Die Frau, die sich traut

Die Frau, die sich traut





Raus aus dem Hamsterrad

Steffi Kühnert ist eine der bekanntesten Charakterdarstellerinnen des kleinen, deutschen Films. In ihren Rollen kämpft sie gegen Tod und Teufel, siehe "Halbe Treppe" oder "Halt auf freier Strecke". Bisher war sie meist Teil eines großen Ganzen, "Die Frau die sich traut" ist ganz und gar ihr gewidmet. Marc Rensing, der Regisseur und Drehbuchkoautor, kann beim Schreiben dieser warmen und tragischen Geschichte einer starken Frau nur an Kühnert gedacht haben.

Beate steht vor ihrem 50. Geburtstag. Die Arbeit bestimmt ihr Leben und zwar nicht nur die in der Wäscherei: Sie kümmert sich um alle, auch wenn die beiden Kinder Alex (Steve Windolf) und Rike (Christina Hecke) längst auf eigenen Beinen stehen sollten. Aber Rike will studieren und wer soll auf Lara (Lene Oderich) aufpassen, wenn nicht Oma Beate? Und irgendjemand muss für Alex doch waschen, schließlich wohnt er mit seiner Freundin ja im selben Haus.

Ganz wichtig ist Rensing, hölzerne Charaktere und eindimensionale Verhältnisse zu vermeiden. Die Dialoge sind in der Anfangsphase realistisch, die reduzierte Mimik von Steffi Kühnert, die als leergepumpte Mutter höchstens einmal schmallippig wird, zeigt, dass es hier noch ewig so weitergehen kann. Man pustet einmal durch, um dem Hamsterrad wieder Herr zu werden. Doch dann kommt die Diagnose: Krebs. Beate wird klar, dass die Zeit drängt, wenn sie in ihrem Leben noch einmal etwas für sich tun will.

Sie war Leistungsschwimmerin in der DDR, früher, doch dann kam das erste Kind. Ihr alter oder neuer Traum: einmal durch den Ärmelkanal schwimmen. Eine vollkommen irrsinnige Idee, selbst für Gesunde. Lange Zeit vertraut sich die zweifache Mutter niemandem an, beginnt aber zu trainieren und Familienaufträge abzulehnen, was auf Unverständnis stößt.

Schließlich kommt ihre beste Freundin Henni (Jenny Schily) dahinter und bringt ein wenig mehr Menschlichkeit in das stille Drama, in dem jeder für sich schmollt. Menschlichkeit, die es dringend braucht, denn leider lernt man Beate kaum kennen. Vielleicht liegt es an ihrem Schweigen, dem Einzelkämpfertum. Und tatsächlich ist es Jenny Schily, die, wie zuletzt auch bei ihrem Kurzauftritt im Kinofilm "Houston", die grandiosen Momente liefert.

Dem Film fehlt es an Dramaturgie, und ein bisschen hat man das Gefühl, er würde auf halber Strecke enden. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Regisseur Marc Rensing die Grundidee aus der eigenen Familiengeschichte extrahierte und dramatisierte. Seine Mutter brauchte keine Krankheit, um sich neu zu erfinden. Als die Kinder aus dem Haus waren, wurde sie ein neuer Mensch mit tausend Ideen für sich selbst, was alle mit Befremden und Bewunderung zur Kenntnis nahmen. Das ist eine ganz andere Begebenheit und wäre vielleicht der Stoff gewesen, für den Rensing mehr Gefühl gehabt hätte.

Quelle: teleschau - der mediendienst