Only Lovers Left Alive

Only Lovers Left Alive





Das verlorene Paradies

Mit Vampirfilmen lässt sich derzeit viel Geld machen. Das hat nach eigenen Angaben auch Jim Jarmusch erkannt. Bei einem Regisseur wie Jarmusch, der wunderbar eigensinnige und dabei preisgekrönte Filme wie "Night on Earth" (1991), "Dead Man" (1995) oder "Broken Flowers" (2005) gedreht hat, ist das freilich vor allem Koketterie. Denn das Drehbuch zu "Only Lovers Left Alive" hatte er sieben Jahre lang fix und fertig in der Schublade liegen. Allein, es wollten sich keine Geldgeber finden, die bereit waren, in den unkonventionellen Arthouse-Film zu investieren. Jarmusch brauchte einen langen Atem, bis er die Geschichte mit einer ätherischen Tilda Swinton und "Thor"-Bösewicht Tom Hiddleston verfilmte.

Das Leben ist mühsam geworden für den Schöngeist Adam (Hiddleston), der sich in einem alten Haus im desolaten Detroit verschanzt. Seine einzige Passion ist die Musik, die er selbst produziert - und die Liebe zu seiner Frau Eve (Tilda Swinton), die fernab im marokkanischen Tanger weilt. Die zwei kunstsinnigen Vampire sind seit Ewigkeiten ein Paar, eine Jahrhunderte alte Liebe. Doch - und hier ist er wieder, der eigentümliche Humor von Jim Jarmusch - ihre Unsterblichkeit ist zumindest für Adam mittlerweile ein Fluch. Nicht nur deshalb, weil sich die ihm fremde Welt da draußen unerbittlich weiterdreht und dabei selbst zerstört. Ihre Bewohner sind kulturlose Barbaren, zumindest bezeichnet sie Adam als "Zombies". So groß ist seine Abscheu gegenüber den normalen Menschen, dass er ihnen nicht mal an den Hals will. Das Blut, das ihn am Leben erhält, bezieht er lieber als kostbar bemessene Konserven aus der Klinik, zu verseucht sind die meisten Sterblichen.

Der schwermütige Adam ist das Leben seit geraumer Zeit leid, und so kommt Eve aus dem fernen Afrika angereist, um ihn aufzuheitern. Ein Vampir mit Todessehnsucht, auch das ist, nebenbei bemerkt, durchaus originell. Mit Eves Anwesenheit scheint alles wieder im Lot. Doch dann kündigt sich Eves unselige Schwester Ava (Mia Wasikowska) an, deren Lebenshunger, nun ja, unberechenbar ist ...

Jarmusch wäre nicht Jarmusch, wenn er seinen Vampirfilm als kitschiges Blutsaugermärchen für Erwachsene inszenieren würde. Er spielt stattdessen mit dem fantastischen Genre, verhilft ihm zu existenzieller Konsistenz, indem er gleichzeitig eine Gesellschaftskritik infiltriert. Er lässt seine Figuren herrlich trübsinnig über den Niedergang der Menschheit und ihrer Kultur sinnieren und nimmt uns, ganz nebenbei, mit auf eine sentimentale Zeitreise, in der von Franz Schubert und Eddie Cochran ebenso die Rede ist wie von Shakespeare und Christopher Marlowe.

So ist "Only Lovers Left Alive" poetischer Liebesfilm und Gesellschaftskritik in einem, untermalt von einem betörend sphärischen Klangteppich, passend zur düsteren Atmosphäre des Films. Weil Vampire das Tageslicht bekanntlich scheuen, spielt jede einzelne Szene des Films im Dunkeln. Und wo die Dunkelheit zu hell ist, tragen die Hauptfiguren stilsicher Sonnenbrillen. All das ist bestes, cooles Arthouse-Kino, wie man es von Jim Jarmusch gewöhnt ist. Diesmal mit einer umwerfenden Tilda Swinton, mit düster melancholischen Bildern und einem ungewöhnlichen Soundtrack. Dass die Hauptfiguren Adam und Eve heißen, ist kein Zufall, geht es hier doch einmal mehr um die Vertreibung aus dem Paradies.

Quelle: teleschau - der mediendienst