Sebastian Bezzel

Sebastian Bezzel





Die Provinz ist unheimlich

Wer sich vor Regionalkrimis fürchtet und die Begriffe "heiter" sowie "tödlich" nur spöttisch in einen Satz packt, sollte sich unbedingt "Dampfnudelblues. Ein Eberhoferkrimi" ansehen (Do., 05.12., 20.15 Uhr, ARD). Nicht nur, weil die erste Verfilmung der niederbayerischen Krimis von Rita Falk zu einer kleinen Sensation im Kino wurde: 500.000 Besucher allein in Bayern, obwohl der Film eigentlich nur fürs Fernsehen produziert wurde. Nein, "Dampfnudelblues" zeigt, dass Tragik und Komik, dass pointierte Regionalität ohne Folklorismus im gleichen deutschen Film funktionieren. Hauptdarsteller Sebastian Bezzel, der dem schluffigen Dorfpolizisten Franz Eberhofer eine geniale Note verleiht, über das Wesen des Bayerischen und einen außergewöhnlichen Glücksfall in Sachen Regionalkrimi-Verfilmung ...

teleschau: Herr Bezzel, gibt es so etwas wie bayerischen Humor?

Sebastian Bezzel: Ja. Und der hängt mit der Geschichte dieses Landes und Volkes zusammen. Damit, dass es auf der einen Seite immer wahnsinnig konservativ und katholisch war - da ist der Humor auch so eine Art Notwehr. Andererseits war Bayern einfach lange ein Agrarstaat, wo das Leben sehr hart war. Dadurch hat sich in Bayern ein trockener Humor entwickelt, der oft sehr schwarz ist und mit wenigen Worten funktioniert.

teleschau: Sie haben mal gesagt, dass Sie den bayerischen Humor mögen, weil er Zweifel am Leben zulässt. Wie war das gemeint?

Bezzel: Der Humor wird ja immer dunkler, je weiter man südöstlich kommt. In Wien ist es ja schon eine herzerfrischende Lebensverneinung. Im bayerischen Humor wird eben nichts ausgeklammert. Man kann auch einen, der schwer krank ist, liebevoll mit ein, zwei Worten hops nehmen. Und das hat eben damit zu tun, dass es früher immer ein schweres Leben war in Bayern. Im Humor zeigt sich dieses Leben. Die Sprüche haben ja auch immer etwas Philosophisches. Manchmal finde ich im bayerischen Humor eine Nähe zu dem, was man als jüdischen Humor bezeichnet. Wenn ich Woody Allen sehe, sind das oft tieftraurige Sachen, über die da nachgedacht wird. Es ist ein Humor, der aus harten und traurigen Erfahrungen heraus entstanden ist. Und trotzdem ist der Humor da, um dieses Leben wieder leicht zu machen, was schön ist. Ich mag es immer gerne, wenn Humor etwas über das Leben als Ganzes verrät.

teleschau: Wenn sich die Kargheit des Humors aus dem Landleben speist, heißt das im Umkehrschluss: Städtischer Humor ist ganz anders?

Bezzel: Ich glaube, er ist schneller. In Bayern gibt es auch einen städtischen Humor. "Monaco Franze" ist ein tolles Beispiel für Humor, wie er aus München kommt. Natürlich ist auch der in der Sprache vom Bayerischen beeinflusst. Ich glaube, dass der Bayer an sich in seiner Sprache immer schnell zum Ziel kommen will. Das ist dann fast wie im Englischen - man braucht weniger Worte, um das gleiche zu sagen.

teleschau: "Dampfnudelblues" ist zwar ein toller Film, aber eben auch wieder ein Krimi. Von denen gibt es im deutschen Fernsehen schon sehr viele. Sollte man nicht auch mal wagen, Dinge in anderen Formaten zu erzählen?

Bezzel: Man sollte sowieso immer etwas wagen und - ja - es gibt wirklich sehr viele Krimis im deutschen Fernsehen. "Dampfnudelblues" ist für mich aber kein Krimi. Ich finde, es ist ein Film über den Eberhofer, über Menschen auf dem Land, über Einsamkeit. Klar, wir haben mal wieder einen Kriminalfall. Das Schöne ist aber, dass der Eberhofer eigentlich fast komplett im illegalen Bereich ermittelt. Weil das, was er da macht, darf er eigentlich gar nicht. Deshalb ist es auch ein bisschen ein Abenteuerfilm, in dem es darum geht, was sich der Eberhofer alles traut - mit seinem Freund Birkenberger. Und dass deren Taten auch nicht groß in Frage gestellt werden ...

teleschau: Kriminalgeschichten, die in der Provinz spielen, behaupten gerne, dass es dort besonders abgründig zugeht. Halten Sie die Provinz tatsächlich für abgründiger als die Großstadt?

