Auf dem Weg zur Schule

Auf dem Weg zur Schule





Hurra, hurra die Schule ...!

Mit dem Pferd zur Schule reiten, das würde wohl vielen Kindern gefallen. Der Dokumentarfilm "Auf dem Weg zur Schule" des französischen Filmemachers Pascal Plisson zeigt einen Schüler, dem das vergönnt ist. Es ist der elfjährige Carlito aus Argentinien, der jeden Tag mit seiner kleinen Schwester Mica rund eineinhalb Stunden auf einem gemeinsamen Pferd zur nächsten Schule reitet. Wenn nur diese aufdringlich-schwülstige Musik nicht wäre, die die beiden während eines kleinen Galopps durch die allzu schön in Szene gesetzte weite Landschaft Patagoniens begleitet. Und wenn nur im Kinodebüt von Plisson, der neben der Regie auch das Drehbuchschreiben und die Kameraführung übernahm, nicht alles so plump in Szene gesetzt wirken würde.

Einen ähnlichen Eindruck erwecken die Szenen mit der zwölfjährigen Zahira, die ebenfalls - allerdings "nur" allwöchentlich - mit ihren Freundinnen einen unglaublich langen Schulweg von vier Stunden durch das Atlasgebirge auf sich nimmt, um zu ihrem Internat und in den Genuss von Bildung zu gelangen. Wie bei allen anderen kleinen Protagonisten rückt die grauenvolle deutsche Synchronisation der wenigen Sätze, die Plisson dem mutigen Mädchen, das einmal Ärztin werden will, zubilligt, in ein unsympathisches Streberlicht.

Während sie selbst in mustergültigen, hochdeutschen Sätzen synchronisiert ist, sprechen ihre braven, armen Eltern und ihre Großmutter, die nicht zur Schule gegangen ist, ein gebrochenes Deutsch. Ja, Herr Lehrer, wir haben verstanden, in diesem Film geht es um Kinder, die zum Großteil in der ersten Generation zur Schule gehen dürfen. Dass das bestehende Bildungssystem als solches nicht auch nur im Ansatz in Frage gestellt wird, wie es der großartige, zur Zeit noch in den Kinos laufende Dokumentarfilm "Alphabet" von Erwin Wagenhofer tut, versteht sich bei einer solchen Disney-esken Inszenierung von selbst.

Im Vorfeld seiner Lehrveranstaltung suchte Plisson ernsthaft nach Kindern mit der "richtigen" Gesinnung - Kindern also, die nicht nur wegen der Aussicht auf eine warme Mahlzeit den weiten Weg zur Schule auf sich nahmen. Also entschied sich der ehemalige Tierfilmer den poliokranken Samuel aus Indien in sein Lehrstück mit hineinzunehmen. Der beeindruckende 13-Jährige spielt sich, wie alle anderen Kinder, die zum Teil zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt eine Kamera gesehen haben - so weit es ihm gestattet wird - sehr glaubwürdig selbst. An Samuels lebenshungrigen Augen und seinem Lachen kann man sich, als seine Brüder ihn in einem überaus klapprigen Rollstuhl allmorgendlich über Stock und Stein zur Schule schieben, einfach nicht satt sehen.

Man erlebt also kurz, was für ein Film "Auf dem Weg zur Schule" hätte sein können. Doch die vom Ansatz her hochinteressante und nach Abenteurer duftende Dokumentation verkommt binnen weniger Minuten zu einer Pflichtveranstaltung für konservative Bildungsminister und Lehrer von vorgestern. Allenfalls schulbegeisterte Grundschüler können sich ganz unschuldig an den bewundernswerten kindlichen Protagonisten und den bilderbuchhaften Landschaftsaufnahmen erfreuen und über die unangenehmen Indoktrinationsversuche hinwegsehen. Ältere Schüler werden dagegen innerlich erschauern bei der Botschaft, die der Film leider auch klar vermittelt: Seid froh, dass ihr überhaupt zu irgendeiner Schule gehen dürft, gehorcht euren Eltern und dem Herrn Lehrer und euer Leben wird so schön wie ein Disney-Film. Nur ist dem mitnichten leider so.

Quelle: teleschau - der mediendienst