Alois Nebel

Alois Nebel





Leben im Nebel

Es ist schon zehn Jahre her, als unter dem Titel "Bíly Potok" der erste Comic über den stoischen Bahnwärter Alois Nebel erschien. 2004 und 2005 wurde dessen Geschichte in zwei zusätzlichen Bänden weiter erzählt, um dann, unter dem Titel "Alois Nebel", zu einem Band zusammengefasst zu werden. Es dauerte nicht lange, und der Comic, geschrieben von Jaroslav Rudis und gezeichnet von Jaromir 99, avancierte in Tschechien zum Kult. Zusammen mit den Autoren hat Regisseur Tomás Lunák den Plot für die Leinwand adaptiert - und präsentiert ein Spielfilmdebüt in faszinierender Schwarzweiß-Ästhetik.

Es ist keine schöne Geschichte, um die es hier geht. Es geht um die Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland - ein dunkles Kapitel jüngerer europäischer Vergangenheit. Doch der Film setzt später an, nämlich 1989, im Jahr der Wende, als die Berliner Mauer fällt und alle Zeichen für Aufbruch stehen. In einem kleinen Bahnhof im tschechischen Altvatergebirge, unweit der polnischen Grenze, leistet der Bahnwärter Alois Nebel (Miroslav Krobot) zusammen mit dem intriganten Kollegen Wachek (Leós Noha) seinen Dienst. Nebel ist ein Eigenbrötler und redet nicht viel, sein treuester Begleiter ist ein Kater. Es ist ein einfaches, überschaubares Leben, mit dem sich Alois Nebel zufrieden gibt.

Nur manchmal holen ihn in dieser Einöde die Nebel der Vergangenheit ein: Erinnerungen an seine Kindheit im Zweiten Weltkrieg, als Menschen mit Zügen ins KZ transportiert wurden. Am Ende des Krieges wurden dann die Sudetendeutschen in einen Zug gepfercht und aus ihrer Heimat vertrieben. Die dramatischen Bilder jener Zeit lassen sich nicht verbannen, und eines Tages landet Alois deshalb in einem Prager Irrenhaus. Dort lernt er den Stummen (Karel Roden) kennen, einen verschlossenen, rätselhaften Mann, der über die tschechisch-polnische Grenze ins Sudetenland gekommen ist, um Rache zu nehmen. Auch ihn plagt die Vergangenheit, und mit Alois, dem einsamen Bahnwärter, der zum Opfer der politischen Umstände wird, verbindet ihn mehr als beide ahnen können ...

Regisseur Lunák entschied sich bei der Gestaltung des Zeichentrickfilms für eine ungewöhnliche, wenn auch nicht neue Ästhetik, die erstmals 1914 für die Animationsreihe "Out of the Inkwell" verwendet wurde. Es ist das zweidimensionale Verfahren der Rotoskopie, bei der die Geschichte zunächst als realer Film mit echten Schauspielern und Settings gedreht wird. In der Folge wird das Filmmaterial Bild für Bild nachgezeichnet. Das ergibt auch bei "Alois Nebel" einen ungewöhnlich realistischen Look der Charaktere und ihrer Bewegungen, der der Comicvorlage am nächsten kommen soll.

Es ist also vor allem die reduzierte, Scherenschnitt-hafte Ästhetik dieses Films, die ihn sehenswert macht. Die Geschichte ist trotz ihrer historischen Komplexität weniger überzeugend gestaltet. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Alois Nebel rücken durch ständige Flashbacks unübersichtlich zusammen; Alois' Geschichte bleibt bruchstückhaft. Hinzukommt die Nebenhandlung mit dem Stummen und anderen Figuren, die nicht eindeutig eingeführt werden. Der Fokus des Regisseurs liegt auf der Innenschau seiner Hauptfigur. So ist Lunáks Comic-Adaption das Psychogramm eines Mannes, der in einer gleichbleibend kalten Welt, in der sich die historischen Ereignisse überschlagen, seinen Weg finden muss - aus dem Nebel hinein ins Leben.

Quelle: teleschau - der mediendienst