Alkohol?

Ferch: Doch, ich schätze einen guten Weißwein, trinke aber kein Bier. Und ich versuche schon seit langem Trennkost zu machen. Das Wichtigste aber ist, dass du in deinem Leben dafür sorgst, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt: die Familie. Und wenn man dazu die Möglichkeit hat, sich selbst treu zu bleiben, im Leben und im Beruf sich nicht verbiegen zu müssen, dann lässt sich gut 50 werden. Klar, manchmal musste auch ich Kompromisse machen. Und irgendwann in den 40-ern gab's schon auch trübe Wolken in der Seele. Aber dann machst du nen Strich drunter, und es geht weiter.

teleschau: Ihr Rückzugsort ist bei Ihrer Familie am Ammersee.

Ferch: Das ist richtig, dort steht meine Tankstelle für alles.

teleschau: Macht Ihr kleines Baby Sie wieder jung?

Ferch: Jung. Und müde. Aber alles läuft gut. Meine Frau ist Mitte dreißig, und sie hält mich auf Trab. Und die Kinder natürlich auch. Wichtig ist, dass wir alles so organisieren, dass daheim alle zu ihrem Recht kommen. Bislang hat das ganz gut funktioniert.

Quelle: teleschau - der mediendienst