Zwei Frauen, die miteinander über Dinge reden ...

Zwei Frauen, die miteinander über Dinge reden ...





Wie vier schwedische Kinos auf Hollywoods Frauenproblem hinweisen wollen

Drei einfache Kriterien müsse ein Film erfüllen, damit sie sich ihn anschaue, sagt die eine Freundin im Comic-Strip "The Rule" zur anderen: "Erstens müssen mindestens zwei Frauen mitspielen, die, zweitens, miteinander reden und zwar, drittens, über etwas anderes als einen Mann." Der letzte Film, den sie auf dieser Grundlage im Kino habe sehen können, sei "Alien" gewesen. Der Sci-Fi-Schocker kam 1979 in die Kinos, sechs Jahre bevor der Comic entstand. "Antik" sei "The Rule" mittlerweile, meint seine Zeichnerin Alison Bechdel, doch seine Thematik scheint aktueller denn je: In vier schwedischen Kinos wurde kürzlich ein Filmwertungssystem eingeführt, das auf dem so genannten Bechdeltest basiert.

Auf den ersten Blick scheinen die drei Wertungskriterien des Bechdeltests fast ein wenig lächerlich: "Zwei Frauen, die existieren und zusammen über irgendwelche Dinge reden. Das kommt vor. Ich habe es gesehen", brachte es vor einiger Zeit Ex-Schauspieler Colin Stokes in seinem vielbeachteten Vortrag "How movies teach manhood" auf den Punkt. "Aber nur sehr selten in den Filmen, die wir alle lieben." Tatsächlich ist die Bechdelbillanz von Blockbustern bei genauerem Hinsehen ernüchternd: "Die komplette 'Herr der Ringe'-Trilogie, alle 'Star Wars'-Filme, 'The Social Network', 'Pulp Fiction' und mit einer Ausnahme alle 'Harry Potter'-Filme - alle fallen sie durch diesen Test", zählte die schwedische Kinobetreiberin Ellen Tejle auf, als sie das neue Wertungssystem vorstellte.

Das "A", mit dem in den teilnehmenden Kinos künftig Filme markiert werden, die den Bechdelkriterien entsprechen, sei in keinster Weise aussagekräftig über die Qualität des Films oder darüber, ob er feministischen Idealen entspreche, betont Tejle. Auch einem "supersagenhaften ultrafeministischen Film" bleibe das "A" verwehrt, wenn darin nicht zwei Frauen vorkommen, die ein anderes gemeinsames Gesprächsthema als einen Mann haben. Auch ziele die Aktion nicht darauf ab, Filme zu verbieten, die durch diesen einfachen Test durchrasseln. Man wolle lediglich "auf ironische Weise ein Bewusstsein dafür schaffen, wie Frauen heutzutage in Filmen repräsentiert werden" und hoffe "dass sich die Filmindustrie das zu Herzen nimmt".

Die junge Medienkritikerin Anita Sarkeesian fand bereits vor einigen Jahren in ihrem Videoblog "FeministFrequency" drastische Worte dafür, dass aus Frauensicht in Hollywood etwasschief laufe - und warum: "Es geht nicht nur um ein paar Leute hier und da, die keine Frauen mögen oder ihre Geschichten nicht hören wollen. Die ganze Filmindustrie baut darauf auf, Filme zu machen, die auf Männer ausgerichtet sind und von Männern handeln." Die nackten Zahlen geben ihr Recht: In nur elf Prozent aller Filme, die im Jahr 2011 in den amerikanischen Kinos anliefen, habe eine Frau die unbestrittene Hauptrolle gespielt, ermittelte das Center for the Study of Women in Television and Film 2012 in einer Studie.

Als Forscher des Annenberg Public Policy Center im selben Jahr die Geschlechterdarstellung in Filmen von 1950 bis 2006 verglich, kamen sie zu dem Schluss, dass sich darin binnen 50 Jahren kaum etwas verändert habe: Nach wie vor seien in Filmen doppelt so viele Männer wie Frauen vertreten. Falls aber eine Frau auftauche, dann sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Sexszene habe, doppelt so hoch als bei einem Mann. "In allen Bereichen des Lebens spielen Frauen mittlerweile viel größere Rollen als früher, nur Hollywood scheint eine Denkart aus früheren Epochen beizubehalten", wundert sich Dan Romer, der die Studie gemeinsam mit Amy Bleakley erstellte. Geschlechterunabhängig wurde zudem eine Zunahme der Gewalt in Filmen festgestellt. "Junge Kinogänger, die immer wieder Frauen auf sexuelle und Männer auf gewaltvolle Art porträtiert sehen, könnten diese Darstellungen verinnerlichen", befürchtet Bleakley.

Eine Sorge, die auch der zweifache Vater Colin Stokes teilt: "Was nimmt mein Sohn aus 'Star Wars' mit?", fragte sich der erklärte Fan der Reihe in seinem Vortrag: "Die Gedanken über Mut und Loyalität? Oder, dass es im Universum nur zwei Mädchen gibt, nämlich Tante Beru und diese Prinzessin, die zwar ziemlich cool ist, aber die meiste Zeit eigentlich nur rumsitzt und wartet, dass sie den Helden auszeichnen darf?" In anderen Worten: "Dass es die Aufgabe eines männlichen Helden ist, den Bösewicht im Kampf zu besiegen und dann die Belohnung einzusammeln, die von einer Frau repräsentiert wird, die nicht spricht und keine Freunde hat."

Natürlich darf bezweifelt werden, dass ein "A" auf einem Filmposter in einem schwedischen Kino von heute auf morgen ein vielleicht unfaires, aber eben etabliertes und vor allem millionenschweres Branchensystem verändern wird. Aber vielleicht von heute auf übermorgen, wenn sich zumindest ein paar Filmemacher die Aktion der Schweden zum Anlass nehmen, genauer über die Geschlechterbilder in ihren Werken nachzudenken. "Man übersieht leicht, wie unsichtbar Frauen in Filmen oftmals sind. Wie oft ihre Rollen durch einen Mann definiert werden, den sie entweder mögen oder der sie mögen soll. Oder darüber, dass sie nicht viel anhaben", bestätigt auf Nachfrage Hollywoodproduzentin Nina Jacobsen, die mit "Die Tribute von Panem - Catching Fire" gerade einen Film in die Kinos brachte, der sowohl den Bechdeltest besteht als auch eine vollbekleidete weibliche Heldin hat. "Ich glaube, es ist schwer für Frauen, Rollen zu bekommen, die die Würde haben, die sie verdienen. Ich bin froh, das diese Diskussion durch dieses Wertungssystem angeregt wird."

Quelle: teleschau - der mediendienst