Ludwig Blochberger

Ludwig Blochberger





Die Jugend des Dinosauriers

Christian Berkel hat ihn gleich zweimal gespielt: Helmut Schmidt, der am 23. Dezember 95 Jahre alt wird. In "Die Sturmflut" und "Mogadischu" verblüffte Berkel mit einer so perfekten Kopie des knorrigen Altkanzlers, dass Zuschauer und Kritiker staunend applaudierten. Ludwig Blochberger hatte bei seiner Darstellung des jungen Schmidts im Dokudrama "Helmut Schmidt - Lebensfragen" (Montag, 23. Dezember, 21.45 bei ARD und Servus TV) jedoch eine andere Aufgabe. Wie spielt man die sehr viel jüngere, weitgehend unbekannte Version eines Mannes, den jeder Deutsche als weisen älteren Herren zu kennen glaubt?

teleschau: Es gibt Unmengen von Material, das man zur Vorbereitung auf die Rolle als Helmut Schmidt nutzen könnte. Wie haben Sie es geschafft, nicht den Überblick zu verlieren?

Ludwig Blochberger: Da fange ich doch mit einem Helmut Schmidt-Zitat an. Er hat mal gesagt, Demokratie ist ein Prozess, kein Zustand. Genauso verhält es sich mit der Arbeit eines Schauspielers. Sich Rollen und Personen zu erarbeiten, ist ein Prozess, eine spannende Reise. Man versucht viel zu lesen, Tondokumente zu hören, sich Filmaufnahmen anzuschauen. Das alles leider unter großem Zeitdruck. Wir haben hier nicht, wie bei einem Hollywood-Film, ein halbes Jahr Vorbereitung. Mein Ansatz als Schauspieler ist jedoch immer der gleiche und relativ simpel. Ich schaue mir zuerst an, welche Interessen dieser Mensch hat. Das kommt bei mir lange vor dem Studieren von Mimik oder Gestik.

teleschau: Welche Interessen haben Sie bei Helmut Schmidt identifiziert?

Blochberger: Was auffällt ist, dass er ein viel belesener Intellektueller ist. Gleichzeitig ein sehr musischer Mensch. Ich bin sogar so weit gegangen, dass ich mir die Klavierkonzerte anhörte, die er eingespielt hat (lacht). Und das, obwohl ich im Film weder Musik spiele noch höre. Es hat mir aber trotzdem viel gebracht. Es sind die Schwingungen eines Menschen, die man da aufnimmt. Weil Helmut Schmidt seine Emotionen meist ziemlich unter der Decke hält, war das sogar ein sehr guter Ansatz. Musik machen ohne Gefühle auszudrücken, geht nicht. Wie schlimm es für Helmut Schmidt ist, dass er heute keine Musik mehr hören kann, sieht man auch in einer Interviewpassage des Films.

teleschau: Christian Berkel spielte Helmut Schmidt in gleich zwei Filmen und heimste dafür viel Lob ein. Ist es für Sie von Vorteil, dass Sie den jungen Schmidt spielen, der im Bewusstsein der Zuschauer noch nicht so klar definiert ist?

Blochberger: Natürlich ist es leichter, weil es beim jungen Helmut Schmidt noch nicht so eine starke Prägung der Sehgewohnheiten gibt. Ich hatte sicher mehr Freiheiten als Christian Berkel. Andererseits könnte man sagen: Ich musste den bekannten, älteren Schmidt auf eine jüngere Version transponieren. Da stellt man dann Hypothesen auf. Man muss Fragen beantworten wie: War der schon immer so pflichtbewusst und selbstsicher? Wo sind die Anlagen für diese Art, oder gibt es Brüche, die zu diesen Charaktereigenschaften führten?

teleschau: Ist es generell leichter, eine fiktive Person zu spielen?

Blochberger: Eine reale Figur, die zudem noch am Leben ist, ist schwieriger zu spielen, weil man sich erst einmal von ihr frei machen muss. Wenn ich versuchen würde, Helmut Schmidt einfach nur zu kopieren, hätte ich schon verloren. Das Original ist immer besser. Für uns Schauspieler ist das Kopieren von Menschen zwar ein gutes Training, sich ein solches Kopieren im Film anzuschauen, wäre jedoch ziemlich langweilig. Ich versuche als Schauspieler den Schwerpunkt auf das Innere zu legen. Das ist es, worum es geht.

teleschau: Was dachten Sie, als Sie Bilder oder Filmaufnahmen von Helmut Schmidt sahen, als er so alt war, wie Sie heute?

