Keith Richards

Keith Richards





Mehr Rock als Roll

Ihr aktueller Live-Mitschnitt "Sweet Summer Sun - Hyde Park Live" zeigt es einmal mehr: Auch 2013, auf ihrer "50 & Counting"-Tournee, gehen die Rolling Stones in ihren unterschiedlichen Rollen voll auf. Während Schlagzeuger Charlie Watts den unnahbaren Stoiker mit Hang zum Jazz gibt, mimt Ronnie Wood den freundlichen Hallodri und Mick Jagger den ewig virilen Gentleman-Gockel. Und Keith Richards? Er rockt, wo seine Kollegen nur rollen. Und im Vergleich zu Jagger wird noch etwas anderes deutlich: Der Stones-Frontmann versuchte sich neben der Band als Schauspieler, Bildungsbürger, Fitness-Guru, Geschäftsmann und Solo-Künstler zu profilieren. Keith Richards, der am 18. Dezember seinen 70. Geburtstag feiert, ist sich hingegen eigentlich immer treu geblieben.

Richards lebt und liebt die bekannten Klischees - zumindest von Drugs und Rock'n'Roll: Statt ausgefallenen Nebenaktivitäten zu fröhnen, schlurft er lieber Whisky- oder Wodka-Mischgetränke, raucht Kette, stöbert und schmökert in seiner umfangreichen Bibliothek oder entspannt auf seinen Landsitzen in Sussex und Connecticut. Selbst eine eigene Insel irgendwo in den Weiten des britischen Hoheitsgebiets soll er besitzen.

Den erarbeiteten Luxus teilt Richards gern mit seiner Familie, die er - ganz treusorgender Familienmensch - liebevoll umsorgt. Denn das Sex-Klischee erfüllt Richards nicht: Mit dem Model Anita Pallenberg, mit der er in den 60er- und 70er-Jahren zusammenlebte, hat der Musiker zwei Kinder, ein drittes starb 1976 bei der Geburt. Verheiratet ist Richards mit Patti Hansen, an seinem 70. werden die beiden auch ihren 30. Hochzeitstag feiern. Mit seiner Ehefrau hat Richards zwei Töchter, mittlerweile ist er auch stolzer Großvater von vier Enkelkindern.

Dass er von seinem Rüpel- und Exzess-Image früherer Jahre elegant und fast schon würdevoll zum Elder Statesman des Rock gereift ist, kann man nur voller Hochachtung anerkennen. Denn Richards hat viele Höhen und Tiefen durchschritten, endlosen Alkohol- und Drogenmissbrauch hinter sich. Er steht heute, dank robuster Physis und starkem Durchhaltewillen, aufrecht wie eine Eins. Um schlussendlich ziemlich heil aus den nicht gerade ungefährlichen Dekaden voller Rockstar-Leben herauszukommen, ist Richards einer einfachen, aber wirkungsvollen Maxime gefolgt: Er liebt über alles, was er am liebsten tut, nämlich sich mit absoluter Hingabe in den Dienst seiner Band zu stellen: The Rolling Stones.

Das ist der Grund, der die "Maschine" Keith Richards am Laufen hält. Das hat ihn, den 1943 im englischen Dartford geborenen Gitarristen, der übrigens auch souverän Bass, Keyboards und Schlagzeug beherrscht, zur Seele der Band gemacht. Richards' Input und Einfluss als Gitarrist und Songwriter auf das Gesamtwerk der wohl größten immer noch agierenden Rockband des Planeten kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Bereits in den ersten frühen Band-Jahren definierte Richards sein (Gitarren-)Spiel, das bis heute genreübergreifend Gültigkeit hat. Die sich anbahnende dröhnende Revolution von "Satisfaction", der unglaublich innovative Akkord-Impuls auf "The Last Time", die abgeklärte Einfachheit von "Honky Tonk Women" oder die vollendeten, beinahe unheimlichen Saiten-Vibrationen von "Gimme Shelter": Keith Richards' rhythmisches Gitarrenspiel zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen der Stones. Weitere Markenzeichen: seine unnachahmlich abgehackten, in das Zentrum eines Songs geworfene Soli und die tonal eigentümlichen Licks. Dieser kurz gefasste und prägnante Stil brachte ihm den Spitznamen "The Human Riff" ein.

So viel Spielfreude hätte bei Richards eigentlich zu wesentlich mehr Solo-Alben führen können, doch mehr als ein Live-Album und zwei Studio-Alben, "Talk Is Cheap" (1988) und "Main Offender" (1992), hat der Jubilar nicht vorzuweisen. Beide Alben belegen aber deutlich den großen Anteil, den Richards am Gesamtsound der Stones hat. Nicht nur sein Spiel, auch sein Gesang spielt dabei eine große Rolle - dieses mürrisch aus der Kehle fließende tiefe Röhren, das sich sympathisch um die genuschelten Vokale schmiegt. Manchmal durfte Richards sogar die Lead-Stimme bei den Stones sein, wie etwa auf den Meisterwerken "Beggars Banquet" ("Salt Of The Earth") und "Let It Bleed" ("You Got The Silver") oder dem bisher letzten Studioalbum der Truppe, "A Bigger Bang" ("This Place Is Empty" und "Infamy").

Mit Jagger würde Richards dennoch niemals tauschen wollen. Er kennt seine Rolle, suchte jenseits der Rolling Stones nie die große (Medien-)Öffentlichkeit. Bekannteste Ausnahme: Er spielte Captain Teague, den Vater von Pirat Jack Sparrow, in zwei "Fluch der Karibik"-Filmen. Doch auch dort - so die einhellige Meinung - spielte Richards vor allem sich selbst. Die größeren Schlagzeilen machte da eher seine vor drei Jahren veröffentlichte Biografie "Life", ein bunter Wälzer, voll mit Anekdoten aus seinem bewegten Leben. Dort mokierte er sich er über das beste Stück von Jagger, woraufhin lange Zeit Funkstille zwischen den beiden herrschte. Inzwischen rollen die Stones aber wieder gemeinsam, erste Tourtermine für 2014 wurden erst vor Kurzem bekanntgegeben. Insofern kann vielleicht sogar noch auf eine Fortsetzung seiner opulenten Autobiografie hoffen. Bei Richards Konstitution wäre das sicher möglich: "Life 2", dann zum 100. Geburtstag. In diesem Sinne: Rock on, Keith!

Quelle: teleschau - der mediendienst