Robbie Williams

Robbie Williams





Sentimentaler Swinger

Robbie Williams macht immer noch Eindruck. Er steht in seiner Suite im sechsten Stock des Londoner Savoy-Hotels, die einen fabelhaften Blick auf das Riesenrad "London Eye" bietet. Der Popstar ist von stattlicher Größe, trägt einen Pulli mit Katzenaufdruck an den Ärmeln und die Haare tatsächlich teilweise grau. Der Frauenschwarm wirkt ein wenig gestresst, denn in seinem Zimmer geht es zu wie im Taubenschlag. Mit "Swings Both Ways" hat der 39-jährige Brite ein neues Swing-Album am Start, auf dem er neben Duetten mit Michael Bublé, Olly Murs und Lily Allen auch selbst geschriebene Songs präsentiert. Eine Art Nachfolger zu "Swing When You're Winning" (2001) also, das zum erfolgreichsten Werk seiner Karriere wurde. Aber diesmal schwingt sich Williams eben nicht nur durch gut gelaunte Klassiker, sondern beweist in seinen eigenen Songs Mut zur Sentimentalität, zu (homo)sexuellen Anzüglichkeiten und zu Selbstironie - angesichts früherer Gewichtsprobleme ...

"Da ist unglaublich viel Humor auf der Platte", meint er mit einem schelmischen Grinsen. "Nicht viele Künstler würden ein Lied davon singen, wie es ist, ein ungeliebter, fetter Popstar zu sein! Aber der Gedanke brachte mich zum Lachen, als ich den Song schrieb. Und nun hoffe ich, dass es die Leute, die die Stücke hören, auch zum Lachen bringt. Es ist auf jeden Fall mein Lieblingsstück des Albums." Als Inspiration für den Song diente ihm die Aussage von Ex-Oasis-Kopf Noel Gallagher, Williams sei doch nur der fette Tänzer von Take That. Verletzt es ihn, wenn er so was über sich in der Zeitung liest? "Nicht, wenn es von den Gallaghers kommt, dann ist es lustig", so der Sänger. "Dennoch glaube ich, dass das Showbiz kein Herz für Männer mit Doppelkinn hat." Momentan hat Williams zum Glück nur eins. Doch die Ironie endet hier nicht.

"Frank Sinatra hätte sicherlich niemals einen Song wie 'Swings Both Ways' mit all den Anspielungen auf sexuelle Orientierungen gesungen. Aber Dean Martin hätte es getan", führt Williams fort. "Ich bin definitiv eher Dean Martin als Frank Sinatra!" Besagtes Lied ist ein doppeldeutiges Duett mit dem schwulen Songwriter Rufus Wainwright, mit dem er das Stück auch zusammen geschrieben hat. "Ich sehe zwischen uns viele Gemeinsamkeiten: Wir sind beide in erster Linie Entertainer. Wir halten nichts zurück. Wir haben dunkle Zeiten mit Drogen durchlebt. Wir haben jeweils eine kleine Tochter. Und sogar unsere Initialen sind gleich!"

Auch Michael Bublé gastiert auf "Swing Both Ways" - und das obwohl Williams den Kanadier in der Vergangenheit als seinen größten Konkurrenten bezeichnet hat. "Das ist ein schlauer Schachzug von mir, nicht wahr?" Williams lacht. "Ganz ehrlich: Jeder Sänger, der ungefähr in meinem Alter ist, ist für mich erst mal Konkurrenz. Ich kann solche Typen nicht ausstehen! Aber bei Michael Bublé kann ich nicht anders, als ihn zu mögen. Auf gewisse Weise beneide ich ihn sogar." Aber worum sollte ein Sänger, der mit über 70 Millionen verkauften Platten zu den erfolgreichsten Solokünstlern auf dem Planeten gehört, einen anderen beneiden? "Nun, für mich ist dieses Swing-Album erst mal nur ein weiterer Ausflug in eine glamouröse Zeit, die ich schon als Vierjähriger durch die Platten meiner Eltern kennenlernte und in der ich so gerne selbst Musik gemacht hätte. Aber Michael lebt das auch heutzutage total aus." Beklagen will sich Williams allerdings nicht, auch wenn er früher des Öfteren mit sich und seiner Karriere gehadert hatte. "Aber jetzt bin ich in einer Phase, in der ich realisiere, wie viel Glück ich habe! Ich fühle mich gesegnet, meinen Lebensunterhalt mit einem Hobby verdienen zu können. Denn ich hätte das alles auch ohne Geld gemacht. Aber das muss ich nicht."

Er macht es aus Liebe: Mit der Single "Go Gentle" hat er ein Lied für seine einjährige Tochter Teddy geschrieben. Ironischerweise ist es vielleicht der erste Song, von dem sich auch Männer direkt angesprochen fühlen. "Ja, das ist schon komisch. Als ich neulich bei einer Radiostation zu Besuch war, schickten Väter E-Mails, in denen sie offenbarten, dass sie zu dem Song weinen mussten." Nachdem Williams den Großteil seiner Karriere vor Frauen gespielt hat, muss es ein schönes Gefühl sein, nun auch offiziell die Anerkennung von Männern zu erhalten. "Oh ja. Das Aha-Erlebnis hatte ich aber zuvor schon auf privater Ebene", erzählt der Entertainer. "Chris, ein guter Freund von mir, ist vor Kurzem Vater geworden. Ich bat ihn, mit mir in mein kleines Studio zu kommen, um ihm etwas vorzuspielen. Ich legte also 'Go Gentle' ein, irgendwann guckten wir uns beide an und weinten einfach nur los. Ich bin froh, dass unsere Frauen in dem Moment nicht reingekommen sind! Aber in dem Moment wusste ich: Wenn das bei ihm und mir funktioniert, dann auch bei anderen Männern."

Er gibt zu, mit zunehmendem Alter ein Stück weit sentimentaler geworden zu sein. Schon Ende Juli bei seinem Konzert in Hannover hatte Williams zum Song "Angels" Tränen vergossen. "Da war dieses Mädchen in der ersten Reihe, das ein Banner hochhielt, aus dem hervorging, dass sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter in den letzten zwölf Monaten verstorben waren. Das und die überwältigende Liebe, die mir vom Publikum entgegenschlug, setzte mich völlig außer Gefecht. Ich dachte nur noch: 'Oh mein Gott, ich heule hier gerade wie ein psychisch Kranker. Geh bloß runter von der Bühne, Rob. Du blamierst dich hier zu Tode!" Und so ganz scheint ihm sein zunehmendes Alter dann auch nicht zu behagen. Im Februar wird Williams 40. Eine Zahl, die ihm unheimlich ist. "Ich frage mich: Was wirst du mit mir anstellen, 40? Denn früher war 40 sehr, sehr alt. Es klingt ein bisschen nach Tod!", witzelt der Star. Dann räumt er ein: "Vielleicht beginnt dann auch eine Phase, in der ich alles im Leben entspannter nehme. Außer meine Karriere natürlich. Denn ich habe noch viel vor. Ich werde niemals aufgeben!"

Quelle: teleschau - der mediendienst