Ian McKellen

Ian McKellen





Zauberhafter Spätzünder

Er kommt immer um die Weihnachtszeit, hat einen langen Bart und eine sonore Stimme. Damit sind die Ähnlichkeiten zwischen dem Weihnachtsmann und Gandalf dem Grauen zwar schon so ziemlich erschöpft. Aber an Berühmtheit kann es J.R.R. Tolkiens Figur inzwischen beinahe mit dem mythischen Geschenklieferanten aufnehmen - und an Beliebtheit sowieso. Entscheidenden Anteil daran hat Sir Ian McKellen, der ihn zunächst in den "Herr der Ringe"-Filmen verkörperte und dies jetzt auch in der "Hobbit"-Trilogie ("Smaugs Einöde" startet am 12.12.) tut. Aber McKellen hat auch Gandalf viel zu verdanken: Mit dieser Rolle erlangte der Schauspieler, der zuvor vor allem auf britischen Bühnen erfolgreich war, Weltruhm - und das in einem Alter, in dem die meisten Normalsterblichen sich auf die Rente vorbereiten. Aber nicht nur im Beruf war der heute 74-Jährige ein Spätzünder ...

Vielleicht hätte er das alles schon ein bisschen früher haben können. Immerhin kannte er ein erfolgreiches Beispiel aus nächster Nähe: Sir Patrick Stewart, so wie McKellen ein Mitglied der renommierten Royal Shakespeare Company, stand schon 1977 erstmals gemeinsam mit ihm auf der Bühne. Zehn Jahre später entschied sich Stewart, in der Sci-Fi-Serie "Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert" den Captain Picard zu spielen. Damals riet McKellen seinem Kollegen entschieden davon ab. "Ich dachte, das sei ein sehr gefährlicher Weg", erinnerte er sich kürzlich in der US-TV-Sendung "60 Minutes" an Stewarts Gang nach Amerika. "Doch mein Rat wurde abgelehnt - zu Recht." Fast 13 Jahre sollte es dauern, bis er selbst auf den Geschmack kam und seinem Kollegen nach Hollywood folgte: Im Jahr 2000 kam "X-Men" in die Kinos - im Film spielte die beiden erbitterte Gegner, in der Realität blühte die alte Freundschaft neu auf.

Zurzeit spielen McKellen und Stewart am Broadway in gleich zwei Stücken miteinander. Für ihre Auftritte in "Warten auf Godot" und "No Man's Land" wurden sie von Kritikern mit Lob überhäuft. Aber sie hatten ja auch Übung: 2009 begeisterten sie schon das Londoner Publikum mit ihrem Godot. Damals zeigte sich auch, wie viel Herzblut McKellen in seine Arbeit steckt: "Nach der letzten Aufführung in London ging ich hinter die Bühne und weinte. Ich dachte, ich würde nie wieder so glücklich sein", sagte er gegenüber der US-Zeitschrift "Entertainment Weekly". Nur gut also, dass Stewart zu einer Neuauflage in New York bereit war, die übrigens mit einer Reihe ulkiger Touri-Schnappschüsse der beiden auf Stewarts Twitter-Account ausgiebig beworben wurde. Inzwischen sind sie sogar so eng befreundet, dass McKellen kürzlich Stewart und seine Freundin, die Jazzsängerin Sunny Ozell, traute. "Seine Rede war nicht nur voller Weisheit, Humor und Poesie, sondern auch geprägt von seiner Vertrautheit mit uns beiden", schwärmte Stewart später.

Auch am "Hobbit"-Set fand McKellen gute Freunde. Dass er wegen des Größenunterschieds zwischen Zauberer und Zwergen in vielen Szenen alleine vor dem Greenscreen stand, anstatt mit den anderen Schauspielern zu arbeiten, passte ihm deshalb gar nicht. "Es war so bedrückend und abschreckend und schwierig, dass ich dachte 'Ich will diesen Film nicht machen, wenn ich so arbeiten muss'", verriet McKellen einst. "Ich fühlte mich furchtbar." Prompt veranstaltete die ganze Crew einen "Gandalf-Anerkennungs-Tag", um ihn wieder aufzuheitern und weiter für das Projekt zu begeistern. Der "Hobbit" ohne McKellens Gandalf? Undenkbar. Nicht nur für die Fans, sondern auch für Regisseur Peter Jackson war McKellen die Idealbesetzung. Zwar war die Rolle zunächst Sean Connery angeboten worden, doch als der ablehnte, kam man sehr schnell auf den allgemein respektierten McKellen zu: "Ich ging zu keinem Vorsprechen", ließ er in einem Twitter-Interview verlauten.

Was ihm in seiner Karriere am meisten geholfen habe, ist für den Schauspieler aber weder sein gutes Verhältnis zu Kollegen noch irgendein besonderes Rollenangebot, sondern: sein öffentliches Coming-Out. Auch das hatte er erst reichlich spät, nämlich kurz vor seinem 50. Geburtstag. "Erst als ich mich tatsächlich geoutet hatte, weinte ich das erste Mal frei auf der Bühne, weil diese große emotionale Blockade, dieses Geheimnis, dass ich meine eigene Natur unterdrückt hatte, endlich geknackt und zerstört war", sagte McKellen gegenüber dem Entertainmentmagazin "Vulture". "Ab da lief plötzlich alles, ich war eine echte Persönlichkeit." Als er einmal gefragt wurde, was er seinem 16-jährigen Selbst sagen würde, wenn er könnte, fiel die Antwort entsprechend knapp und eindeutig aus: "Oute dich, du Depp!"

Um schwulen und lesbischen Jugendlichen diesen allzu oft immer noch schwierigen Schritt zu erleichtern, nutzt der Schauspieler auch gerne Gandalfs Popularität; zum Beispiel bei einer Tour durch englische Schulen, wie er "Spiegel Online" berichtete: "Die Kids können gar nicht glauben, dass in meiner Jugend meine Neigung noch mit Gefängnis bedroht war. Und obwohl sie zuallererst Gandalf-Fans sind, lassen sie sich schnell auf jedes ernste Gespräch ein. Vorgestellt werde ich übrigens immer als 'Gandalf the Grey'. Mein heimlicher Titel für diese Auftrittsserie ist allerdings ein anderer: die 'Gandalf the Gay'-Tournee."

Für eine weitere Tournee wird der 74-Jährige erst mal aber wohl kaum Zeit haben: Bis März steht er noch am Broadway auf der Bühne, dann beginnt die Pressetour für "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" (Starttermin: 22. Mai 2014). Das nächste Projekt ist auch schon eingetütet: McKellen wird in "A Slight Trick Of The Mind" einen gealterten Sherlock Holmes spielen, der schon längst in Rente ist. Mit seiner eigenen Rente dagegen lässt er sich hoffentlich noch genauso viel Zeit wie mit allem anderen auch.

Quelle: teleschau - der mediendienst