Tessa Mittelstaedt

Tessa Mittelstaedt





Zwischen Wehmut und Vorfreude

"Die schönste Nebensache des Tatorts" stand irgendwo einmal über Franziska, die Assistentin der Kölner Platzhirsche Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär), zu lesen. 13 Jahre lang bereicherte die Schauspielerin Tessa Mittelstaedt mit ihren erfrischenden Auftritten die manchmal erdrückend realistischen Kölner Krimis. Jetzt ist Schluss, und zum Ausstieg kann von "Nebensache" keine Rede sein: Mit dem fulminanten Solo "Franziska" verabschiedet sich die 39-Jährige am Sonntag, 5. Januar, von den "Tatort"-Fans. Ein packendes Psychostück, das auch deswegen schon vorab in aller Munde ist, weil es aus Jugendschutzgründen erst um 22 Uhr gesendet werden darf. Nicht unbedingt nachvollziehbar, findet die Berlinerin, die den "Tatort" aber ohne jeden Groll, sondern mit viel Vorfreude auf Kommendes verlässt - und da geht es nicht nur um neue, spannende Rollen. Immerhin erwarten sie und ihr Lebensgefährte, der Schauspieler Matthias Komm, im Januar ihr erstes Kind.

teleschau: Frau Mittelstaedt, der Januar wird Ihr Monat, oder?

Tessa Mittelstaedt: (lacht) Und ob. Die Schwangerschaft läuft prima, ich fühle mich wunderbar, und ich freue mich auf gleich drei Großereignisse: Erst der "Tatort", dann kommt unser Kind, und am 23. Januar startet der Kinofilm "Der blinde Fleck", der sich mit dem Attentat auf das Oktoberfest in München von 1980 beschäftigt. Ich spiele die Schwester des Attentäters. Der Januar ist für mich ein Monat des Neubeginns.

teleschau: Ist der Beruf des Schauspielers ideal, um Kinder in die Welt zu setzen?

Mittelstaedt: Ja und nein. Wenn man freischaffend arbeitet, ermöglicht er einem viele Freiheiten, was auch der leidenschaftlichen Motorradfahrerin in mir entgegenkommt (lacht). Andererseits ist er mit einer großen Unsicherheit verbunden. Man weiß oft nicht, wie es weitergeht. Und wenn man dann vor der Kamera steht, ist er wieder von einer unfassbaren Intensität geprägt, die einem alles abfordert und wenig Raum lässt. So ein Wechselspiel gibt es kaum in einem anderen Beruf.

teleschau: Wird die Mutterrolle Ihren Zugang zu den beruflichen Rollen verändern?

Mittelstaedt: Davon bin ich überzeugt, ich weiß nur noch nicht wie. Wenn man Mutter wird und Leben schenkt, dann bringt das zum einen ein größeres Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und auf der anderen Seite eine noch viel größere Verantwortung für mein Kind und mich mit sich. Ich denke in diesen Tagen durchaus viel über solche Zusammenhänge nach.

teleschau: Als Sie 1998 zum ersten Mal für den Kölner "Tatort" vor der Kamera standen, waren Sie 26 Jahre jung. Franziska war Ihre erste TV-Rolle. Haben sich die Träume, die Sie damals mit dem Beruf verbanden, erfüllt?

Mittelstaedt: Sie werden es nicht glauben, aber ich hatte keine besonderen Träume. Ich hatte ja bereits einige Jahre Theaterengagement hinter mir. Das Fernsehen sah ich eher als Weiterbildung auf einer anderen Ebene an. Heute blicke ich natürlich sentimentaler auf die 13 Jahre. Es gab eine Abschiedsfeier mit dem Team, bei der Szenen aus einigen meiner Tatort-Folgen gezeigt wurden. Da bekam ich feuchte Augen. Ich weiß noch, wie ich zu Dietmar Bär sagte: "Mensch, was waren wir damals jung" - und er mir lachend antwortete: "Mensch, was sind wir heute reif." Es ist schon irgendwie faszinierend, wenn man anhand einer Spielrolle sieht, wie man sich entwickelt hat.

teleschau: Was haben Ihnen die 13 Jahre "Tatort" gebracht?

