Florian Lukas

Florian Lukas





"Vielleicht bin ich nie erwachsen geworden"

Viele Schauspieler lieben es, in Märchenfilmen zu spielen, weil sie damit vor ihren Kindern angeben können. Bei Florian Lukas ist die Sache etwas anders gelagert. "Ich habe zwei Teenager, 14 und 15 Jahre alt. Denen kannst du nicht mit 'Pinocchio' kommen", sagt der 40-jährige Berliner, der im großen ARD-Weihnachtszweiteiler "Pinocchio" (Mittwoch, 25., und Donnerstag, 26. Dezember, jeweils 16.10 Uhr) die Rolle des tollpatschigen Räubers "Kater" übernommen hat, und lacht: "Meine Kinder verdrehen die Augen, wenn ich davon erzähle. Der vielbeschäftigte und schon vielfach ausgezeichnete Schauspieler ("Nordwand", "Weissensee") verrät im Interview, warum sich mit der Rolle für ihn trotzdem ein Kindheitstraum erfüllte.

teleschau: Warum sind Märchenverfilmungen meist hochkarätig besetzt? Was reizt Schauspieler an diesem Genre?

Florian Lukas: Ich kann ja nur für mich sprechen und erinnere mich erst mal an mein Katzenkostüm, das ich als Kind hatte. Ich liebte dieses Ding heiß und innig. Ich habe es so lange getragen, bis es buchstäblich aus allen Nähten platzte. Außerdem malte ich mir Katzenhaare an und war wahnsinnig stolz darauf, möglichst wie eine richtige Katze zu sein. Nun spiele ich Räuber Kater, auch in einer Art Katzenkostüm. Da wird natürlich ein Kindheitstraum wahr.

teleschau: Prägen uns die Verkleidungsspiele der Kindheit für das ganze Leben?

Lukas: Filme, die man in diesem Alter sieht, tun es auf jeden Fall. Da verkleidet man sich ja auch - quasi im Kopf - in eine andere Welt hinein. Für die meisten von uns sind Märchen die ersten Filme, die man gesehen hat. Da schaut man sich dann als Sechsjähriger einen Prinzen an und sagt: "Oh, das möchte ich auch mal sein." Ich glaube, dass ich Schauspieler geworden bin, weil ich mich in solche Figuren verliebt habe. Erst war es der Prinz, danach wollte ich "Ein Colt für alle Fälle" sein. So bin ich Filmschauspieler geworden. Alles, was ich als Kind im Fernsehen und im Kino gesehen hatte, wollte ich gerne selber machen.

teleschau: Aber hat man als Erwachsener noch die gleichen Träume?

Lukas: Ich habe diese Träume nie verloren. In "Die Gänsemagd", einer ARD-Märchenverfilmung, spielte ich vor ein paar Jahren einen Prinzen. Da lief ich mit Strumpfhosen durch irgendwelche Burgmauern und dachte mir: "Super, deshalb habe ich das gemacht." Vielleicht bin ich nie erwachsen geworden oder habe dieses Gefühl von damals eben nicht verloren. Ich spreche viele Hörspiele, was ich auch als sehr kindlich empfinde, weil fast alles in deinem Kopf entsteht. Es ist nicht anders, als wenn du mit fünf Jahren mit deinen Bauklötzen "Krieg der Welten" oder "Star Wars" nachspielst.

teleschau: Warum haben so viele erwachsene Menschen Probleme damit, sich dieses Kindliche zu bewahren?

Lukas: Erich Kästner hat mal - sinngemäß - geschrieben, dass die meisten Erwachsenen oben in einem Haus wohnen und vergessen haben, dass es mal ein Fundament und ein Erdgeschoss gab. Dass sie immer weiter die Treppen hinauflaufen und nicht daran denken, dass unser Leben eben nicht nur die Etage ist, in der wir gerade wohnen. Und dass wir uns nach wie vor in diesem Haus bewegen können. Ich glaube, an diesem Bild ist viel dran. Wir haben Probleme damit, unser gesamtes Haus anzuschauen. Vielleicht, weil wir Angst haben, was in den unteren Stockwerken passiert ist.

teleschau: Transportiert "Pinocchio" eine Botschaft, mit der Sie etwas anfangen können?

