Una Noche - Eine Nacht in Havanna

Una Noche - Eine Nacht in Havanna





Flucht aus dem Paradies?

Wie nah Film und Realität doch manchmal beieinander liegen können: Im April 2012 brachen Anailín de la Rúa de la Torre und Javier Núñez Florián von Havanna nach New York auf, um beim Tribeca Film Festival "Una Noche - Eine Nacht in Havanna" zu vorzustellen. - Ein Drama von der britischen Regisseurin Lucy Mulloy, in dem die beiden Laienschauspieler Geschwister spielen, die die Flucht nach Miami wagen. Das New Yorker Festivalpublikum wartete jedoch vergeblich auf die Hauptdarsteller des Films, der in der Folge mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde: Beim Zwischenstopp in Miami tauchte das Paar unter und beantragte politisches Asyl.

Die Bilder, die Regisseurin und Drehbuchautorin Lucy Mulloy von Kuba zeigt, mögen sonnendurchflutet sein - doch sie sind alles andere als schön. Mit wackliger Kamera führt die Britin, die mehrere Jahre vor Ort recherchierte, durch staubige, prostituiertengesäumte Gassen. Hin und wieder kann man in den Straßen Havannas tatsächlich Menschen singen hören, viel häufiger jedoch Polizeisirenen und Alarmanlagen. Korruption und Schwarzmarkthandel blühen auf Kuba so kräftig wie die Tabakpflanzen.

Um die Zuschauer auf diese Seite des Urlaubsparadieses zu führen, bleibt Lucy Mulloy dicht an ihren drei Hauptfiguren dran: An Raul (Dariel Arrechaga), dem Sohn einer Aids-kranken Prostituierten, der bald Ärger mit der Polizei bekommt, an Elio (Javier Núñez Florián), der heimlich in Raul verliebt ist, und an Elios Zwillingsschwester, der Off-Erzählerin Lila (Anailín de la Rúa de la Torre), die sich ein Leben ohne ihren Bruder nicht vorstellen kann. Man folgt ihnen nicht immer gern, schon weil Mulloys beinah dokumentarischer Erzählstil manchmal sehr brüchig und anstrengend anmutet. Doch je länger man die drei Jugendlichen auf ihren Wegen durch Havanna begleitet desto klarer werden ihre Beweggründe, im letzten Drittel des Films ein wenig vertrauenerweckendes, selbstgezimmertes Floß zu besteigen, das sie von einer Insel wegbringen soll, auf der andere gern ihren Urlaub verbringen.

So schonungslos und nüchtern, wie die Regiedebütantin Mulloy zuvor das Leben im sozialistischen Kuba betrachte, stellt sie auch die Gefahren dar, die auf der 90 Meilen langen Überfahrt nach Miami lauern. Sie zeigt die Enge des Bootes, die Weite des Meeres, die Tücken der Strömung und die Hartnäckigkeit der Haie. Sie führt vor Augen, was Flüchtlinge auf sich nehmen, selbst wenn ihnen bewusst ist, wie verschwindend gering ihre Chancen auf ein besseres Leben tatsächlich sind. Und das wird man so schnell nicht vergessen.

Quelle: teleschau - der mediendienst