Heino

Heino





Der Staatsfeind Nr. 1?

Als das "Brechmittel mehrerer Generationen" bezeichnete ihn der Autor und Schlager-Kritiker Rainer Moritz. Der Ethnologie-Professor und Volksmusik-Experte Reinhard Johler befand, dass er die Nation extrem spalte. Und Punk-Ikone Jello Biafra legte sich, nur um zu dokumentieren, wie schlecht Musik überhaupt sein kann, sogar eine ganze Sammlung seiner Platten zu. Heinz-Georg Kramm, besser bekannt als Heino, polarisiert wie vielleicht kein zweiter volkstümlicher deutscher Schlagersänger. Dass der blonde und sonnenbebrillte Barde mit diesem Image spielt, zeigt sein aktuelles Coveralbum "Mit freundlichen Grüßen": Nicht umsonst trägt es den süffisanten Untertitel "Das verbotene Album". Eine bewusste Trotzreaktion? Seit seinem Durchbruch vor knapp 50 Jahren musste der gebürtige Düsseldorfer, der am 13. Dezember seinen 75. Geburtstag feiert, Hohn und Spott über sich ergehen lassen. Oft lieferte nicht nur seine Musik Grund zum Unmut: In der Vergangenheit fiel Heino auch immer wieder durch unsachgemäße Äußerungen und Negativschlagzeilen in der Öffentlichkeit auf. Aber taugt Heino wirklich zum Provokateur, zum Staatsfeind des guten Geschmacks? Oder missverstehen ihn seine Kritiker einfach nur?

"Ich zeichne in meinen Liedern eine heile Welt, weil ich eine heile Welt haben will": Nein, an seinen Inhalten lässt Heino keine Kritik zu. Und die Anfeindungen gegenüber ihm als Person kümmern ihn auch wenig. Der Liebe seiner treuen Anhänger kann er sich ohnehin sicher sein, über 50 Millionen verkaufte Tonträger sprechen eine ziemlich deutliche Sprache. Dennoch beklagte er einst, nie das Bundesverdienstkreuz bekommen zu haben: Ein wenig scheinen ihn die vielen kritischen Stimmen doch zu wurmen, die auch durch unzählige Goldene Schallplatten nicht verstummen wollen.

Dabei fing alles so harmlos an: Nach der Schule fing Heino in den 50er-Jahren eine Bäckerlehre an, die er erfolgreich als Konditorgeselle abschloss. Sein Talent als Sänger und fähiger Gitarrist wurde bereits von seinem damaligen Meister gefördert, erste Bühnenerfahrungen sammelte er später mit den OK Singers und dem Comedien Terzett. Bei einem Auftritt auf einer Modenschau 1965 wurde Produzent Ralf Bendix auf den schmächtigen, aber stimmgewaltigen Musiker aufmerksam. "Ich war schmal, 64 Kilo, ich sang wie der Teufel, ich hatte blaue Augen", erinnerte sich Heino in der "Süddeutschen Zeitung" an den Augenblick, als ihm sein Entdecker einen Zehn-Jahres-Vertrag unter die Nase hielt. Bendix wurde sein Manager und erfand das Image des blonden Barden.

Ralf Bendix war es auch, der Heino 1977 empfahl, das "Lied der Deutschen" als Auftragsarbeit auf Platte einzusingen. Mit allen drei Strophen. Für eine Republik, die sich gerade im Auf- und Umbruch mit der 68er-Generation befand, war das ein Schlag ins Gesicht. "In der Zeit bin ich viel beschimpft worden", erkannte der Sohn eines Zahnarztes im "Tagesspiegel" seine Misere. "Da kommt einer, der ist blond, hat blaue Augen, züchtet Schäferhunde. Das muss ja ein ganz Schlimmer sein."

