Sido

Sido





Vater, Vorbild, Spießer?

Für die breite Masse ist Sido wohl so etwas wie die Vorzeige-Version eines gestandenen Rappers. Doch Sidos heutiges Privatleben hat mit althergebrachten Straßenrap-Klischees nicht mehr viel zu tun. Er ist seit Dezember 2012 mit TV-Moderatorin Charlotte Würdig (früher Engelhardt) verheiratet, wurde im August zum zweiten Mal Vater, besitzt ein Haus im Grünen - viel weniger HipHop geht eigentlich nicht. Doch wenn man sein neues, nach seinem Geburtsdatum benanntes Album "30-11-80" hört, merkt man schnell, dass man den Rapper zwar aus der Großstadt herausholen kann, aber nicht aus dem HipHop. Ein Interview über veränderte Lebensumstände, Verantwortung und Windeln wechseln.

teleschau: In den vergangenen zwölf Monaten veränderte sich Ihr Leben: Sie heirateten, wurden zum zweiten Mal Vater und zogen in ein neues Haus ...

Sido: Ja, das ging ja auch alles sehr schnell. Aber ich wollte das schon immer, deshalb hatte ich mich damit gedanklich bereits auseinandergesetzt.

teleschau: Inwiefern hatten die veränderten Lebensumstände Einfluss auf Ihr neues Album genommen?

Sido: Meine Platten haben immer meine jeweiligen Lebensumstände widergespiegelt, und das ist auch mein Anspruch an gute Musik: authentisch zu sein. Wenn ich heute noch mal eine Platte machen würde wie mein Debütalbum "Maske", das würde mir niemand abnehmen.

teleschau: "Grenzenlos", einen der neuen Songs, nahmen Sie mit Marius Müller-Westernhagen auf. Eine solche Grenzenlosigkeit wird in der HipHop-Szene gerne mal kritisch beäugt. Machen Sie sich Gedanken über so etwas?

Sido: Wenn ich mir darüber einen Kopf machen würde, hätte ich die meisten meiner Karriereschritte nicht machen dürfen. Dann hätte ich weder bei der Wok-WM noch bei Popstars mitmachen dürfen. Dass ich darauf nichts gebe, das sollte also jedem klar sein.

teleschau: Aber auch, wenn man nichts darauf gibt, kann man darüber nachdenken.

Sido: Ich fand einfach, dass Westernhagens Stimme toll auf den Song passen würde. Ich brauchte etwas Roughes, Proletarisches. Ich hörte früher selbst viel Westernhagen, der sprach mir als Junge aus dem Viertel damals aus der Seele. Deshalb bin ich sehr stolz, dass er nun auf der Platte mit dabei ist.

teleschau: Im Song "Es war einmal" sprechen Sie über Ihre Weiterentwicklung und darüber, dass Sie früher mehr Hass empfanden ...

Sido: Das war Neid. Neid auf Leute, denen es besser ging als mir. Mittlerweile fühle ich mich angekommen. Es gibt zwar immer noch Leute, denen es besser geht als mir, aber mir reicht das, was ich habe. Durch diese Einsicht habe ich den Hass auf die Welt verloren.

teleschau: Im Song "Schlechtes Vorbild" distanzierten Sie sich 2007 schon von einer Vorbild-Rolle, die Ihnen als Künstler häufig zugeschrieben wurde. Mittlerweile scheinen Sie diese Rolle jedoch angenommen zu haben, oder?

Sido: Den Song "Schlechtes Vorbild" nahm ich damals auch bereits in dem Wissen auf, dass ich diese Vorbildfunktion habe. Dennoch glaube ich bis heute nicht, dass ein Jugendlicher deshalb sozial abrutscht, weil er Rap-Musik hört. Der sucht sich höchstens einen passenden Soundtrack dazu - und das ist dann vielleicht eine alte Sido-CD.

teleschau: Also sehen Sie sich als Vorbild.

Sido: Jein. Ich finde es ja selbst befremdlich, wenn 13-Jährige mit einem Joint in der Hand zu mir kommen und sich keine Mühe geben, den zu verstecken. Das beziehe ich aber nicht auf mich, sondern bin der Meinung, dass in deren Elternhaus etwas schiefläuft. Interessanterweise öffnete der Umstand, dass die Medien mir häufig vorwarfen, ein schlechtes Vorbild zu sein, mir die Augen für meine eigenen Erziehungsmethoden. Für mich und meine Familie war das gut.

teleschau: Wenn die Kids vor Ihren Augen rauchen, zeigt das aber auch, dass Ihnen Vertrauen entgegenbringen ...

