Inside Llewyn Davis

Inside Llewyn Davis





Von Katzen und Künstlern

"Ist die Katze Teil der Show?", fragt der nervtötende Jazzmusiker Roland Turner (John Goodman) abfällig den Folkmusiker Llewyn Davis (Oscar Isaac), als er gezwungenermaßen mit ihm und "seiner" Katze in einem Auto nach Chicago sitzt. Die Katze ist jedoch keinesfalls ein Teil der Show des sympathischsten Unsympathen der jüngeren Filmgeschichte. Sie ist vielmehr eine brillant eingesetzte Nebenfigur und eine Art Spiegel für das bescheidene Gefühlsleben des überaus erfolglosen Misantrophen Llewyn. Der selbstmitleidslose Singer/Songwriter tritt in dem neuen Regiestreich "Inside Llewyn Davis" der Coen-Brüder eine zu Herzen gehende Odyssee an.

Da der von Kameramann Bruno Delbonnel ("Die fabelhafte Welt der Amelie") in eindringlich-verblichenen Bildern fotografierte Film elliptisch gebaut ist, kann man einsteigen, wo man möchte. Den Coen-Brüdern geht es sowieso vordergründig nicht um die Geschichte, sondern darum, eine bestimmte Epoche wiederauferstehen zu lassen: Die Ära der Folkmusik in New York, Anfang der 60er-Jahre - kurz bevor Bob Dylan seinen Aufstieg in den Musiker-Olymp begann und viele andere ähnlich begabte Musiker sich eher gen Hades verabschiedeten.

Mit einem Bein in der Unterwelt steht auch Llewyn Davis, dessen Leidensgeschichte von der Biografie des Folkmusikers Dave Van Ronk inspiriert ist. Eine bitterkalte Winterwoche lang folgen wir dem melancholischen Antihelden durch sein komplikationsreiches Leben als vermeintlich aufgehender Stern am Folkhimmel. Die überaus hörenswerten Songs des Films, die Isaac grandios selbst interpretiert, wurden übrigens von T-Bone Burnett produziert, der schon für den grammyprämierten Soundtrack des Coen-Klassikers "O Brother, Where Art Thou?" verantwortlich war.

Zu Llewyns gewohnten Schwierigkeiten - kein Geld, keine Wohnung, kein Wintermantel, bescheidene Auftrittsmöglichkeiten - gesellen sich in dieser einen Woche noch andere: Zum einen entlief aufgrund seiner Unachtsamkeit der Kater seiner einzigen Freunde an der Upper Westside, bei denen er gerade nächtigt. Zum anderen beunruhigt den dickfelligen Narzissten ein wenig die ungewollte Schwangerschaft von Jean (Carey Mulligan), die eigentlich die Frau seines besten Freundes Jim (Justin Timberlake) ist. Großartig spielt Mulligan jene Sängerin, die offstage wie ein Müllkutscher daherredet, auf der Bühne im Gaslight Café dagegen zuckersüß ist.

Der vom Schicksal gebeutelte Llewyn entschließt sich also per Mitfahrgelegenheit nach Chicago zu fahren, um dort bei dem Musikimpresario Bud Grossman (Dauerschurke F. Murray Abraham) vorzuspielen. Es gelingt ihm, Grossman voller Inbrunst einen Song aus seiner Soloplatte "Inside Llewyn Davis" vorzusingen - nur um nach dem letzten Akkord zu hören zu bekommen, man sehe "hier nicht viel Geld fließen".

Der Zuschauer schließt derweil diesen idealistischen, aber durchaus auch zu Gehässigkeiten fähigen jungen Mann so rasch in sein Herz wie zuletzt vielleicht den gutmütig-trägen "Dude" aus "The Big Lebowski" oder die hochschwangere Polizistin Marge aus "Fargo". "Was nie neu war und nie alt wird", wie Llewyn wiederholt ins Mikro haucht, wird man fortan nicht nur über den Folk sagen, sondern auch über diesen großartigen, intimen Film über die Absurditäten und die Launenhaftigkeit des Künstlerdaseins.

Quelle: teleschau - der mediendienst