Blochberger: Mein erstes Gefühl war meistens so etwas wie Unglaube. Ich bin jetzt 31 Jahre alt. Auf jenen Bildern, auf denen Helmut Schmidt so alt war wie ich heute, hätte ich ihn eher auf 40 geschätzt. Aber auch das muss man mitspielen. Diese Jungs, die im Krieg aufgewachsen sind und als Soldaten an der Front kämpften, haben Dinge erlebt, die spiegeln sich in ihren späteren Gesichtern. Es war im Prinzip eine Generation ohne Jugend.

teleschau: Haben Sie Helmut Schmidt kennengelernt?

Blochberger: Nein, noch nicht. Es wird eine Team-interne Vorpremiere des Films geben. So Gott will, werde ich dort auf ihn treffen. Ich werde aufgeregt sein. Aber auch gespannt, wie er den Film aufnehmen wird.

teleschau: Wie stellen Sie sich das Aufeinandertreffen vor?

Blochberger: Seltsam. Man trifft jemanden, den man aufgrund der Arbeit am Film sehr gut zu kennen glaubt. Der eine sagt "Schmidt", der andere "Blochberger". Doch er trifft da ja jemanden, den er wahrscheinlich gar nicht kennt. Wie gesagt, ich bin gespannt ...

teleschau: Für wen wird die Vorführung des Films stressiger sein - für Helmut Schmidt oder Sie?

Blochberger: Für einen Schauspieler ist es nie ganz leicht, sich einen Film anzusehen, in dem man selbst mitspielt. In welchem Job kann man sich schon selbst bei der Arbeit zusehen? Das können nur wir Filmschauspieler, und manchmal denke ich, dass diese Situation etwas Unnatürliches hat. Aber es entsteht Film um Film auch eine Art Archiv des eigenen Lebens. Nach dem Motto: Guck mal, so habe ich damals ausgesehen, gespielt, Gefühle übersetzt. Andererseits - wenn sich ein Mensch wie Helmut Schmidt sein eigenes Leben von Schauspielern verkörpert im Film angucken muss, ist das vielleicht noch weitaus seltsamer. Ich glaube, da gehört ungeheurer Mut dazu, sich dem auszusetzen. Und das auch noch vor einer Menge fremder Leute.

teleschau: Glauben Sie, den jungen Helmut Schmidt verstanden zu haben? Nun, nach dem Film ...

Blochberger: Manche Eigenschaften, die ich ergründen wollte, glaube ich verstanden zu haben. Ein zentraler Punkt war dieses unglaubliche Pflichtgefühl und seine pragmatische Art, mit Gefühlen umzugehen. Wesenszüge, die, wenn man seine Biografie betrachtet, jedoch recht logisch erscheinen. Es war die Zeit und dieses spezielle Elternhaus, was ihn prägte. Ganz bewusst steht am Anfang des Films eine Szene, in der Helmut Schmidts Vater seinem Jungen Fahrradfahren beibringen will, dieser Knirps auf einem viel zu großen Fahrrad sitzt und prompt hinfällt. Als er weint, regt sich der Vater auf und sagt: Da lachen wir doch drüber! Das ist die Atmosphäre, in der Helmut Schmidt groß geworden ist. Die emotionale Seite kam erst später durch seine Frau Loki zu ihm, denke ich.

teleschau: Trotz seiner Trockenheit ist Helmut Schmidt ein Mann, der uns sehr bewegt. Warum?

Blochberger: Ich möchte die Frage erst mal nur für mich beantworten. Zunächst steht da die Lebenserfahrung von 95 Jahren. Er ist im gleichen Jahr geboren, als der Erste Weltkrieg endete. Er hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Mit seinem Intellekt, der geistigen Klarheit und dem, was er alles im Leben gesehen und gemacht hat, ist Helmut Schmidt einfach ein unglaublich spannender Zeuge. Das, denke ich, fasziniert die Leute. Dazu kommt, dass er für viele Deutsche ein Begleiter eines Großteils ihrer Lebenszeit ist. Wir befinden uns heute in einer sehr schnelllebigen Zeit, in der sich ständig alles ändert. Da ist Helmut Schmidt auch ein Stück Stabilität. Zumal er sich immer treu geblieben ist.

teleschau: Viele Menschen sagen, Helmut Schmidt ist deshalb so populär, weil es die Wertestabilität, die er verkörpert, heute kaum noch gibt. Vor allem nicht in der Politik ...

Blochberger: Ja, das ist sicher ein wichtiger Punkt. Helmut Schmidt verkörpert Haltung, und die vermissen wir heute in vielen Bereichen des Lebens - vor allem im öffentlichen Bereich. Wahrscheinlich ist unsere Sehnsucht nach Haltung und Verlässlichkeit so groß, dass wir Helmut Schmidt vieles verzeihen. Eigentlich ist der Mann nämlich viel zu kauzig und unterkühlt, um ein Massenidol zu sein. Dass er es trotzdem ist, sagt viel über unsere Sehnsüchte aus.

Quelle: teleschau - der mediendienst