Bezzel: Nicht unbedingt abgründiger, aber unheimlicher. Klar, es ist auch ein Trugschluss: Wenn in der Provinz etwas Schlimmes passiert, nennt man es abgründig. In der Großstadt wäre es normal. Ich persönlich finde trotzdem, dass es in der Provinz gruseliger ist. Und ich mag da lieber Krimis erzählen. Es ist diese Stille. Man hat diese Fassaden, die immer aufrechterhalten werden, die einem Angst machen. Wenn hinter gepflegten Vorgärten und sauberen Fassaden schlimme Dinge passieren, hinterlässt das einfach den tieferen Eindruck. Ich habe als Kind mal die Verfilmung von "Es geschah am hellichten Tag" mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe gesehen. Danach war ich fertig mit der Welt. Dürrenmatt war ohnehin ein Meister des Horrors in der Provinz, zum Beispiel in "Der Richter und sein Henker". Die Provinz verdichtet alles. In der Stadt sind die Defizite des Menschen viel offensichtlicher und sie erscheinen trivialer.

teleschau: Das fiktive Niederkaltenkirchen spielt ja durchaus eine Hauptrolle in "Dampfnudelblues". Der Ort musste eine gewisse Tristesse widerspiegeln ...

Bezzel: Wichtig an diesem Stoff ist, dass er in Niederbayern, nicht in Oberbayern spielt. Niederbayern ist das Finnland Bayerns oder sogar Deutschlands. Es ist dort viel karger und rauer, weniger großmannssüchtig. Einfach auch nicht so aufgehübscht und rausgeputzt wie Oberbayern. Ich selbst bin Oberbayer, mag aber das Niederbayerische mittlerweile sehr gern. Weil es schlichter und ruhiger ist. Da gibt es keine geschnitzten Balkone mit Geranien drauf, keine Dirndl und fetten Gamsbärte am Hut. Diese Abwesenheit schätze ich. Wir haben teilweise in Niederbayern gedreht, aber auch östlich von München. Ansonsten könnte dieser Ort überall in der Provinz sein. Die Mechanismen sind gleich. Es gibt diese immer gleiche Clique aus Kumpels, die man schon ewig kennt. Und die eine Dorfschönheit, die jeder haben will und wo es das Größte ist, die dann auch zu bekommen. Diese Dinge versteht man überall auf dem Land ...

teleschau: Der Film wurde eigentlich fürs Fernsehen gedreht, ist dann in Bayern in die Kinos gekommen und war dort sehr erfolgreich. Hat Sie das überrascht? War es eine Genugtuung für Sie als Schauspieler?

Bezzel: Nein. Genugtuung klingt immer so, als hätte man zuvor eine Demütigung erlebt. Es ist einfach nur eine große Freude für mich, was mit dem Film passiert ist. Es hat tierisch Spaß gemacht, das zu drehen. Was ganz stark am Regisseur Ed Herzog liegt. Weil er ein toller Regisseur ist und auch ein netter Kerl. Eine Stärke des Films ist es, dass er bis zur kleinsten Rolle mit nur einem Satz fantastisch besetzt ist. Mit guten Typen. Beim Drehen hofft man immer, dass man einen guten Film macht. Als ich von der Constantin-Film erfahren habe, dass sie das Ding im Kino laufen lassen wollen, fand ich das erst mal lustig. Aber es ist oft so, dass Filme im Kino genau dann funktionieren, wenn sie eigentlich ganz ohne Druck dort laufen. Dass dieser schwarze Humor in Bayern funktioniert, das hat mich nicht überrascht. Dass aber knapp 500.000 Besucher in nur einem Bundesland kommen, schon eher. Das ist natürlich großartig. Trotzdem ist es wichtig, dass es auch am 5. Dezember im Fernsehen funktioniert, dass wir da auch eine schöne Quote haben.

teleschau: Sie meinen, wichtig im Sinne einer Fortsetzung. Ist denn eine geplant?

