Volker Bruch

Volker Bruch





Der Ausdrucksstarke

Selbst unter der Mittelalter-Maske erkennt man ihn an seinen Augen. Intensiver als bei Volker Bruch kann ein Sichtorgan wohl kaum fesseln, weshalb der 33-Jährige im Schauspielerberuf gut aufgehoben scheint. Doch es ist nicht nur sein markantes Äußeres, das den auf zarte Art kantigen Mann für den Zuschauer so attraktiv macht. Bruch, der seit der gemeinsamen Arbeit im Film "Goehte!" mit seiner Kollegin Miriam Stein liiert ist, überzeugt durch differenziertes, hochgradig intensives Spiel, von dem sich zuletzt im Film "Unsere Mütter, unsere Väter" das ganz große Publikum ein Bild machen konnte. Der vielfach preisgekrönte Quoten-Straßenfeger, in dem Bruch den desertierenden Wehrmachtsoffizier Wilhelm spielt, brachte den Bekanntheitsgrad des Wahlberliners auf ein neues Level, und er machte ihn zum Fan seines Regisseurs Philipp Kadelbach. Mit Kadelbach und dem gleichen Produktionsteam von "Unsere Mütter, unsere Väter" drehte der gebürtige Münchener nun das ZDF-Mittelalter-Epos "Die Pilgerin" (So., 05.01., und Mo., 06.01., jeweils 20.15 Uhr).

teleschau: "Die Pilgerin" ist mit demselben Team entstanden wie der hochgelobte Weltkriegs-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter". Ist das allein schon Grund genug, mitzumachen?

Volker Bruch: Wir hatten ein halbes Jahr an "Unsere Mütter, unsere Väter" gedreht. Da wächst man natürlich zusammen. Nach einer Pause von zwei Jahren in dieses Team zurückzukehren - das war anfangs wie ein Klassentreffen. Aber um die Frage zu beantworten: Ja, die Leute sind immer ein wichtiger Grund!

teleschau: Trotzdem ist "Die Pilgerin" etwas völlig anderes als "Unsere Mütter, unsere Väter". Damals ging es um hochkomplexe Figuren, bei "Die Pilgerin" sind sie hingegen eher flach geraten.

Bruch: Das kann man nicht vergleichen. Die beiden Filme behandeln völlig unterschiedliche Themen. Die Dreharbeiten zur Pilgerin haben jedenfalls großen Spaß gemacht - vielleicht gerade weil das Thema diesmal nicht so schwerwiegend war.

teleschau: Aber muss man als Schauspieler nicht jede Rolle, jeden Charakter gleich ernst nehmen? Auch wenn der Film eher "Bubblegum" ist.

Bruch: Ja natürlich. Obwohl, ich weiß nicht, ich nehme mich selbst ja auch nicht immer ernst. Bei einem Mittelalterfilm hat man vielleicht mehr Freiheiten als bei einem Film, der in der heutigen Zeit spielt. Es ist einfach der Reiz, sich ein bisschen aus dem Fenster zu lehnen. Natürlich kann man dabei auch hinausfallen, aber das muss man manchmal in Kauf nehmen.

teleschau: Wo steht geschrieben, dass man im Mittelalter deutlich überagieren darf?

Bruch: Das steht nirgendwo geschrieben. Man hat aber aufgrund der zeitlichen Distanz zu dieser Epoche einen größeren Freiraum, Dinge zu behaupten. Ich kann einfach sagen: Ja, es gab diese Figur damals, und die hat sich genau so verhalten. Nun können Sie natürlich sagen: Nein, das glaube ich Ihnen nicht! Dann hat meine Idee vielleicht nicht funktioniert. Aber - die Chance wäre da gewesen.

teleschau: Inwiefern, glauben Sie, waren die Menschen im Mittelalter anders als heute?

Bruch: Das weiß ich nicht, ich hab ja damals nicht gelebt. Ich behaupte auch gar nicht, dass sie anders waren. Aber die Distanz zu dieser Zeit gibt einem mehr Freiraum in der Darstellung, weil keiner per Videobeweis zeigen kann, dass es doch ganz anders war. Ansonsten glaube ich nicht, dass sich die Menschen in ihren grundlegenden Motiven über die letzten 2.000 Jahre stark verändert haben. Deshalb sind auch die griechischen Tragödien immer noch modern.

teleschau: Dennoch gibt es viele Menschen, die sich gerade vom Mittelalter stark angezogen fühlen. Warum eigentlich?

