Carrie

Carrie





Der Horror einer Ballnacht

Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie in die Kinos zurückkehren würde. Nachdem in den letzten zehn Jahren von "Texas Chainsaw Massacre" über "Das Omen" bis hin zu "Evil Dead" so gut wie jeder Horrorfilm neu aufgelegt wurde, der in den 70er- oder 80er-Jahren Aufsehen erregte, musste irgendwann ein Studio schließlich der Versuchung "Carrie" erliegen. Immerhin galt Brian De Palmas Adaption von Stephen Kings erstem veröffentlichten Roman 1976 als wegweisend für das Genre, als cineastischer Meilenstein. Sogar die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die das Horrorgenre meist geflissentlich übersieht, würdigte Hauptdarstellerin Sissy Spacek und Nebendarstellerin Piper Laurie mit Oscarnominierungen. Die Latte für Kimberly Peirce' Neuverfilmung liegt dementsprechend hoch - und die "Boys Don't Cry"-Regisseurin schien sich dessen auch bewusst zu sein.

Mit Chloë Grace Moretz engagierte Kimberly Peirce für die Hauptrolle eine der derzeit gefragtesten Darstellerinnen ihrer Altersklasse. Spätestens seit "Kick-Ass" (2010) gilt die nunmehr 16-Jährige als überaus fähig, ein großes Publikum auf ihre Seite zu ziehen - und Horrorfilm-Remakes sind nach Nebenrollen in "The Amityville Horror" (2005), "The Eye" (2008) oder ihrer Hauptrolle in "Let Me In" (2010) für sie bekanntes Terrain. Zumal Moretz - im Gegensatz zur damals 27-jährigen Sissy Spacek - zumindest dem Alter nach genau ins Rollenprofil der High-School-Schülerin Carrie White passt.

Für ein wenig zu hübsch für die Außenseiterrolle könnte man Chloë Grace Moretz halten, selbst wenn sie mit fahl geschminktem Gesicht und wirrem Haar in altertümlichen Klamotten durch die Schulkorridore schleicht. Doch auch ein hübsches Gesicht schützt nicht automatisch vor Mobbing. Genauso wenig muss man automatisch zum Mobbingopfer werden, wenn man wie Carrie eine fanatisch religiöse Mutter (Julianne Moore) hat. Mobbing kennt keine Regeln.

Allerdings wäre Carrie wohl einiges erspart geblieben, wenn ihre Mutter sie nicht völlig unaufgeklärt gelassen hätte. Doch alles, was mit Sexualität zusammenhängt, hält Margaret White für sündhaft. So reagiert Carrie panisch, als sie ausgerechnet nach dem Sportunterricht in der Schuldusche das erste Mal ihre Monatsblutung bekommt. Von ihren gehässigen Mitschülerinnen, allen voran Chris (Portia Doubleday), wird Carrie daraufhin erbarmungslos traktiert - daran ändert auch das Eingreifen einer verständnisvollen Lehrerin (Judy Greer) nichts. Während Chris und ihre Freunde planen, Carrie während des nächsten Schulballs vor aller Augen zu demütigen, wird der Außenseiterin langsam bewusst, dass sie telekinetische Fähigkeiten besitzt.

Bis zum großen, unvermeidlichen Showdown wird Carrie langsam ihre Fähigkeiten entdecken und ebenso langsam ein gewisses Selbstvertrauen entwickeln. Man kann Chloë Grace Moretz förmlich aufblühen sehen, ohne dass dabei je die Schüchternheit und die Verletzlichkeit ihrer Figur in Frage steht. Die Nachwuchsdarstellerin macht ihre Sache gut, auch wenn ihr Spiel die Eindringlichkeit von Sissy Spaceks Spiel nie ganz erreicht. Zumal ihr Julianne Moore jede gemeinsame Szene stiehlt - noch nie wirkte sie so furchteinflößend wie in dieser Rolle.

Was das Original von 1976 jedoch so besonders machte, war neben dem psychologischen Kräftemessen von Mutter und Tochter die verstörende Atmosphäre, die zu großen Teilen von Mario Tosis großartiger Bildgestaltung herrührte. Obwohl die technischen Mittel, die Regisseuren heutzutage zur Verfügung stehen, vielfältiger geworden sind, und Kimberly Peirce diese auch nutzt, bleibt doch De Palmas Werk aufgrund seiner Intensität der schockierendere, beeindruckendere Film. Dass sich Motive wie Mobbing und religiöser Wahn jedoch fast 40 Jahre nach De Palmas Film ohne Weiteres in die Gegenwart übertragen lassen, besitzt eine ganz eigene Art von Horror.

Quelle: teleschau - der mediendienst