In der "Welt am Sonntag" verteidigte sich Heino auch noch fast 40 Jahre später gegen den Vorwurf der Deutschtümelei: "Die Aufnahme war für den Unterricht bestimmt", rechtfertigte der Sänger die Auftragsarbeit des "Deutschlandliedes". Er habe die Hymne für den ehemaligen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Hans Filbinger, aufgenommen. "Ich habe mit dem damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel darüber korrespondiert, und der hat mir geschrieben: Alle drei Strophen dürfen gesungen werden. Aber in der Öffentlichkeit soll man nur die dritte Strophe singen. Mehr habe ich nicht gemacht", gab er zu bedenken.

Heino ließ in der Folgezeit nur wenige Fettnäpfchen aus, um sich erfolgreich gegen sein Image als "schwarz-braune Haselnuss" zu stemmen. 1983 flog er zusammen mit seiner dritten Ehefrau Hannelore, einem UNO-Kulturembargo für ausländische Künstler zum Trotz, für eine kleine Tour nach Südafrika. Ein deutscher Sänger singt in jenem Land, das zu jener Zeit noch unter dem menschenverachtenden Apartheid-Regime zu leiden hatte, vor einem rein weißen Publikum - ein Skandal. Und ein gefundenes Fressen für alle Kritiker, wie Heino gegenüber dem Nachrichtensender "NTV" erklärte: "Ich bin genauso engagiert worden wie zum Beispiel Freddy Quinn oder Udo Jürgens. Sie waren alle drüben. Über mich zog man her, aber die anderen waren alle vor mir da."

Heino sieht sich - nicht nur diesbezüglich - oft im Recht. Schließlich habe er einen Vertrag unterschrieben, und Verträge müssten schließlich eingehalten werden, sagte er gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Aber auch die heilige Welt einzuhaltender Kontrakte bekam 2007 große Risse für den Schlagersänger, als er eine Tournee aufgrund gesundheitlicher Probleme absagen musste. Der Veranstalter, eine Firma, an der Heino selbst beteiligt war, ließ die geplante Konzertreise vorab in Höhe von drei Millionen Euro versichern, sollte es zu einem Ausfall kommen.

Kurz vor der Tour plagten den Altstar Schmerzen, und er musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die ausverkaufte Tournee wurde daraufhin abgesagt, und die Agentur forderte den vertraglich zugesicherten Ausfallbetrag, den die Versicherung nicht gewillt war zu bezahlen - sie witterte Betrug. Ein Gericht entschied 2009, dass eine diesbezügliche Klage von Heino nichtig sei. Der Sänger und die Firma mussten die Rückerstattungskosten für bisher verkaufte Tickets in Höhe von über 600.000 Euro übernehmen.

Doch 2013 klingelte die Kasse: Anfang 2013 veröffentlicht Heino das Coveralbum "Mit freundlichen Grüßen", auf dem er Lieder bekannter deutscher Popbands neu interpretierte. Die Platte schoss, auch dank der Berichterstattung des Boulevardjournalismus über das angeblich so kontroverse, "verbotene" Album, auf Platz eins der deutschen Charts - ein Novum in seiner Karriere. Heino war plötzlich nicht nur Schlagerfans ein Begriff: Auch viele Jugendliche und Junggebliebene erfreuten und/oder belustigten sich an seinen Versionen von den Ärzten, Sportfreunde Stiller und Rammstein. Letztere luden ihn bei ihrem diesjährigen Auftritt beim "Wacken Open Air"-Metalfestival auf die Bühne ein, um mit ihm zusammen zu singen. Und auf einmal reckten sich dem volkstümlichen Schlagersänger zehntausende Fäuste entgegen und ließen ihn hochleben.

Wird Heino also auf seine späten Tage doch noch zum beliebten Idol? Sogar für ganz neuen Zielgruppen? Sicher ist: Als wirklicher Provokateur, als Staatsfeind gar kann Heino - trotz unsachgemäßer Äußerungen und fragwürdiger Handlungen - kaum (noch) gelten. Er ist ein schlicht ein Unterhaltungskünstler, von der Masse geliebt werden will - auch wenn er dafür provozieren muss.

Quelle: teleschau - der mediendienst