Nora Tschirner und Christian Ulmen

Nora Tschirner und Christian Ulmen





Das Lustige am Ernst des Lebens

Sie moderierten gemeinsam ein Spaßformat bei MTV und spielten Seite an Seite in der Kinokomödie "FC Venus - 11 Pärchen müsst ihr sein". Dass Christian Ulmen (38) und Nora Tschirner (32) vor der Kamera ein humorvolles Duo abgeben, war bekannt. In einem "Tatort" hätte man sich die beiden trotzdem kaum vorstellen können. Dass es tatsächlich soweit kommen konnte, ist andererseits auch keine große Sensation mehr - die "Tatort"-Macher sind seit Monaten eifrig dabei, den guten, alten Sonntagabend-Krimi zu verjüngen. Experimente sind gerne genommen, und der Weimar-"Tatort: Die Fette Hoppe", der nicht am Sonntag, sondern am zweiten Weihnachtsfeiertag, Donnerstag, 26. Dezember, läuft, darf zunächst als solches gewertet werden. Spaß macht die Chose allemal, auch wenn Puristen vermutlich wieder trefflich darüber debattieren werden, ob das Ganze denn nun noch das Label "Tatort" tragen darf oder nicht. Alles eine Frage der Einstellung - oder, wie Christian Ulmen sagen würde: "Entweder du checkst es oder eben nicht."

teleschau: Wieviel Humor verträgt ein "Tatort"?

Nora Tschirner: Ich habe leider dieses Memo nicht mehr, das neulich an alle deutschen Haushalte verteilt wurde. Darin war ja genau beschrieben, wann man als Team erschossen wird, wenn man von den Humor-Richtlinien im "Tatort" abweicht. Weil ich das aber blöderweise verschlampt habe, kann ich die Frage nicht beantworten.

teleschau: Die Frage war durchaus ernst gemeint. Manche nennen den "Tatort" das Allerheiligste der deutschen Fernseh-Fiction. Haben Sie eine persönliche Meinung dazu, wie weit man die Grenzen des Formats dehnen kann?

Tschirner: Das habe ich ja, sozusagen mit Ironie, versucht zu beschreiben. Ich glaube nicht an solche Regeln. Wir beide haben den "Tatort" gedreht, weil wir totale Lust drauf hatten. Und nicht, weil wir ein Format sprengen wollen und jetzt endlich konnten oder weil die vielleicht doof genug waren, uns zu fragen. Natürlich gibt es ein paar Komponenten, die sind unverrückbar, und die akzeptieren wir auch: Man sollte einen Kriminalfall beschreiben und im besten Falle auch lösen. Die Frage zu stellen, ob Humor dazu passt, finde ich allerdings engstirnig.

teleschau: Warum?

Tschirner: Sie klingt sehr nach deutscher Unterhaltungsindustrie. Wenn man sich Filme aus dem Ausland anguckt, die einen bewegen, wird man feststellen, dass Humor und Ernstes viel durchmischter sind, als bei uns. Was auch dem Leben entspricht. Humor gehört zum Ernst des Lebens dazu. Wir stehen ja nicht morgens auf und entscheiden uns, ob das jetzt ein ernster oder ein humorvoller Tag wird.

teleschau: Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie beide ein "Tatort"-Team wurden?

Christian Ulmen: Es gab die öffentliche Ausschreibung vom MDR, der einen neuen "Tatort" machen wollte. Da hat uns die Produktionsfirma Wiedemann & Berg aus München angerufen, mit dieser Idee in der Tasche. Der Autor Murmel Clausen hatte für diese Bewerbung eine Idee vorgelegt, die sich schon sehr lustig las. Da haben wir zugesagt - für diesen einen Sonder-"Tatort".

teleschau: Es war also so, dass Sie wussten, worauf Sie sich einlassen?

Tschirner: Ja. Christian kannte Murmel Clausen und konnte einschätzen, was dabei in etwa herauskommen wird. Dieser Check war schon wichtig. Grundsätzlich arbeiten Christian und ich sehr gerne zusammen. Aber es hätte natürlich auch ein fürchterliches Buch sein können. Ich bekam eigentlich nur eine Seite zur Leseprobe, aber die war schon so stimmig, dass ich gleich gesagt habe: Ja, da habe ich Bock drauf. Daraufhin haben wir Wiedemann & Berg zugesagt und danach sind die ins Rennen gegangen.

teleschau: Inwiefern haben Sie an den sehr pointierten Dialogen zwischen den beiden Kommissaren mitgeschrieben ?

