Der Medicus

Der Medicus





Zwischen Morgenland und Märchenstunde

Es gab eine Zeit, da stand auf den Bestsellerlisten immer ein Buch ganz oben: "Der Medicus" von Noah Gordon. Es war erstaunlich, wie sich die Menschen auf das Buch stürzten und es für Monate nicht mehr aus der Hand legten. Allein die deutschsprachige Ausgabe verkaufte sich sechs Millionen Mal. "Der Medicus" ist eine der größten Abenteuergeschichten der neueren Populärliteratur. Ein Epos zwischen Orient und Okzident, Liebe und Hass, zwischen Religion und Wissenschaft. Da ist es ein Wunder, dass die Verfilmung so lange auf sich warten ließ.

Rob Cole (Tom Payne) lebt im mittelalterlichen England, als seine Mutter an einer Blinddarmentzündung stirbt. Der herbeigeholte Bader (Stellan Skarsgård), ein fahrender Heiler, kann nicht mehr helfen und nimmt den Jungen unter seine Fittiche. Er weist Rob in die Heilkünste ein und lehrt ihn nützliche Taschenspielertricks. Mit den Jahren werden die beiden ein eingespieltes Team, ziehen übers Land und kurieren die Menschen. Schröpfen, Aderlässe, Zähne ziehen.

Bald will Rob mehr wissen, als ihn der Bader lehren kann. Da hört er von einem bedeutenden Medizinmann in Persien. Robs Neugier ist geweckt, kurzentschlossen macht er sich auf die Reise. Nach strapaziöser Überfahrt und halb verdurstet erreicht er sein Ziel in Isfahan. Zunächst wird er abgewiesen, schafft es aber doch noch zum "Arzt aller Ärzte" Ibn Sina (Ben Kingsley) und wird sein Schüler. Rob saugt das neue Wissen auf, findet Freunde und macht unglaubliche Entdeckungen. Zwischen Religion, Macht und Liebe muss "Der Medicus" aber erkennen, dass er an neue Grenzen stößt.

Auch Philipp Stölzl ("Goethe!") gehörte zu den Millionen Lesern, die sich von Noah Gordons Roman begeistern ließen. Als Regisseur macht er aus dem Wälzer großformatiges Kino, mit fesselnden Bildern, viel Emotion und moralischem Überbau. Eine Heldenreise ans andere Ende der Welt, eine Entdeckungstour über Kultur- und Religionsgrenzen hinweg. Auch heute noch. Die Erzählung versammelt wie im Panoptikum die Religionskonflikte und wissenschaftlichen Entdeckergeist, vermengt historische Tatsachen mit menschlichen Schicksalen zum Drama. Irgendwo zwischen Morgenland und Märchenstunde, da wohnt "Der Medicus". So will es das Buch, so funktioniert auch der Film.

Für die Verfilmung setzt Stölzl ganz auf die atemberaubenden Kulissen der englischen Kreidefelsen und der marokkanischen Wüste. Dazu gute Schauspieler: Tom Payne gibt als junger Medicus sein Hauptrollendebüt. Optisch passt er ohnehin in die Rolle des mitfühlenden wie Gefühle verursachenden Helden. Ben Kingsley und Stellan Skarsgård machen aus der deutschen Produktion endgültig internationales Starkino, das sich hinter anderen Produktionen des Genres nicht verstecken braucht.

Als Referenz dient freilich mehr Tom Tykwers "Das Parfüm" als Peter Jacksons "King Kong". Dafür ist die Handschrift bei aller Pracht zu deutsch, ist zu viel Schwere im Seichten. Mitunter fehlt es einfach an kinematografischer Lust, an einem Schwenk ins Ungewisse, bei dem man vor Verzückung auf die Lippen beißt. So weiß man, was kommt: Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, Abenteuerkino. Die zweieinhalb Stunden werden nie lang, dafür passiert einfach zu viel, auch wenn man manche Plattheit schlucken muss.

Insgesamt ist "Der Medicus" genau der richtige Stoff für die große Leinwand, fast schon Familienkino, wenn nicht einige Bilder aus dem medizinischen Betrieb zu derb ausfallen würden. Wer dicke Dramen mag, Erzählkino liebt und bekannten Mimen gern bei der Arbeit zusieht, wird gut bedient. Differenziertere Kost gibt es nach wie vor eine Ecke weiter, im Programmkino.

Quelle: teleschau - der mediendienst