Bezzel: Ja, eventuell ist eine Fortsetzung geplant. Es besteht von allen Seiten Interesse, die Eberhofer-Geschichten fortzusetzen - natürlich auch von meiner (lacht).

teleschau: Hat es besonderen Spaß gemacht, diesen schluffigen Polizisten zu spielen, der unter seiner aufgeknöpften Uniform immer ein Hardrock-T-Shirt zu tragen scheint?

Bezzel: Tut er auch! Ich habe schon sehr oft Polizisten gespielt und hatte eigentlich keine Lust mehr dazu. Aber der Eberhofer ist etwas Besonderes, weil in der Realität könnte der ja nicht so sein. Er ist gewissermaßen eine Idealfigur und ich weiß von der Autorin Rita Falk, dass ihr viele Polizisten gesagt haben: So wie der wären wir gerne! Was ich am Eberhofer mag: Der ruht so in sich selbst. Er lässt sich nicht durch Äußerlichkeiten oder falschen Karriereehrgeiz aus der Bahn bringen. Und diese Form, wie er ja auch in seine Fälle rutscht, die besteht auf der einen Seite aus Neugier und auf der anderen Seite aus so einer Verarschen-lass-i-mi-net-Haltung. Das ist das Grandiose an der Figur, die natürlich auch von diesem Setting lebt. Der Tatsache, dass um sie herum alles so sicher und fest ist: Vater, Oma, die Freunde, die Freundin. Dass der auch alles einfach so lassen kann. Es ist einfach herrlich zu spielen, weil man in dieser Figur komplett den Druck rausnehmen kann.

teleschau: Der Eberhofer ist aber auch eine sehr melancholische Figur. Oder würden Sie eher sagen: phlegmatisch?

Bezzel: Ich würde sagen, er ist Melancholiker. Ein bisschen Phlegma kommt dazu oder besser gesagt: Er ist manchmal eine faule Sau. Auf jeden Fall hat er auch schon die eine oder andere Verletzung und Niederlage erlebt. Daher kommt die Angst, sich zu binden. Der Eberhofer hat auf jeden Fall Angst davor, emotional verletzt zu werden. Deswegen hält er meist ein bisschen Distanz.

teleschau: Es gibt ja diesen Trend zum Regionalkrimi. Gerade Bayern ist in diesem Genre stark vertreten - ob die Ermittler jetzt Eberhofer, Kluftinger oder Hubert und Staller heißen. Woher kommt dieser Trend?

Bezzel: Angefangen hat das Ganze in der Literatur: der Kluftinger, dann von Jörg Maurer "Jennerwein" - aus Garmisch. Rita Falk. Ich finde das alles sehr nachvollziehbar. Alles in der Welt wird immer allgemeiner, größer, globalisierter. Man guckt sich "CSI Las Vegas" an und kriegt plötzlich so ein Buch in die Hand, wo man jeden Misthaufen des Handlungsortes kennt. Das ist natürlich schön. Irgendwie kann man in einem kleinen Kosmos das große Ganze auch viel besser darstellen. Indem man sich quasi klein hält, kann man - von der Story her - größer werden. Das ist schon immer meine These gewesen, auch bei Filmen. Das Regionale funktioniert gerade auch in Deutschland, weil wir ein Provinzstaat sind. So weit ich weiß, hat Rita Falk aber auch viele Fans in Norddeutschland. Bayerisch kommt eben immer gut. Ich sage immer, bayerische Filme sind immer auch ein kleiner Urlaub. Trotzdem müssen die Fälle gut sein, und es muss auch gut geschrieben sein.

teleschau: Sie haben eine lange Geschichte mit bayerischen Rollen. Haben Sie mal analysiert, woher das kommt, dass man Sie so gerne als Bayer besetzt?