Mittelstaedt: Zum einen ein persönliches und berufliches Wachstum. Es war ja ein regelmäßiges Training. Und mir bleiben einige Filme, auf die ich sehr stolz bin in Erinnerung - "Tatort"-Folgen wie "Kaltes Herz", "Liebe am Nachmittag" oder "Blutdiamanten", in denen die Assistentin Franziska nicht nur die Informationsbeschafferin war, sondern richtig Futter bekam, etwas von ihrer Persönlichkeit zeigen durfte. Schließlich wird mein Beruf erst richtig interessant, wenn ich einer Figur in die Seele blicken lassen darf und es ins Psychologische geht. Und zum anderen, na klar, Popularität.

teleschau: Wenn Sie Ihr Kind in einigen Jahren fragt, wer diese Franziska war, was würden Sie antworten?

Mittelstaedt: Dass sie eine sehr loyale Frau war, die bis zur Selbstaufgabe ihren Beruf erfüllt hat und dabei ihr Privatleben, ihre Weiblichkeit, ihr Frausein arg vernachlässigt hat. Und dass Franziska ein wichtiger Teil meines Lebens ist.

teleschau: Und dann wird ihr Kind sicher fragen: "Warum hast du damit aufgehört, Mama?"

Mittelstaedt: (lacht) Ich hörte auf, weil ich finde, dass die Rolle nach 13 Jahren auserzählt ist. Sie war auf ihre Position begrenzt, und mein Wunsch nach einem erweiterten Aufgabenfeld wurde größer. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Aber letztlich siegte der Wille zur Veränderung. Ich möchte in andere Genres, möchte Charakterrollen spielen und andere relevante Themen aufgreifen. Man muss erst eine Tür schließen, bevor eine andere aufgeht. Ich bin gespannt, was nun kommt. Dieser letzte "Tatort", den unser Regisseur Dror Zahavi als intensives Kammerspiel angelegt hat, ist meine neue Visitenkarte. Bitte unbedingt mehr davon!

teleschau: Was würden Sie gerne spielen?

Mittelstaedt: Mich würde eine in ihrem Charakter widersprüchliche Frau interessieren, die für eine gute Sache kämpft, und das mit unlauteren Mitteln. Eine, deren Charakterzeichnung erst verstört, sich aber im Laufe der Geschichte nachvollziehbar erklärt, wie zum Beispiel Lisbeth Salander oder Carrie in "Homeland" oder ein tolles Frauen-Biopic mit historischem Hintergrund, wie zum Beispiel Melitta von Stauffenberg, die mich sehr fasziniert.

teleschau: "Franziska" wird auf jeden Fall als Ihr Film in die "Tatort"-Geschichte eingehen. Wie fühlt sich das an?

Mittelstaedt: Natürlich gut. Der Film ist eine Verneigung vor dieser Figur. Ganz zu recht, wie ich finde, denn ich würde schon sagen, dass Franziska mit dafür gesorgt hat, dass das Kölner Team zu den beliebtesten zählt. Franziska gab dem Ganzen die richtige Würze.

teleschau: Der Film wurde in der ehemaligen Justizvollzugsanstalt in Ratingen bei Düsseldorf gedreht. Wie waren die Dreharbeiten hinter Gittern?

Mittelstaedt: Extrem! Es war eine Ausnahmesituation für das gesamte Team. Das Gefängnis stand seit drei Monaten leer, wir hatten den Komplex bei dem dreiwöchigen Dreh für uns. Es war unendlich kalt. Die Atmosphäre in dem alten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert war bedrückend. Und dann dieses Drehbuch: Franziska mit einem Psychopathen allein in der engen Zelle. Zum Glück war Hinnerk Schönemann mein Partner - er ging sehr rücksichtsvoll mit mir um. Ich hätte mir keinen besseren Kollegen wünschen können.

teleschau: Haben Sie sich den Knast so vorgestellt?

