Oldboy

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Die Frage nach dem Warum

Es ist ein altbewährtes Erfolgsrezept im Filmgeschäft: Man nehme einen künstlerisch wertvollen und dennoch unterhaltsamen Film aus dem asiatischen Raum und produziere ihn noch einmal neu für den westlichen Markt. So war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand "Oldboy" (2003) aus Südkorea annehmen würde. Spike Lee bringt nun die amerikanische Version jenes Splatterkunstwerks in die Kinos. Leider geht dabei jede Spur von Kunst verloren.

Joe Doucett (Josh Brolin) ist ein Arschloch. Schamlos macht er Frauen seiner Geschäftspartner an; Alkohol interessiert ihn schon seit Längerem mehr als seine dreijährige Tochter. Nach einer weiteren volltrunkenen Nacht seines miserablen Lebens wacht Joe in einer isolierten Zelle auf. Ohne zu wissen, warum er dort ist und wer ihn hier gefangen hält, wird er die nächsten 20 Jahre in diesem Raum verbringen. Mit hartem Training bereitet sich Joe auf den Moment vor, an dem er irgendwann wieder das Licht der Freiheit erblickt. Dann will er seine Tochter finden und Rache an denjenigen nehmen, die ihm das angetan haben. Als es soweit ist, merkt Joe aber schnell, dass die Suche nach dem Grund für seine Gefangenschaft tief in seiner Vergangenheit liegt.

Ein Großteil der Handlung sowie zahlreiche Szenen des neuen "Oldboy" sind eins zu eins aus dem südkoreanischen Original des Rachethrillers übernommen worden. Vor nicht einmal zehn Jahren schuf Regisseur Park Chan-Wook damit nicht nur den Höhepunkt seiner Vengeance-Trilogie, sondern gleichzeitig einen Meilenstein des Genres. Diesen Status wird das Remake sicherlich nicht erreichen. Wo Park Chan-Wook nämlich gezielt Lücken und Geheimnisse im Geschehen lässt, füllt Spike Lee diese Räume mit unnötigen, theatralischen und teilweise recht unoriginellen Passagen aus. Das nimmt dem Zuschauer leider jeglichen Interpretationsfreiraum und dem Film einiges seiner Atmosphäre. Besonders der Versuch, noch eine Art Happy End einzubauen, ist angesichts der Thematik des Films schlicht grotesk.

Auch die poetische Bildsprache und die Tiefgründigkeit des Originals streicht Spike Lee aus seinem "Oldboy". Stattdessen arbeitet er mit einer übertriebenen Videospielästhetik, die aber zugegebenermaßen so unglaubwürdig ist, dass sie regelrecht ihre eigene fiktive Welt erschafft, in der sie glaubwürdig wirkt.

Straff und fließend rast dieser neue "Oldboy" ansonsten ohne Ecken und Kanten über die Leinwand. Für diejenigen, die das Original nicht kennen, ist er der Kinobesuch also sicherlich keine komplette Zeitverschwendung. Die schauspielerische Leistung ist durchweg solide, wenn auch Josh Brolins Art für die meisten erst einmal gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Was die Brutalität von "Oldboy" angeht, so befindet sich das Remake in einem spürbaren Konflikt. An mancher Stelle kann das Kunstblut gar nicht genug spritzen und die Folter nicht eklig genug sein, an anderer überwiegt dann wieder die amerikanische Prüderie.

So stellt sich letztlich nur die alte Frage nach der Notwendigkeit des Remakes. Das Original ist weder technisch veraltet noch kann sich die heutige Generation nicht mehr damit identifizieren. Spike Lee erweitert den Film auch nicht oder gibt ihm mehr Komplexität. Obwohl das südkoreanische Vorbild sicherlich mehr Tiefe hat, spricht es dennoch dieselbe Zielgruppe an wie der amerikanische Aufguss. Wäre es vielleicht nicht doch eine sinnvolle Option, ausländische Filme für den amerikanischen Markt zu synchronisieren, statt diese für viel Geld komplett neu zu drehen - und noch dazu schlechter?

Quelle: teleschau - der mediendienst