Bezzel: Natürlich gibt es Schauspieler, die bayerisch sprechen. Aber so groß ist der Kreis dann auch wieder nicht. Ich habe auf Bayerisch einfach immer meine Chancen bekommen und konnte sie nutzen. Ich habe etwas Bayerisches an der Schauspielschule vorgesprochen und wurde daraufhin genommen. Meine erste Rolle am Residenztheater war etwas Bayerisches, meine erste Fernsehhauptrolle und meine erste Kinohauptrolle. Irgendwann ist dann natürlich klar: Der Bezzel, der kann das. Und wie das so ist, wird man dann auch öfter gefragt. Wobei ich für den Eberhofer ganz normal beim Casting war. Es war nicht so, dass die gleich gesagt haben: Wir nehmen mal den Bezzel. Es haben diverse Leute für die Rolle vorgesprochen, und ich hatte das Glück, dass man sich für mich entschieden hat. Was ich allerdings nicht mag, ist diese Tendenz in Bayern, dass man versucht, jedes Stück ins Bayerische zu übersetzen. Das nervt mich dann. Ich brauche zum Beispiel nicht "Der zerbrochene Krug" auf Bayerisch. Den finde ich bei Kleist wunderbar - so wie er ist.

teleschau: Müssen Sie als Schauspieler aufpassen, dass es nicht zu viele bayerische Rollen werden?

Bezzel: Ich kann ja ganz normal Hochdeutsch. Die Gefahr gibt es schon. Und ich weiß, dass Leute schon gesagt haben: Den besetzen wir nicht, der ist zu bayerisch.

teleschau: Im "Tatort" spielen Sie keinen Bayern. Ohnehin gibt es dort ja einen gegensätzlichen Trend. Nicht den zur Regionalität, sondern zur regionalen Austauschbarkeit. Woher kommt das?

Bezzel: Die ganze "Tatort"-Nummer ist meiner Meinung nach in den letzten Jahren ziemlich aus dem Ruder gelaufen. In den zehn Jahren, in denen ich jetzt "Tatort" mache, hat sich das Format sehr verändert. Ich bin damals als eigentlich unbekannter Schauspieler zu dieser Rolle gekommen. Das wäre heute gar nicht mehr möglich. In den letzten zehn Jahren wurde aus dem "Tatort" - dem Fernsehkrimi am Sonntag - ein hochgezüchtetes Produkt. Jetzt spielen nur noch die bekanntesten Schauspieler Deutschlands die Kommissare, und es gibt auch so einen komischen Wettbewerb. Zum Beispiel: Wer hat den abgründigsten Kommissar? Jeder versucht, eine ganz eigene Farbe da reinzubringen. Til Schweigers erster Tatort war ein Action-Film, und die Münsteraner oder das Saarland setzen sehr auf Humor. Da sind natürlich immer wieder super Filme dabei, aber dass das ganze Drumherum so groß geworden ist, nervt mich ein bisschen. Mir ist das alles manchmal ein bisschen zu viel.

teleschau: Sie leben als Bayer in Hamburg. Was vermissen Sie am meisten?

Bezzel: Ich vermisse nichts, alles ist wunderbar. Gut, klar - manchmal die Berge. Ich bin südlich von München aufgewachsen, da fehlen mir ab und zu die Landschaft und ein paar Freunde. Aber dann fahre ich halt da runter. Mein Job erlaubt mir das. Ich arbeite ja auch immer wieder unten. Ansonsten geht's mir in Hamburg sehr gut. Meine Frau und meine Kinder sind hier. Wir wohnen nah an der Elbe, was ich sehr schön und sehr spannend finde. Ich kann mich nicht beschweren ...

teleschau: Und schärft es den Blick auf Bayern, wenn man so weit weg wohnt?

Bezzel: Absolut. Es ist interessant, wenn der Herr Seehofer mit absoluter Mehrheit wiedergewählt wird und in der Woche drauf noch ein gutes Bundestagswahl-Ergebnis einfährt, dann kann man mit Abstand besser sehen, wie feist die da unten in München auftreten - also, die Damen und Herren von der CSU. Es ist mir nicht mehr so aufgefallen, als ich noch in Bayern lebte. Weil man dort den ganzen Tag von diesem Wahnsinn umgeben war. Wenn ich das aber jetzt sehe, kann ich es kaum glauben. Die führen sich auf, als hätten sie 50 Prozent in ganz Deutschland geholt, dabei war das nur in einem Bundesland. Manchmal lüftet es durch, in Hamburg zu wohnen. Wenn ich zwei, drei bayerische Sachen am Stück gedreht habe, tut es gut, in den Norden zu kommen und einfach etwas Anderes zu haben - auch wenn ich Bayern sehr liebe.

Quelle: teleschau - der mediendienst