Tore tanzt

Tore tanzt





Du Opfer!

Kleines Wunder am Wegesrand gefällig? Auf einem Rastplatz helfen Tore (Julius Feldmeier) und Eule (Daniel Martin), das Auto von Benno (Sascha Alexander Gersak) wieder in Gang zu bringen. Ein Starterkabel besitzen die beiden religiösen Punks nicht. Aber wozu sind sie Jesus Freaks? Sie bilden einen Energiekreis und bitten Jesus, den Wagen anspringen zu lassen: "Das wäre fett!" Zu Bennos Verblüffung funktioniert es. Seine abfälligen Bemerkungen über Religion sind nicht frei von Bewunderung. Wenn er später Tore nach einem epileptischen Anfall beim wilden Tanzen fürsorglich auf starken Armen trägt, glaubt man an den Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Aber sieht man ihn das nächste Mal so, hat sich "Tore tanzt" längst in sadistischen Horror verwandelt.

In die Kapitel "Glaube", "Liebe", "Hoffnung" ist das Debüt der Hamburger Filmemacherin Katrin Gebbe gegliedert. Der positive Dreiklang wird durch den Verlauf der Geschichte konterkariert. Nach einem Streit mit Eule zieht Tore, Anfang zwanzig, zu Benno, dessen Freundin Astrid (Annika Kuhl), deren halbwüchsiger Tochter Sanny (Swantje Kohlhof) und deren Sohn Dennis (Til Theinert) in die Schrebergartensiedlung. Benno, wahrscheinlich kriminell und ständig blank, genießt eine Weile lang die Kuriosität, einen Betenden am Tisch zu haben.

Aber sei es aus Langeweile, sei es aus Eifersucht über die zärtlichen Bande zwischen Tore und Sanny, die er schlägt und missbraucht - Benno fängt an, den jungen Mann zu verprügeln, zu demütigen, ihm sein Geld abzunehmen, ihm verdorbenes Essen zu verabreichen und ihn sogar auf den Strich zu schicken. Tore wehrt sich nicht. Im Gegenteil. Nur Sanny versucht ihn zu retten.

"Tore tanzt" stützt sich auf den realen Fall eines furchtbar gequälten geistig Zurückgebliebenen. Diese Grundlage wird beinahe zur Achillesferse des Films. Wer wie Tore keineswegs geistig behindert ist, sondern sich aus religiöser Überzeugung nachgiebig bis zur Selbstaufgabe verhält, wählt sich diese Rolle ein großes Stück weit selbst. Es fehlen die Unsicherheiten, die damit verbunden sind. Allzu eindeutig heißt es aus dem Off von Tore, Benno sei "seine Prüfung", als wäre er der leibhaftige Teufel.

Mag "Tore tanzt", der gore-artige, aber nie selbstzweckhafte Gewalt-Details enthält, auch individualpsychologisch hinken, als postmodernes Passionsspiel und sozialpsychologisches Lehrstück gewinnt der chromatisch düster gehaltene Film auf ganzer Linie. Brillant verkörpern die beiden männlichen Hauptdarsteller orientierungslose Menschen dieser Zeit: Der eine sucht Halt in der Brutalität, der andere in der Opferhaltung. Der diesjährige, umstrittene (einzige) deutsche Cannes-Beitrag lohnt das Mitleiden, braucht aber Nerven- und Magenstärke.

Quelle: teleschau - der mediendienst