Mittelstaedt: Ich war vorher noch nie in einem Gefängnis, und nein, so hätte ich das nicht erwartet. Die Zellen sind wahnsinnig klein, alles ist aus kaltem Metall, Beton und Stein, jedes Fenster vergittert ... Natürlich ist Knast kein Erholungsurlaub, sondern eine Erziehungseinrichtung. Wir verbrachten täglich zehn bis zwölf Stunden dort, und schnell war es für mich geradezu körperlich spürbar, dass das Gebäude genau diesen Zweck erfüllt. Beeindruckend. Schlimm. Wenn ich sehe, wie sich das ganze Ensemble, bis zu den Komparsen dieser Atmosphäre hingab, ging es wohl allen so am Set.

teleschau: Können Sie nachvollziehen, dass der Krimi erst nach 22 Uhr gesendet werden darf?

Mittelstaedt: Ich persönlich finde, man hätte ihn durchaus um 20.15 Uhr zeigen können. Es gibt keine blutigen Gewaltszenen. Aber ich kann auch verstehen, warum die Verantwortlichen der Meinung sind, dass man den Stoff keinem Zwölfjährigen zumuten kann: In der Geschichte wird Stück für Stück ein psychischer und physischer Druck aufgebaut, was am Ende sicherlich auch eine sehr drastische Form von Grausamkeit ist.

teleschau: Haben Sie sich als Hauptdarstellerin an den Diskussionen zu dem Thema beteiligt?

Mittelstaedt: Nein. Ich habe vollstes Vertrauen in die Leute, die so etwas entscheiden. Aber ich mache keinen Hehl daraus, dass ich zumindest am Anfang dachte: Seltsam, da macht die ARD schon mal einen wirklich besonderen Krimi, und dann wird er um 22 Uhr gesendet. Aber dann war ich davon überzeugt, dass gerade diese Diskussion sicher auch einiges an Aufmerksamkeit auf den letzten "Tatort" mit Franziska lenken dürfte. Wir werden unser Publikum finden.

teleschau: Was halten Sie von den neuen "Tatort"-Krimis, die in diesem Jahr den Dienst antraten? Kann das die Marke vertragen?

Mittelstaedt: Der "Tatort" ist in letzter Zeit ohne Frage zu einem Selbstläufer geworden. Nur, Masse macht nicht Qualität! Natürlich möchte jeder ein Stück vom Kuchen abhaben. Der Hype, der da entstanden ist, ist mir ein bisschen suspekt. Wo und was heute überall über den "Tatort" geschrieben wird - das hat sich durch die sozialen Netzwerke schon sehr verändert. Schräg finde ich es, wenn schon gleichzeitig zur Ausstrahlung kritisiert und getwittert wird. Wie kann ich mich auf den Film konzentrieren, wenn ich nebenbei mit Schreiben beschäftigt bin? Ich finde, dass man mit der Marke liebevoll und umsichtig umgehen sollte.

teleschau: Was hebt die Kölner Fälle aus der Masse der vielen "Tatort"-Filme heraus?

Mittelstaedt: Die Tatsache, dass sie auf besondere Weise menscheln und bodenständig sind. Der Zuschauer mag die Buddy-Konstellation, und er weiß einfach immer, was er kriegt: Es gibt den Dicken, den Kernigen, die agile Blonde, den sympathischen Pathologen mit hohem Wiedererkennungswert ... Außerdem erzählen wir immer wieder gesellschaftskritische Themen. Wenn man so will, wird der Lehrauftrag der ARD beim "Tatort" aus Köln besonders gut erfüllt.

teleschau: Was werden Sie am meisten vermissen?

Mittelstaedt: Die Menschen, das Team. Wir sind ein eingeschworener Haufen - gewesen, muss ich ja jetzt wohl sagen.

Quelle: teleschau - der mediendienst