Clemens Schick

Clemens Schick





Der dunkle Freund

Nach dem James Bond-Film "Casino Royale", in dem Clemens Schick 2006 den Handlanger des von Mads Mikkelsen verkörperten Bösewichts spielte, waren sich alle einig, dass man den Mann alsbald in großen Hauptrollen sehen würde - zumindest in deutschen Produktionen. Zu viele Aspekte sprachen für den gebürtigen Tübinger: Der viril-attraktive 41-Jährige ist ein großartiger Schauspieler, der sein Publikum mit großer Präsenz und oft ein wenig ambivalentem Spiel zu berühren versteht. Dennoch blieb es bei wenigen Haupt- und zahlreichen Nebenrollen, in denen fast immer die dunkle Ausstrahlung Schicks stilisiert wurde. So auch im ARD-Thriller "Das Jerusalem-Syndrom" (Mittwoch, 11. Dezember, 20.15 Uhr). Schick, der als junger Mann selbst ein knappes Jahr im Kloster in Taizé lebte, spielt den Führer einer religiösen Sekte.

teleschau: Als junger Mann unterbrachen Sie Ihre Schauspielausbildung, um ein knappes Jahr im Kloster zu leben. Hat Sie Ihre Rolle in dem Film "Das Jerusalem-Syndrom" an jene Zeit erinnert?

Clemens Schick: Der Zugang zu den biblischen Texten, die ich in der Rolle spreche, ist mir relativ leicht gefallen. Weil ich in dieser Phase vor fast 20 Jahren ebenfalls viel in der Bibel las. Damals nahm ich die Bibel oft wörtlich. Natürlich hat mir das dabei geholfen, meine Figur ernst zu nehmen.

teleschau: Waren Sie in Ihrer Kindheit und Jugend sehr religiös?

Schick: Nein, überhaupt nicht. Ich war nur immer sehr neugierig. Schon als Kind hatte ich immer eine ungeheure Lust aufs Leben und den Willen, so viel wie möglich daraus zu machen. Das hat sich bis heute nicht verändert. Als ich mit der Schauspielausbildung begonnen hatte, merkte ich: Das ist mir zu wenig! Ich wollte radikaler leben. Der Schritt ins Kloster war für mich eine Form, radikal zu sein.

teleschau: Es gibt andere Formen der Radikalität als Klöster.

Schick: Aber es gab dort durchaus Anknüpfungspunkte für Ideen, die ich im Kopf hatte, die nicht nur mit Religion zu tun hatten. Ich habe schon immer das kapitalistische System in Frage gestellt, von dem ich heute zugegebenermaßen sehr gut lebe. Trotzdem denke ich, dass wir Menschen nicht überleben werden, wenn jeder - so wie in diesem System vorgesehen - vorwiegend an sich denkt. Das Kloster ist ein guter Ort, um solche Fragen zu bearbeiten.

teleschau: Warum sind Sie trotzdem auf die Schauspielschule zurückgegangen?

Schick: Ich bin nicht freiwillig zurückgegangen, sondern wurde im Kloster nicht genommen. Am Ende meiner Probezeit sagte man mir, dass ich die Berufung nicht habe. Da packte ich meine Sachen, und weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte, habe ich Schauspiel weiterstudiert. Eigentlich bin ich in diesen Beruf reingeschlittert. Ich habe mich nie dafür entschieden, weil es mein ein und alles war. Trotzdem macht mir heute mein Beruf sehr viel Spaß.

teleschau: Waren Sie sehr enttäuscht, als man Sie im Kloster nicht haben wollte?

Schick: Ja. Das war die erste richtig große Enttäuschung in meinem Leben.

teleschau: Aber man hat Ihnen nicht erklärt, wie man einen Berufenen vom Nichtberufenen unterscheidet?

Schick: Nein. Heute vergleiche ich das mit einem Vorsprechen als Schauspieler oder auch mit meiner Dozententätigkeit an der Filmakademie in Ludwigsburg. Wenn man Ahnung davon hat, worum es geht, sieht man sehr schnell, ob ein Mensch Talent für etwas hat oder nicht. So geht es den Mönchen im Kloster auch, schätze ich.

teleschau: Als Schauspieler verkauft man sich selbst. Einem Menschen, der den Kapitalismus kritisch sieht, müsste dies besonders schwerfallen. Wie lösen Sie diesen Widerspruch auf?

Schick: Ich verkaufe nicht mich, sondern meine Arbeit als Schauspieler in bestimmten Projekten. Deshalb sitzen wir gerade hier. Weil ich über ein Projekt rede und in diesem Zusammenhang über mich. Ansonsten vermeide ich private Äußerungen oder Vermarktungen. Mein Beruf ermöglicht mir unglaublich viel, das weiß ich. Und ich liebe es, gute Geschichten zu erzählen. Das Erzählen von Geschichten ist meine eigentliche Motivation für diesen Beruf. Das war schon so, als ich noch am Theater war.

teleschau: Spielen Sie noch Theater?