Lukas: Ja, durchaus. Pinocchio muss lernen, dass die Welt und ihre Menschen auch böse sind. Er muss sich von seiner blauäugigen Sicht auf die Welt verabschieden. Das entspricht auch meiner Meinung. Uns allen tut diese Erkenntnis weh, weil wir uns die heile Welt unserer frühen Kindheit zurückwünschen. Erwachsenwerden ist schmerzhaft und schwierig. Davon erzählt "Pinocchio". Und leider endet dieser Prozess auch nicht, wenn man erwachsen ist. Dieses Lernen unter Schmerzen, die Verluste - es geht ein Leben lang weiter.

teleschau: Welche Märchenfilme Ihrer Kindheit haben Sie geprägt?

Lukas: Ich bin in den späten 70-ern und frühen 80-ern in der DDR aufgewachsen. Das war damals ein Mekka grandioser Märchenfilme. Es gab die sehr guten DEFA-Verfilmungen, dazu die ganzen Sachen aus Tschechien. Manchmal gucke ich mir heute noch solche Klassiker an und denke: Wow, die sind verdammt gut gealtert. "Spuk unterm Riesenrad" zum Beispiel oder "Drei Nüsse für Aschenbrödel". Auch "Pan Tau" fand ich toll.

teleschau: Was macht einen Märchenfilm zum Klassiker, so dass ihn die Menschen Jahrzehnte später noch lieben?

Lukas: Es hilft auf jeden Fall, wenn man die Filme nicht zu modern inszeniert. Man sollte anerkennen, dass Märchen zeitlos sind. Dass sie in der Regel auch zeitlose Werte vermitteln. Natürlich gibt es auch klassische Kindergeschichten, die nicht so gut altern. "Der Struwwelpeter" zum Beispiel (lacht) - das kommt uns heute ziemlich brutal vor. Meinen Kindern habe ich diese Geschichte früher nur entschärft vorgelesen, genau wie viele Sachen von Wilhelm Busch. Die machen zum Teil einfach nur Angst.

teleschau: Eine andere Theorie, warum Schauspieler so gerne Kinderfilme drehen, ist, dass man da so schön übertreiben darf. Stimmen Sie zu?

Lukas: Das kommt auf die Rolle an. In der "Gänsemagd" spielte ich ja den Prinzen, und so ein Figur braucht eine gewisse Würde. Da sollte man dann auch ohne Übertreibungen auskommen. Mein Kater in "Pinocchio" ist dagegen schon fast Slapstick, was ich großartig finde. Ich liebe gut gemachte Slapstick und finde es schade, dass diese Form von Humor schon so lange aus der Mode ist. Ich bin beispielsweise ein großer Fan von Louis de Funes. Über seinen "Fantomas" kann ich heute noch lachen. Erst neulich habe ich mir einen Louis de Funes-Film in einer Online-Videothek ausgeliehen. Ich stehe aber mit dieser Vorliebe in meinem Umfeld ziemlich alleine da, glaube ich ...(lacht).

teleschau: Warum hat Slapstick heute so einen schlechten Ruf?

Lukas: Weil sie kaum noch jemand ernst nimmt. Genau das muss man aber tun, um gute Slapstick-Comedy zu erschaffen. So wie früher Charlie Chaplin oder Buster Keaton. Das sind Filme, die ich früher als Kind im Fernsehen geliebt habe. Heute wird einem zumeist alberner Mist als Slapstick verkauft.

teleschau: Sie und Sandra Hüller, die Bösewichte in "Pinocchio", spielen - sagen wir mal - liederlich als Tiere verkleidete Menschen. Sind das Slapstick-Figuren?

Lukas: Für mich sind sie es. Jene Zeit vor etwa hundert Jahren, in der unser "Pinocchio" spielt, war die Blütezeit des Slapstick im Stummfilm. Dies hat uns schon dazu inspiriert, das Ganze etwas slapstickhaft anzulegen: Du trägst einen abgewetzten Smoking und einen lustigen kleinen Hut. Die Figur ist ziemlich begriffsstutzig - um nicht zu sagen: ein bisschen dämlich. Da lässt sich schon was draus machen (lacht).

teleschau: "Pinocchio" läuft an den beiden Weihnachtsfeiertagen. Was machen Sie da?

Lukas: Ich verbringe Weihnachten mit meiner Familie. Wir werden zwar nicht in Deutschland feiern, aber ich nehme sicher die DVD mit den beiden "Pinocchio"-Filmen mit. Die gucken wir uns dann zusammen an. Ich glaube, das wird trotzdem ganz spaßig.

Quelle: teleschau - der mediendienst