Lady Gaga

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"Kauft meinen Arsch!"

Breitbeinig sitzt Lady Gaga da, mit einer blauen Glaskugel zwischen den Beinen. Ihre Haut sieht aus wie Elfenbein, ihr Blick wirkt irgendwie leer. Man muss schon ganz genau hinsehen, um zu bemerken, dass es sich auf dem Cover ihres neuen Albums nicht um die echte Lady Gaga handelt - sondern eine Kopie. Genauer gesagt: um eine Skulptur von Künstler Jeff Koons. Denn wo "Artpop" draufsteht, ist bei der exzentrischen Pop-Königin auch Kunst drin. Daran lässt die 27-jährige New Yorkerin beim Interview im Berliner Hotel Ritz-Carlton keinen Zweifel.

teleschau: Zur Albumveröffentlichung veranstalten Sie einen "Artrave" in New York. Was genau ist das?

Lady Gaga: Beim "Artrave" enthüllen wir die Skulptur, die der New Yorker Künstler Jeff Koons von mir für das Album-Artwork gemacht hat. Und wir werden erstmals Volantis vorstellen. Das ist ein vom Haus of Gaga designtes Fashion-Technologie-Bekleidungsstück, an dem Raketen-Ingenieure gearbeitet haben. Das alles passiert um Mitternacht am 11. November.

teleschau: An diesem Tag beginnt in Deutschland der Karneval ...

Lady Gaga: Mag sein. Die Zahl ist auch wichtig, denn sie führt zum Zentrum des Universums. Es wird ein Moment der Transzendenz. Wir werden beim "Artrave" eine spirituelle Erfahrung haben mit der Kunst von Jeff, meiner Musik und der ganzen Welt, die via Livestream im Internet dabei zusieht.

teleschau: Wie kam es überhaupt zu der Zusammenarbeit?

Lady Gaga: Ich hatte mir die Skulpturen von Jeff Koons angesehen. Und es war ein ganz neues Gefühl für mich. Wenn ich die Straßen entlanglaufe, sind überall Kameras und Blitzlichter auf mich gerichtet. Leute kreischen, weinen, rufen meinen Namen. Aber wenn ich in einer Galerie mit seiner Kunst bin, bedeute ich absolut nichts. Das ist unglaublich befreiend!

teleschau: Und dort wurde die Idee für "Artpop" geboren?

Lady Gaga: Es fing eigentlich damit an, dass ich immer wieder leise das Wort "Artpop" sagte, es war wie ein Mantra. Irgendwann befahl ich mir: "Nimm endlich den Telefonhörer in die Hand und ruf Jeff Koons an!" Dass ich als junge Künstlerin zu einer lebenden Legende wie ihm gehen kann, er mir die Hand reicht und wir zusammenarbeiten, war unglaublich inspirierend. Deshalb singe ich in "Applause" auch: "One second I'm a Koons, then suddenly the Koons is me"!

teleschau: Aber was ist denn "Artpop" genau?

Lady Gaga: Es ist viel größer als ich! Es geht um den Austausch zweier Auren: eine aus dem Bereich der Kunst, eine aus dem Bereich des Pop. Und beide Seiten stimmen überein, dass sie die Kunst voranstellen. Ich war als junges Mädchen fasziniert von Popart und von Andy Warhol, der sich der Celebritys für seine eigene Kunstform bediente. Regelrecht besessen war ich davon! Also drehte ich das Wort Popart einfach um. Warum kam ich nicht früher auf die Idee?

teleschau: Was geben Ihnen die ganzen Kollaborationen für die Platte?

Lady Gaga: Ich bin zum ersten Mal richtig zufrieden. Ich fühlte mich mein ganzes Leben wertlos, weil ich mir sicher war, nie etwas Großartiges erschaffen zu können. Ich quälte mich seit Kindheitstagen mit dem Gedanken, dass ich nie ein Da Vinci sein werde. Kein Van Gogh. Nie ein Jeff Koons. Und plötzlich stehst du neben einer Skulptur, die dein ganzes Leben verändert. Weil du realisierst, dass es in Ordnung ist, dass du nie wie sie sein wirst. Denn zu wem solltest du dann noch aufschauen?

teleschau: Die Konzeptkünstlerin Marina Abramovic ließ Sie für ein Video nackt durch den Wald laufen.