Ulmen: Na ja, erst mal müssen die Autoren alleine arbeiten. Die sollen ruhig auch mal was tun. Man kann ihnen ja nicht alles vorsagen. Natürlich passt man in der Arbeit hier und da mal eine Zeile an. Aber der Charakter ist im Drehbuch vorgegeben. Die Gebärenden dieses "Tatorts" sind ganz klar die Autoren.

teleschau: Wie wichtig war es, dass Sie beide sich gut kennen und auch schon oft zusammengearbeitet haben?

Tschirner: Das war Teil der Idee für diesen "Tatort" und lässt sich aus unserem Spiel im Nachhinein auch gar nicht mehr herauslösen.

Ulmen: Wir wissen auch gar nicht mehr, wann das mit uns angefangen hat.

Tschirner: Na ja, rein biografisch schon. Das war bei "Select MTV", Anastasias Sendung. Wir waren mal eine Sparte von "Select" früher ...

Ulmen: Ach ja ... (lacht hüstelnd)

teleschau: Haben Sie versucht, sich gegenüber anderen lustigen "Tatorten" wie dem aus Münster oder neuerdings aus dem Saarland abzugrenzen?

Ulmen: Welcher ist noch mal der aus Münster?

teleschau: Das ist der mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers.

Ulmen: Ach, Jan Josef Liefers, ja, den kenne ich neben seinen Auslandseinsätzen als Friedensstifter in Krisenregionen natürlich auch als hervorragenden Mediziner im "Tatort", klar. Leider ist mir ansonsten die Sonntagabend-Tradition des "Tatort"-Guckens im Alter von etwa 20 Jahren weggebrochen. Früher war ich stolz darauf, das endlich gucken zu dürfen. Als ich aber zu Hause auszog, habe ich seltener "Tatort" gesehen. Ich interessiere mich jetzt wieder mehr dafür.

teleschau: Sind Sie denn "Tatort"-Zuschauerin, Frau Tschirner?

Tschirner: Seit ich weiß, dass ich "Tatort"-Kommissarin werde, habe ich immer wieder mal geguckt. Dabei sammelte ich allerdings kein Wissen an, das mich in irgendeiner Weise belasten könnte. Man sollte sich auch nicht vergleichen, das verkrampft nur. Wenn überhaupt, sollen sich die Autoren über so etwas Gedanken machen.

teleschau: Es gibt ja verschiedene Arten von Humor: Slapstick, Wortwitz oder Tragikomik zum Beispiel. Auf was bauen Sie?

Tschirner: Slapstick sehe ich weniger in diesem Film, Tragikomisches hingegen schon. Wortwitz auch, sicherlich.

Ulmen: Das sehe ich anders. Du spielst ja eine Schwangere im Fernsehen - das allein ist für mich schon Slapstick. Ansonsten weigere ich mich, dies zu benennen. Humor darf man nicht auseinandernehmen wie einen Automotor. Sonst ist der Zauber im Arsch. Humor beschreibt und erklärt man nicht, Humor findet statt, und darüber redet man nicht. Das ist wie mit Sex.

Tschirner: Das empfinde ich jetzt wieder als Quatsch. Genau wie beim Sex ist Humor nur dann etwas, über das man nicht reden kann, wenn man es nicht will oder beherrscht. Natürlich kann man über Humor reden, Christian!

Ulmen: Du hast natürlich Recht. Man kann es, aber ich halte nichts davon. Wenn ihr jetzt über Humor reden wollt, gehe ich einfach raus...

teleschau: Trauen Sie sich an Humor auf analytische Weise ran, Frau Tschirner?

Tschirner: In einer Sache stimme ich Christian zu. Ich finde es sinnlos, einen fertigen, lustigen Film im Nachhinein bezüglich seines Humors zu sezieren. Während einer Drehbuchbesprechung oder Leseprobe ist es schon sinnvoll, darüber zu reden, warum ein bestimmter Dialog oder Gag funktioniert oder nicht. Humor ist ein sehr schnelles, in vielerlei Dingen automatisiertes Geschehen. Das dann später noch mal in Zeitlupe zu analysieren, was genau jetzt daran lustig war, macht überhaupt keinen Sinn.

