One Direction

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Fab Five?

"Ich mag One Direction. Sie sind junge, hübsche Kerle, sie können singen und machen gute Platten." - Es ist ein Kompliment, das für Niall Horan (20), Zayn Malik (20), Liam Payne (20), Louis Tomlinson (21) und Harry Styles (19) sicher bedeutsamer ist als alle Fanpost der Welt. Denn es kam aus berufenem Munde. Und zwar von Sir Paul McCartney, der schließlich selbst einmal Teil einer hysterisch verehrten Boyband war. Gut, auch der 71-Jährige hält den direkten Vergleich von One Direction mit den Beatles für eher unglücklich und überzogen, wie er ebenfalls in einem Interview mit "Sky News" jüngst erklärte. Trotzdem muss man - jetzt zur Veröffentlichung ihres dritten Studioalbums "Midnight Memories" (VÖ: 25.11.) - feststellen: Das britisch-irische Quintett ist nicht nur eine x-beliebige Boyband, sondern inzwischen einer der größten Pop-Acts der Welt. Und ist vielleicht sogar eine Band, die eine Zukunft hat.

Noch vor gut drei Jahren ahnte niemand das Potenzial der fünf Jungs. Niall, Zayn, Liam, Harry und Louis nahmen 2010 an der britischen Ausgabe von "The X Factor" teil, bewarben sich aber als Solosänger. Doch Pussycat-Doll Nicole Scherzinger hatte als Jury-Mitglied die Idee, die fünf zur Gruppe zu formen. Und auch wenn sie letztendlich "nur" als Dritter aus der Show vom Platz gingen: One Direction sind inzwischen der erfolgreichste Castingshow-Act, den die Show in Großbritannien jemals hervorbrachte.

Mehr noch: Sie sind inzwischen ein weltweites Phänomen. Ein paar Erfolgsziffern verdeutlichen das. One Direction haben 22 Millionen Facebook-Fans und damit, auch wenn das sicher eine Altersfrage ist, im sozialen Netzwerk mehr Anhänger als U2 oder die Rolling Stones. Ihre ersten beiden Alben gingen sich zehn Millionen Mal über den Ladentisch - eine Zahl, die ungefähr den Verkäufen von Justin Bieber entspricht. Erst kürzlich startete ihr eigener 3D-Kinofilm "This Is Us", ein kostspieliges Spektakel, das sich sonst nur Acts wie Metallica oder Katy Perry gönnen. Ihr letztes Album "Take Me Home" toppte in 35 Ländern die Charts. In Deutschland erreichte es zwar nur Platz zwei, dafür schafften es das Quintett bereits zum zweiten Mal an die Spitze der amerikanischen Top 100. One Direction gelang sofort der Sprung über den Atlantik, ein Erfolg, den viele (britische) Bands nie schafften - auch Take That nicht.

Aber One Direction haben - außer der Zielgruppe - ohnehin nicht viel mit Boygroups früherer Tage gemein. Wobei sie ihre Landsmänner natürlich brav und gerne zu Vorbildern erklären: "Die coolste Senior-Boygroup sind Take That", erklärte Harry in einem Interview. "Sie haben es geschafft, mit ihrer Musik erwachsen zu werden. Das wäre der Traum, wenn wir das auch schaffen." Und One Direction könnten es schaffen, weil sie schon jetzt mehr sind als das perfekte Produkt einer Castingshow oder der Produzentenfantasie.

Als einen Beweis muss man sich nur das Video zu "Best Song Ever", der ersten Single ihres neuen Albums ansehen: Dort spielen One Direction sich selbst, übernehmen aber auch die Rollen von Plattenfirmen-Bossen, die der Band einen Choreografen und Stylisten zur Seite wollen. Natürlich vergeblich. Denn die vorgeschlagenen Outfits erinnern schon arg an die einheitlichen Jogginghosen-Unterhemd-Looks, in denen einst Take That, aber auch die Backstreet Boys und 'N Sync herumlaufen mussten. Und tanzen, in einer Reihe, geordnet, mit festgelegten Schrittfolgen? Nicht mit One Direction.

Natürlich ist auch diese Verweigerung, die stets betonte Individualität aller Bandmitglieder eine wohl kalkulierte Masche. Aber auch eine, die sich in Zukunft auszahlen könnte - wenn es darum geht, mehr zu sein als eine Band, bei deren Auftritten zehntausende Teenager-Mädchen in ohrenbetäubende Ekstase ausbrechen. Bislang lassen sich One Direction aber noch freiwillig formen. Liam gab das in einem Interview mit dem Männermagazin "GQ" sogar offen zu: "Ich bin an einem Punkt, an dem ich einfach überall hingehe, wo es mir gesagt wird - so lange man mir auch sagt, wohin oder wonach ich streben soll." Insofern glaubt man ihnen sogar, dass sie weniger aus Image-Fragen - Louis und Liam haben seit Längerem feste Freundinnen, Zayn ist sogar schon verlobt - angeben, für Groupies und wilde Partys überhaupt gar keine Zeit zu haben. Denn bei allen selbstironischen Scherzen, allen Furzwitzen in Interviews und allem Spaß, den die Band zu haben scheint: Alle fünf Mitglieder wollen nicht einfach so - wie viele andere Boybands - irgendwann in der Versenkung zu verschwinden.

Momentan sorgen One Direction noch hauptsächlich in der Teenie-Presse und in Klatschspalten für Schlagzeilen wie "Liam Payne: Baby-Gerücht lässt Fans verzweifeln", "One Direction: Liam und Harry von Fans bestohlen!" oder "Harry Styles: Ist sie seine neue Flamme?". Doch die Hysterie wird nicht andauern - ohne neue Musik: "Wir müssen weiterhin Hits haben", erklärte einer ihrer Manager im "GQ"-Interview. "Und wir hoffen natürlich, dass wir einen Hit haben, der über unsere bisherige Fanbasis hinausreicht. Das will auch die Band. Ihr größtes Interesse ist es, die richtigen Songs zu schreiben und die richtige Platte zu machen." Und "Midnight Memories" ist zumindest ein erster Schritt dorthin. An den meisten der neuen Songs hat das Quintett bereits jetzt mitgeschrieben und mitgearbeitet, das Album klingt tatsächlich reifer als seine Vorgänger.

An ihr Songwriter-Potenzial glaubt inzwischen indes nicht nur Paul McCartney: Jüngst verkündete Pharrell Williams, dass er in Gesprächen über eine Zusammenarbeit sei. "Ihr neues Material hat mich wirklich überrascht", so der Produzent und Sänger, "Ich hoffe, dass wir in Zukunft etwas gemeinsam auf die Beine stellen werden." Das bisherige Image der Band sei ihm dabei ziemlich egal: "Den meisten Leuten ist überhaupt nicht bewusst, wie hart die fünf Jungs arbeiten. Sie haben sehr viel mehr drauf, als nur One Direction zu sein."

Quelle: teleschau - der mediendienst