Sido: Ja, die Kids hören auf mich eher als auf andere. Ich habe sogar Bekannte, die hin und wieder zu mir kommen, damit ich mit ihrem Sohn rede. Das tue ich auch, und wenn ich die Eltern dann ein paar Wochen später wiedertreffe, erzählen die mir, ihr Sohn sei wie ausgewechselt. Das funktioniert also. Ich weiß eben, wovon ich rede. Das verleiht mir Glaubwürdigkeit.

teleschau: In den Boulevardmedien werden Sie vermutlich trotzdem bis an Ihr Lebensende der Rüpelrapper bleiben und mit uralten Textzeilen konfrontiert. Wie sehr nervt Sie das?

Sido: Mich nervt vor allem die Reduzierung darauf. Wenn Leute mich auf alte Textzeilen ansprechen, gleichzeitig aber wissen, dass ich mittlerweile anders ticke, habe ich damit kein Problem. Ich diskutiere gerne mit Leuten darüber, aber den meisten fehlt einfach die Wissensgrundlage, um ein ernsthaftes Gespräch darüber führen zu können.

teleschau: Sprechen Sie mit Ihrem ältesten Sohn über Ihre Textinhalte?

Sido: Meine Musik ist gar nicht so ein großes Thema zwischen uns. Aber klar, wenn ich mal wieder wegen irgendeinem Scheiß in der Zeitung stehe, dann fragt er schon mal nach, und dann reden wir auch darüber. Mein Sohn kennt mich aber und kann durchaus zwischen mir als seinem Vater und mir als Rapper Sido unterscheiden.

teleschau: Eifert Ihr Sohn Ihnen nach?

Sido: Teilweise. Mein Sohn klebt sich jedenfalls gerne diese Klebe-Tattoos auf, und das macht er natürlich nicht deshalb, weil es ein Mode-Ding ist, sondern weil er so sein will wie sein Vater.

teleschau: Im Stück "Einer muss es machen" beschreiben Sie an einer Stelle die Situation, dass Sie aufgrund der Abwesenheit Ihrer Frau gezwungen sind, den Haushalt zu schmeißen. Tun Sie das unter normalen Umständen auch?

Sido: Klar. Das ist einfach nur ehrlich. Jeder Rapper könnte das über sich sagen, es tut nur keiner, weil jeder sein cooles Image bewahren will.

teleschau: Also herrscht bei Ihnen keine klassische Rollenverteilung?

Sido: Wir haben eine Putzfrau, das ist also eh kein so großer Alltagsbestandteil bei uns. Aber die ist eben auch nicht jeden Tag da, und dann putze ich auch mal selbst, weil es eben getan werden muss - auch wenn ich keinen Bock darauf habe.

teleschau: Wickeln Sie Ihren Sohn?

Sido: Klar, und das würde ich mir auch nicht nehmen lassen. Ich habe schließlich ein großes Interesse daran, möglichst viel Zeit mit meinem Sohn zu verbringen. Und natürlich schiebe ich ihn nicht an meine Frau weiter, wenn er mal die Windeln voll hat.

teleschau: Sie haben ein Haus im Grünen, sind verheiratet und zweifacher Vater. Das klingt fast schon spießig, oder?

Sido: Das höre ich mittlerweile häufig. Und wenn man es spießig findet, dass jemand seinen Rasen mäht, dann bin ich spießig - denn das tue ich. Ich mähe meinen Rasen aber deshalb, weil ich das entspannend finde. Ich habe mir extra so einen Rasenmäher-Traktor gekauft, dreh mir dann einen, setz die Kopfhörer auf, und dann fahr ich eine Dreiviertelstunde den Rasen ab. Spießig fände ich es, wenn ich ihn nur deshalb mähen würde, weil ich Angst hätte, dass meine Nachbarn sehen, dass der Rasen nicht die akkurate Länge besitzt. Oder wenn ich mich mit der Schere hinsetzen würde, weil ich den schönsten Garten der Nachbarschaft haben möchte. Für viele in dieser kleinbürgerlichen Welt, in der jeder jeden kennt, ist der Garten ja das Aushängeschild des ganzen Hauses. Wenn du krampfhaft versuchst, dich den vermeintlichen Werten der Gesellschaft einzufügen, obwohl das komplett gegen dein Wesen geht, dann empfinde ich das als spießig. Die Beweggründe geben den Ausschlag.

teleschau: Sie meinen, man muss sich selbst treu bleiben.

Sido: Genau. Aber ich bekam sogar einen anonymen Brief von einem Nachbarn, in dem drin stand "Geh zurück in dein Ghetto!", "Benimm dich hier gefälligst!" und "Stell deine Mülltonnen gerade hin!". Das nenne ich spießig.

teleschau: Das klingt ja furchtbar.