Lady Gaga: Zwischen Marina und mir fand ein echter Austausch statt! Auf gewisse Weise rettete sie mir das Leben. Denn obwohl ich viel Disziplin habe, brauche ich immer einen Mentor, um psychisch stabil zu bleiben und nicht verrückt zu werden. Ich will schließlich die Welt verändern. Ich will den Leuten den Unterschied zwischen einem verdammten Handy-Bild und echter Kunst erklären. Meine Fans sollen wissen, dass sie Kunst erschaffen können. Aber dann müssen sie auch bereit sein, die Arbeit zu machen. Denn Kunst ist harte Arbeit.

teleschau: Wie sind Sie auf den deutschen DJ Zedd aka Anton Zaslavski gekommen?

Lady Gaga: Wir lernten uns vor Jahren in einem Nachtclub kennen. Er spielte mir dort seine Musik über Kopfhörer vor, und es gefiel mir, was ich hörte. Ich sagte ihm, ruf mich an, und er tat es. Wir sind sehr gute Freunde. Die Musik dokumentiert, wie es sich anfühlt, mit solchen tollen Künstlern zu arbeiten. Das Adrenalin und die echte Freude. Das ist es, was du fühlst, wenn du das Album hörst. Es ist so, als würde man 1.000 Tassen Kaffee trinken.

teleschau: Dabei posteten Sie noch vor Kurzem Sätze wie "Lady Gaga is over" oder "Lady Gaga is fat" auf Ihrem Twitter-Account ...

Lady Gaga: Ich wollte meine Fans nur in den Gemütszustand versetzen, den ich hatte, als ich die Platte schrieb! Ich erinnere mich noch genau, als meine Mutter mich auf Tour anrief und sagte: "Du bist überall in den Nachrichten. Alle sagen, dass du fett bist." Und ich dachte: Herrje, ist das traurig - traurig für diese Welt! Wen kümmert's, wie viel ich wiege, wenn zur gleichen Zeit Menschen irgendwo verhungern oder diskriminiert werden, weil sie schwul sind oder einen anderen Glauben haben?

teleschau: Und diese Gedanken beeinflussten auch Ihre neue Platte "Artpop"?

Lady Gaga: Absolut. Es ist der perfekte Zeitpunkt, um der Welt zu sagen: Ihr werdet nicht mein Herz bekommen, ihr werdet nicht meine Seele bekommen, aber nehmt meinen Körper. Kauft meinen Arsch! Deshalb ist auf meiner neuen Single "Do What You Want" auch mein Hintern auf dem Cover abgebildet!

teleschau: Und dass das in eine trashige Richtung abgleiten könnte, befürchten Sie nicht?

Lady Gaga: Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Grenzen zwischen Müll und Kunst fließend sind. Jeder hat ein verdammtes Mobiltelefon und kann ein Foto machen. Aber die Wahrheit ist: Nur weil du eine Kamera hast, heißt das nicht, dass du ein Foto machen kannst, das Kunst ist. Und deshalb gibt es mein Album "Artpop". Ich bin hier, um alle daran zu erinnern, dass es viel Disziplin, Ehrgeiz, Talent, Antrieb und Leidenschaft erfordert, um wahre Kunst zu machen.

teleschau: Und dazu gehört für Sie auch, sich nackt zu zeigen?

Lady Gaga: Mit meiner Nacktheit befreie ich mich aus meinem Gefängnis! Denn die Leute bringen mich ständig mit Klamotten in Verbindung. Es geht bei mir immer um Mode, richtig? Um meine Kostüme, meine Perücken, mein Haar! Und nun ziehe ich das alles aus, und die Leute reden immer noch über Äußerlichkeiten, anstatt zu schauen, wer ich wirklich bin.

teleschau: Dieses Jahr scheint ohnehin das Jahr der Nackten zu sein ...

Lady Gaga: Bitte packen Sie mich nicht in eine Schublade mit Miley Cyrus oder Rihanna. Auf die Idee würde ich niemals kommen! Es geht um den Kontext. Es geht darum, warum die Kleider fallen. Alle wollen nackt sein. Aber warum bist du nackt? Bei mir steckt immer eine Idee dahinter. Was ich mache, ist Kunst.

teleschau: Sie mussten aufgrund einer Hüftverletzung lange pausieren. Wollen Sie wieder auf Tour gehen?

Lady Gaga: Das will ich, im nächsten Jahr. Das wird der schwierigste Part an "Artpop". Denn die visuelle Umsetzung muss sehr detailliert und perfekt sein. Ich arbeitete für meine Performance bei den MTV Video Awards mit Robert Wilson zusammen, der ja auch in Berlin wunderbare Theater-Shows macht. Dieser eine Auftritt brauchte Monate an Vorbereitung. Entweder werde ich bei meinen "Artpop"-Shows eine visuelle Explosion erzeugen. Wenn ich aber nur wenig Zeit zur Verfügung habe, werde ich genau das Gegenteil machen - es einfach mal ganz schlicht halten.

Quelle: teleschau - der mediendienst