Ulmen: Für mich ist Humor in allererster Linie Gefühl. Entweder man teilt mit jemandem denselben Humor oder nicht. Wenn man einen Witz erklären muss - oft muss man das bei Fernsehredakteuren - ist schon alles vorbei. Entweder du checkst es oder eben nicht. Natürlich gibt es ein Vokabular, in dem man sich beim Drehen über Humor unterhält. Am besten ist jedoch, wenn das erst gar nicht nötig wird. Wenn sich Regie und Schauspieler unausgesprochen einig sind: Das war lustig! Es zeigt sich daran, dass einfach alle lachen. Und es geht kaputt, wenn man es deshalb sezieren muss, weil einer nicht lacht.

teleschau: Gab es so eine Art Meta-Idee, wo man mit diesem "Tatort" hin will, eine Art Philosophie hinter dem Projekt?

Tschirner: Explizit formuliert gab es die nicht. Unbenannt steht sie aber im Drehbuch. Ich finde, die Idee eines Film - und das kann durchaus eine bestimmte Art von Humor sein - ist in einem guten Drehbuch vorgegeben. So war das hier. Ohne dass man darüber redet, werden so alle Menschen, die das ebenso verstehen, zu einer Art Familie auf Zeit. Erschreckend ist aber, dass ich in den letzten Jahren kaum Bücher gelesen habe, bei denen das so war. Bücher mit einem eigenen Ton oder Charakter findet man selten. Dabei finde ich: Ein Buch, das solche Qualitäten hat, sollte eigentlich Grundvoraussetzung für Filme sein.

teleschau: Sie beide verbindet nicht nur eine lange Freundschaft, sondern auch die Tatsache, dass Sie als Nicht-Schauspieler eine tolle Filmkarriere hingelegt haben. Hat man da manchmal ein schlechtes Gewissen?

Ulmen: Wer sagt, dass wir keine Schauspieler sind? Wir machen das seit zehn Jahren. Das ist ähnlich wie die Frage nach dem Humor so eine deutsche Frage: Hast du das überhaupt gelernt? Die Schauspielschule ist für mich eine Möglichkeit, Schauspiel zu lernen. Eine andere Möglichkeit ist es, auf der Straße Pantomime zu machen. Man könnte auch einfach mal einen Film machen und es dabei erlernen. Tut man dies dann zehn Jahre lang, hat man es nach seinen Möglichkeiten erlernt, sage ich mal. Ich habe ja nicht die gleiche Verantwortung wie ein Arzt. Wenn mich einer operiert, möchte ich nicht, dass er mir vorher sagt: Ich habe es schon ein paarmal am Schwein geübt. Ich will, dass der ein Examen hat. In Bezug aufs Schauspiel sehe ich es anders. Wenn ich in meinem Beruf Mist baue und der Film scheiße ist, trage ich die Verantwortung. Aber es stirbt niemand. Ich verstehe die Frage nach einem Ausbildungsnachweis in einem künstlerischen Beruf einfach nicht. Außerdem haben ja die wenigsten Schauspieler in Deutschland eine richtige Ausbildung für das, was sie vor der Kamera tun. Weil die Schauspielschulen nur fürs Theater ausbilden - nicht für den Film.

teleschau: Sind Sie genauso selbstbewusst, Frau Tschirner?

Tschirner. Grundsätzlich gebe ich Christian recht. Trotzdem gebe ich zu, dass diese Idee, dass man gar nicht so richtig weiß, wie es geht, mich am Anfang vor der Kamera beeinflusst hat. Die ersten zwei, drei Jahre dachte ich immer, dass ich noch mal auf eine Schule müsste. Ich habe mich dann am Max Reinhardt-Seminar beworben. Auch deshalb, um dieses Ding für mich zu entzaubern. Ich hatte Angst, dass da ein großer Wundertrank hinter der Tür steht und wenn man den eingenommen hat, kann man auf einmal Schauspiel. Am Ende haben sie mich nicht genommen. Wäre es anders gewesen, hätte ich bestimmt mal ein bisschen reingeschnuppert. Wichtig war für mich jedoch das, was ich davor erlebte - als ich diesen Bewerbungsprozess durchlief und feststellte, die machen das Gleiche wie ich. Das hat mich ungemein erleichtert.

Quelle: teleschau - der mediendienst