Schick: Sehr wenig bis gar nicht. Mein Beruf ist jetzt Filmschauspieler. Ich drehe immer mehr im Ausland, das macht es zusätzlich schwieriger, am Theater etwas zu spielen.

teleschau: Seit Ihrer Rolle im James-Bond-Film "Casino Royale" erwarten viele Leute, dass man Sie bald in großen Hauptrollen sieht. Warum ist es bis jetzt nur selten dazu gekommen?

Schick: Ich sehe das als Prozess. Warten Sie noch ein bisschen, dann kommen auch die Rollen, von denen Sie sprechen.

teleschau: Aber hätte es nicht schon längst passieren müssen? Sie bringen alles mit: Talent, Aussehen, Ausstrahlung...

Schick: Ich glaube, dass ich manchmal sperrig bin. Am Theater war ich eindeutig Protagonist, dafür habe ich aber auch zehn Jahre gebraucht. Ich bin nie jemand gewesen, dem die Hauptrollen zugeflogen sind. Nun mache ich seit sechs Jahren Film, und alles bewegt sich in die richtige Richtung. Anfang 2014 kommt beispielsweise ein brasilianischer Film in die Kinos, in dem ich eine Hauptrolle spiele. Ich mache mir keine Sorgen, dass es schlecht läuft für mich. Im Gegenteil.

teleschau: Wie meinen Sie das, wenn Sie sagen, dass Sie manchmal sperrig sind?

Schick: Am Theater kommt man anders zu seinen Rollen. Da unterhält sich der Regisseur mit dem Leiter des Theaters, wen er für eine Rolle haben möchte und damit ist das Thema beendet. Beim Film reden sehr viel mehr Leute mit: verschiedene Redaktionen, Produzenten und so weiter.

teleschau: Sie wollen darauf hinaus, dass man als Typ konsensfähig sein muss, um erfolgreich zu sein. Sind Sie ein Typ, der zu sehr polarisiert?

Schick: Das haben Sie gesagt. Ich höre aus den Fragen heraus, dass Sie wissen wollen, warum es nicht so läuft, wie es laufen könnte. Das ist jedoch nicht mein Empfinden. Ich bin nicht unzufrieden mit meiner Karriere. Ich habe einen sehr, sehr langen Atem. Ich bin Langstreckenläufer, auch als Schauspieler. So lange ich merke, dass der Lauf in die richtige Richtung führt, bin ich komplett entspannt.

teleschau: Wenn Sie sagen, dass Sie erst seit sechs Jahren Filme drehen, war Ihr Part als James Bond-Bösewicht eine Ihrer ersten Rollen vor der Kamera.

Schick: Richtig, deshalb bin ich vom Theater weggegangen.

teleschau: Wie kommt man als relativ unbekannter deutscher Theaterschauspieler an so eine Rolle?

Schick: Durch ein ganz normales Casting. Man hat damals keinen explizit deutschen Schauspieler gesucht. Die Casterin, die seit anderthalb Jahrzehnten alle James-Bond-Filme castet, hat überall auf der Welt Leute ihres Vertrauens, die ihr Schauspieler empfehlen. So kam sie auf mich.

teleschau: Wie war das, als man Ihnen zum ersten Mal sagte, dass man Sie für einen James-Bond-Film haben will?

Schick: Das hatte etwas Surreales. Ich habe damals Richard III. geprobt, am Schauspielhaus in Hannover. Richard III. ist eine der brutalsten und forderndsten Theaterfiguren, die man sich vorstellen kann. Ich war ziemlich am Ende mit meiner Energie, was für das Casting ziemlich gut war. Ich hatte keine Kraft mehr, nervös zu sein. Und es war natürlich eine gute Eintrittskarte beim Casting zu sagen: Hallo, ich komme gerade von einer Vorstellung als Richard III. Klar habe ich mich gefreut. Aber das ist wie oft im Leben, wenn man eine einschneidende, wenn auch gute Nachricht bekommt. Man denkt daran, was sich alles ändert im Leben. Man fängt an, zu organisieren und zu planen. Ich wusste, ich muss aus dem Theater raus für sechs Monate. Solche Dinge. Man funktioniert einfach weiter - aber natürlich mit einem guten Grundgefühl.

teleschau: Welche Strategie verfolgen Sie als Schauspieler, wenn es ums Annehmen oder Ablehnen von Rollen geht?

Schick: Als freischaffender Schauspieler muss man sich immer zwischen Traum, Anspruch und Realismus bewegen. Am schönsten ist es, wenn diese drei Dinge bei einem Projekt zusammenkommen. Es ist aber relativ selten. Dieser brasilianische Arthouse-Film von dem ich sprach, "Praia do Futuro", an dem haben wir sieben Monate lang mit relativ geringem Budget gearbeitet. Danach muss ich sehen, wie ich das finanziell wieder ausgleiche. Trotzdem würde ich nie auf solche Projekte verzichten. Im Gegenteil - deswegen mache ich diesen Beruf.

Quelle: teleschau - der mediendienst