Das Mädchen und der Künstler

Das Mädchen und der Künstler





Zwischen Kunst und Krieg

Brüste wie kleine Pyramiden habe sie. Das sei gut, entgegnet der Künstler auf die Frage seiner Gattin, wie ihm sein neues Modell gefalle. Ob sie auch einen solch schönen Körper gehabt habe, als sie jung war, will sie wissen. "Körper wie deiner werden gar nicht mehr hergestellt", bescheidet ihr Mann. Weil Claudia Cardinale, die die Gattin spielt, vor fünfzig Jahren zusammen mit Sophia Loren und Brigitte Bardot emblematisch für die weiblichen Kurvenstars des Kinos stand, hat das einen gewissen Witz. Im Übrigen aber handelt "Das Mädchen und der Künstler" das, was nicht mehr ist, in traurig-elegischem Ton ab. Der naturalistisch-ungeschönte, kalligrafisch feine Schwarz-Weiß-Kamerablick ins Ateliergeschehen unterdrückt übertrieben viel Lebensenergie.

Vielleicht, um wieder Schwung in seine Arbeit zu bringen, bekommt der alte Bildhauer und gelegentliche Maler Marc Cros (Jean Rochefort) von seiner Frau Léa (eben Claudia Cardinale) das junge Modell Mercè (Aida Folch) zugeführt. Cros ist berühmt, doch in den letzten Jahren ist er nicht mehr über Entwürfe hinausgekommen. Mit Mercè vor Augen, rafft er sich zum Anlauf aufs Meisterwerk auf.

An diesem Punkt der Konzeption ihres Films angekommen, dürfte den spanischen Regisseur und Oscarpreisträger Fernando Trueba ("Belle Epoque") und den renommierten Drehbuchautor Jean-Claude Carrière die Angst vor Redundanz übermannt haben: Greises Genie und splitterfasernacktes Modell, zwischen denen es ordentlich kribbelt - gab's das nicht schon zu häufig?

Um nicht in Altherrenerotik abzurutschen, erlegten sich die beiden kreativen Köpfe zusammen mit dem Kameramann größtmögliche Zurückhaltung auf - und historische Distanz. "Das Mädchen und der Künstler" ist im heißen Sommer 1943 im von deutschen Truppen besetzten Südfrankreich angesiedelt. Mercè ist Katalanin, die es nach dem spanischen Bürgerkrieg über die Grenze verschlagen hat. Als Modell versteckt sie unter Cros' Nase Résistance-Kämpfer im Atelier.

Die Beziehung zwischen Cros und Mercè versinkt im Niemandsland zwischen Kunst und Krieg. Selten sind sie zusammen im Bild. Obwohl sie einander während der Arbeit ansehen, scheint eine Wand sie zu trennen. Cros spachtelt an seinen Plastiken vor sich hin, als hätte es politische Statements in der Kunst nie gegeben. Mercè hingegen setzt ihren Untergrundkampf fort und versteht kein bisschen, was er, Cros, macht.

Altmarxismus schwingt da mit, ist Mercè doch antifaschistische Proletarierin reinsten Wassers, die mit dem Künstler als Vertreter bürgerlicher Kreise nichts anzufangen weiß - und umgekehrt. Zudem übernimmt "Das Mädchen und der Künstler" den Geist der französischen Filme der Besatzungszeit, und der ist fatalistisch. Trotz bevorstehender Befreiung wird Endzeit zelebriert, gerade in der Kunst und ihrer Vermittlung, symbolisiert durch das ungewisse Schicksal von Cros' deutschem Bewunderer Werner (Götz Otto). Signale des Neuanfangs stören nur. Den Hang zum Schalk sichtlich niederhaltend, muss Jean Rochefort, den Kopf in einer Wolke schlohweißen Haars, in seiner Rolle das Natürliche mittels der Kunst zu Ewigkeit fixieren. Filmischer Perfektionismus und Schönheit des Todes gehen dabei Hand in Hand.

Quelle: teleschau - der mediendienst