Bruch: Vielleicht weil sie eine rohere und archaischere Art zu leben darin finden. Ich glaube, dass viele Leute in diese Zeit hineinprojizieren, dass man damals seine Gelüste unmittelbarer ausgelebt hat.

teleschau: War die Hauptrolle in "Unsere Mütter, unsere Väter" ein klarer Wendepunkt für Sie - so dass man von einem vorher und nachher sprechen kann?

Bruch: Nein, es war kein Wendepunkt. Ich hab in allen Projekten versucht, mein Bestes zu geben. Musste aber auch erkennen, dass man als Schauspieler nur ein Rad in einem großen Getriebe ist. Man kann viele Dinge einfach nicht beeinflussen. Zum Beispiel den Schnitt oder die Musik. Aber natürlich kann man damit eine stimmige Szene auch kaputtmachen. Bei "Unsere Mütter, unsere Väter" haben einfach wahnsinnig viele Dinge gestimmt. Und um mir selbst noch mal zu widersprechen, muss ich zugeben, dass das auch sehr entspannend ist, in der Postproduktion nicht dabei zu sein. Für mich ist der Dreh nach dem letzten Drehtag vorbei. Ich versuche, meinen Part abzuliefern und gucke mir später an, was die daraus gemacht haben. Ich kann das eigentlich ganz gut ...

teleschau: Sie hatten also bei der Arbeit an "Unsere Mütter, unser Väter" nicht das Gefühl, dass es ein herausragender Film wird?

Bruch: Sicher war ich mir keineswegs. Viele historische Filme, die ich mir anschaue, gefallen mir überhaupt nicht. Aber auch deshalb bin ich so ein großer Fan von Philipp Kadelbach, dem Regisseur von "Unsere Mütter, unsere Väter" und "Die Pilgerin". Philipp hat die Fähigkeit, solche Stoffe rund zu bekommen, toll aussehen zu lassen, und er schafft es, dass sich die Geschichte trotzdem immer an den Charakteren orientiert.

teleschau: Sie bekommen aber sicherlich mehr und bessere Angebote seit "Unsere Mütter, unsere Väter"?

Bruch: Ja, es kommen schon mehr Anfragen rein - seit dem Ausstrahlungstermin. Das ist natürlich positiv. Direkt nach den Dreharbeiten war es aber ganz anders. Da habe ich ein Jahr lang nichts gemacht. Weil einfach kein gutes Angebot kam ...

teleschau: Kamen Ihnen da Selbstzweifel?

Bruch: Nein, eher Zweifel an den Büchern (lacht).

teleschau: Hat "Unsere Mütter, unsere Väter" Ihre Strategie verändert? In Bezug darauf, welche Rollen Sie in Zukunft spielen oder ablehnen ...

Bruch: Ich glaube, es ist eine Illusion, dass Schauspieler einen großen Masterplan verfolgen, nach dem sie Entscheidungen fällen und ihre Karriere planen. Stattdessen läuft es doch immer so: Du bekommst ein Buch, liest es und entscheidest, ob du mitmachst oder nicht. Die Entscheidung ist dabei stets von mehreren Aspekten abhängig: die Qualität des Buches, Regie, Schauspieler, Drehort und natürlich Geld. Es sind immer die gleichen Aspekte, die man abwägt. Und dann gibt es ja oft auch noch ein Casting für die Rolle. Am Ende kommt dann ein "Ja" oder "Nein" raus.

teleschau: Nun gibt es natürlich die Strategie, dass man sich aus einer bestimmten Schublade herausspielen will und deshalb bestimmte Rollen zusagt oder ablehnt ...

Bruch: Das war bisher nie mein Problem. Ich bekomme auch jetzt nicht nur Angebote für Nazi-Rollen (lacht).

teleschau: Was tun Sie, wenn Sie nicht drehen?

Bruch: Keine Sorge, ich kann mich ganz gut beschäftigen.

teleschau: War für Sie immer klar, dass Sie Schauspieler werden wollten?

Bruch: Erst einmal nicht. Ich komme aus keiner Schauspielerfamilie, hab aber in der Schule schon gern Theater gespielt. Nach dem Abi bin ich dann ans Max Reinhardt Seminar nach Wien gegangen.

teleschau: Hatten Sie auch den großen Traum vom Theater?

Bruch: Nein, den hatte ich tatsächlich nie. Ich wollte immer Film machen. Während der Schule stand ich vier Jahre lang nur auf der Bühne. Danach kein einziges Mal mehr.

Quelle: teleschau - der mediendienst