Dieter Hildebrandt

Dieter Hildebrandt





Der Biedermann mit dem richtigen Biss

Sein Satz "Ich hab' mit meinem Alter gerechnet!" ist inzwischen legendär. Dieter Hildebrandt, den sie so gerne den "Übervater der deutschen Kabarettisten" nennen, hat ihn zu seinem 80. gesagt. Tatsächlich hatte man den Eindruck, der Schlesier von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft würde immer nur jünger werden. Der Terminkalender war bis vor Kurzem noch randvoll wie eh und je. Seine Auftritte hielten den nach eigenem Befinden öffentlichkeitsscheuen, wenn nicht schüchternen Stegreifplauderer jung. Da traf einen die Nachricht nun fast unvermittelt, dass der große spöttische Humorist schon seit Sommer schwer an Prostatakrebs erkrankt sei. Unmittelbar gefolgt von der Trauermeldung: Wie seine Frau Renate bestätigte, verstarb Dieter Hildebrandt im Alter von 86 Jahren auf der Palliativstation eines Münchner Krankenhauses.

Dieter Hildebrandt brauchte man im Grunde keinem mehr vorzustellen, da ist es fast so wie mit Loriot, dem anderen gescheiten Biedermann. Zwei, die sich vielleicht ergänzten: dort der genialisch Penible (Loriot), hier der improvisierende Dampfplauderer, der sich zwangsläufig immer wieder in irgendwelche Nesseln setzen muss. Der alte Kleist hätte jedenfalls beim Verfertigen der Hildebrandt-Sätze, der abgebrochenen, aus der Kurve fliegenden Gedanken, sicher seine Freude gehabt, auch wenn Hildebrandts Vorbilder anders, nämlich Brecht oder Tucholsky, hießen.

Ein "Urgestein" - "Brr!" - das wollte er nie sein. Er wusste, "wie Urgestein aussieht: Bäh!" Eher schon freute es den allzeit kämpferischen Politkabarettisten, wenn - wie auch schon geschehen - auf ihn geschossen wurde oder wenn man ihn "Nestbeschmutzer", "Giftmischer" oder "roten Heini" nannte. Er selbst war ja auch ein keineswegs ungefährliches Tier. "Wenn man den richtigen Biss hat, findet man immer Fleisch zum Reinbeißen" - noch so ein schöner bleibender Satz von ihm.

In der Münchner "Lach- und Schießgesellschaft" begann Hildebrandts Karriere - 1956 hatte er das Kabaretthaus gemeinsam mit Sammy Drechsel gegründet. Von dem Ruhm zehrte er lange und immer mal wieder. Als ihn einst (1979) das ZDF mit seinen "Nachrichten aus der Provinz" vom Sender schasste, gewährte ihm der SFB-Intendant Wolfgang Haus bei der ARD in Berlin ein neues Domizil, "weil er ein Anhänger der Lach- und Schießgesellschaft" war.

Das Ende kennt man, fast zweieinhalb erfolgreiche Jahrzehnte mit dem "Scheibenwischer", bis hin zum schwarzen ausgeblendeten Bildschirm, der TV-Sünde Bayerns, wegen einem nach Tschernobyl "verseuchten Papst". "Nach dem Fernseh-Ende nehme ich mir das Leben", behauptete er zum Ende des "Scheibenwischers" im Ersten spöttisch - und besorgte sich einen Tennisschläger, um sich mit Freunden wie Dieter Hanitzsch stattdessen auf dem Court zu prügeln.

"Ein unglaublich jung gebliebener Mensch" sei er, sagte einer der Freunde, Hansi Well, letztes Jahr in einem Geburtstagsfilm des Bayerischen Rundfunks. Und vor allem sei er "identisch mit dem, was er sagt". Kein Wunder, dass da Freund Gerhard Polt im selben Film die Aufnahme ins Lehrbuch einer künftigen Kabarettakademie forderte und unverhohlen drohte: "Er wird g'lernt werd'n müssen!" Er - das ist "der Hildebrandt".

Was das Lebensfinale angeht, hatte Hildebrandt seine ganz eigenen Gedanken: Am liebsten, das betonte er immer mal wieder, wäre er auf dem Podium nach alter Gauklersitte mit einem Schlag von der Lebensbühne abgetreten. Der Wunsch sollte ihm verwehrt bleiben.

Die RBB-Intendantin Dagmar Reim würdigte Dieter Hildenbrandt als "eine Ausnahmeerscheinung" und als "Vorbild für ganze Generationen politischer Kabarettisten". Hildebrandt habe aufrütteln wollen und sei angeeckt. "Die ARD dankt ihm für 23 Jahre zündender, brillanter 'Scheibenwischer'-Sendungen im Ersten." Volker Herres, Programmdirektor des Ersten, lobte die Improvisation als große Stärke des Verstorbenen: "Dieter Hildebrandt verkörperte das politische Kabarett in Deutschland."

Quelle: teleschau - der mediendienst