Sido: Ich find's eigentlich lustig, wenn ich mir vorstelle, wie es zu diesem Brief kam. Da saß also jemand zu Hause und machte sich einen riesigen Kopf darüber, dass man unbedingt etwas tun muss, wenn dieser Rapper hierher zieht.

teleschau: Das war dann wohl einer dieser Leute, die nur Ihrer alten Sachen kennen. Wenn überhaupt.

Sido: Nee, solche Leute kennen ja eigentlich gar nichts von mir. Im Brief war jedenfalls sehr viel Wikipedia-Wissen verarbeitet - inklusive der dort vorkommenden Rechtschreibfehler.

teleschau: Die Musik ist mittlerweile ja nur noch eins von vielen Ihrer Standbeine. Gibt es ein Projekt, das Ihnen, abgesehen von Ihrer aktuellen Platte, momentan besonders am Herzen liegt?

Sido: Die Schauspielerei. Das Rap-Ding schüttel ich ja letztlich so aus dem Ärmel. Da weiß ich mittlerweile genau, wie man irgendwas macht - das ist keine wirkliche Herausforderung mehr. Bei der Schauspielerei muss ich mich aber wieder neu beweisen. Das macht mir Spaß.

teleschau: Was passiert denn dahingehend gerade bei Ihnen?

Sido: Ich hätte eigentlich in "Frau Ella" die Rolle von August Diehl übernehmen sollen. Die Rolle hatte ich schon. Der Verleih wollte mit jemandem wie Sido jedoch nicht die Promo machen. Die meinten, das würde nicht zu dem Film passen. Auch für den kommenden Peter-Torwarth-Film "Nicht mein Tag" mit Moritz Bleibtreu war ich bereits besetzt, aber meine Rolle spielt jetzt Axel Stein. Auch da hatte der Verleih Probleme mit mir.

teleschau: Nervt Sie so etwas? Dass Sie auf Ihr früheres Image reduziert werden?

Sido: Klar, aber das checkt so ein eingefahrener Film-Typ, kurz vor der Rente, natürlich nicht. Der kennt eben nur irgendwelche Negativ-Schlagzeilen und macht sich ein Bild von mir, das mit mir als Person nichts zu tun hat.

teleschau: Also gibt es gerade kein aktuelles Filmprojekt?

Sido: Doch. Im Juni drehe ich einen Film namens "Unter Brüdern" mit Tedros Teclebrhan und Fatih Cevikkollu über drei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten, weil sie zwar dieselbe Mutter haben, aber alle einen anderen Vater. Als die Mutter stirbt, müssen sie sich jedoch zusammenraufen, um an das Erbe zu kommen.

teleschau: Eine Komödie?

Sido: Klar, in Deutschland gibt's ja nichts anderes. Aber die ist nicht so plump, sondern hat einen sehr feinen Humor. Genau wie ich.

Sido auf Deutschland-Tournee:

25.02.2014, Rostock, Stadthalle

26.02.2014, Berlin, Columbiahalle

27.02.2014, Erfurt, Stadtgarten

28.02.2014, Chemnitz, Stadthalle

01.03.2014, Leipzig, Haus Auensee

02.03.2014, Halle, Steintor Variete

03.03.2014, Dresden, Alter Schlachthof

05.03.2014, Hannover, Capitol

06.03.2014, Bielefeld, Ringlokschuppen

08.03.2014, Hamburg, Grosse Freiheit

09.03.2014, Bremen, Pier 2

10.03.2014, Kiel Ostseehalle

11.03.2014, Braunschweig, Stadthalle

12.03.2014, Münster, Jovel

13.03.2014, Trier, Europahalle

14.03.2014, Olsberg, Konzerthalle

15.03.2014, Köln, Palladium

16.03.2014, Oberhausen, Turbinenhalle

18.03.2014, Siegen, Siegerlandhalle

19.03.2014, Dortmund, Westfalenhalle

20.03.2014, Düsseldorf, Stahlwerk

21.03.2014, Freiburg, Zäpfle Club

22.03.2014, Mainz, Phönixhalle

23.03.2014, Frankfurt, Batschkapp

25.03.2014, Nürnberg, Löwensaal

26.03.2014, Ulm, Roxy

27.03.2014, München, Kesselhaus

03.04.2014, Ravensburg, OberschwabenKLUB

04.04.2014, Stuttgart, LKA Longhorn

06.04.2014, Saarbrücken, Garage

07.04.2014, Mannheim, Capitol

Quelle: teleschau - der mediendienst