Am Hang

Am Hang





Szenen einer Ehe

Nicht nur der gute Alfred Hitchcock wusste schon, dass aus Groschenheften die besten Filme zu machen sind. Umgekehrt eignet sich gute Literatur nicht unbedingt für sehenswerte Verfilmungen. Wenn also der Zürcher "Tages-Anzeiger" behauptet, "Am Hang", der 2004 erschienene Roman von Markus Werner, sei "ein Wunder an Ökonomie, Sprachbewusstsein, Gestaltungskunst und Anspielungsreichtum", möchte man jedem Produzenten und Regisseur anraten, doch besser die Finger von einer Verfilmung zu lassen. Aber der Stoff lockte und die Sender (Schweizer Fernsehen, ARTE, BR) unterstützten ...

Markus Imboden packte ordentlich zu, erfand er doch zur dialogisch psychologisierenden Vorlage reichlich deutliche Rückblenden-Bilder und eine weibliche Hauptfigur, die in der Vorlage nur in den Köpfen zweier Männer schwebt. Schon die erste Szene des Films ist an Drastik kaum zu überbieten. Da steht ein Mann auf freier Flur am Bahngeleise, ein Zug donnert heran. Der Mann wird von einem hilfreichen Menschen fortgerissen - wurde ein Suizidversuch verhindert?

Dass der möglicherweise lebensmüde Felix (Henry Hübchen) kurz darauf in einem Hotelzimmer zum Revolver greift, um russisches Roulette damit zu spielen, legt den Gedanken an großen Weltschmerz nahe. Zumal ein auf ein anderes Hotelfenster gerichtetes Fernrohr sowie ein auf dem Anrufbeantworter seiner Frau landender Appell an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Hier ist ein Stalker am Werk, der offensichtlich eine schwere private Krise durchleidet.

Der Zufall, der sonst gerne Kommissar, hier aber einfach Schicksal spielt, will es, dass sich der Lebensmüde und sein Retter Thomas (Maximilian Simonischek) im Restaurant des Hotels wieder begegnen. Und bald findet - kaum zu glauben - der Krisenmensch, übrigens Cellist im Winterthurer Stadtorchester, heraus, dass sein Gegenüber eben jener Mensch ist, der ihn indirekt in die Krise stürzte. Während die Romanvorlage mit dieser Erkenntnis zu Recht sehr lang hinter dem Berg hält, legt der Film allzu früh die Karten auf den Tisch. Nach einem hölzernen Disput über die wahre Liebe, die wohl wie ein Schmetterling sei und den Wert der Ehe, die vom Lebensmüden mit einer wahren "Heimat" von unschätzbarem Wert verglichen wird, ist bald klar: Die Geliebte, die sich Thomas als Bettina vorstellte, kann nur Valerie (Martina Gedeck), die Frau des Cellisten, gewesen sein.

Gewesen? - Mit aller Deutlichkeit werden uns die Szenen einer Ehe vor Augen geführt, die all dem vorausgegangen sind. Henry Hübchen und Martina Gedeck führen da immerhin auf sublime Weise vor, wie sich Gleichgültigkeit und Ermattung in ein langjähriges Treueverhältnis einschleichen kann. Es sind die besten Szenen des Films.

Beschwerlich und unglaubwürdig, wie sich Hübchen nun an den Liebhaber heranwanzt. Eine Klette im Pelz des Jüngeren, die zu ertragen auch der reichliche Weingenuss der beiden Männer nicht glaubhafter machen kann. Schwer zu sagen, wer da masochistischer ist: der neugierig befragte Abenteurer oder eben doch der verlassene Ehemann, der auf die Frage: "Wie war sie im Bett?" prompt die Antwort "fantastisch!" oder gar "genusssicher!" serviert bekommt.

Leichtlebigkeit und bornierte Selbstgewissheit treffen da aufeinander, der Schmetterling und der Klotz, der nichtsahnend die Frau im Käfig hielt. Der Filou, Scheidungsanwalt übrigens zu allem Überfluss, hat zum Zeitpunkt des Aufeinandertreffens längst eine andere. Er hält es mit dem im Film zitierten Hermann Hesse, an dessen einstigem Tessiner Wohnort das Ganze spielt: "Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / bereit zum Abschied sein und Neubeginne ..." Dieses Sinngedicht, auch das nur nebenbei, hat Valerie beim Schäferstündchen im Wochenendhäuschen ihres Liebhabers hinterlassen.

Wir nehmen mit - auch weil Martina Gedeck beim Showdown das letzte Lächeln hat: dass Männer halt doch Schweine sind, auch wenn sie's eigentlich gar nicht so wollen. Und dass sich Frauen emanzipieren müssen, weil es ihnen sonst wie dem wackeren Weib in Conrad Ferdinand Meyers Ballade "Die Füße im Feuer" ergeht. Das im Film zitierte Gedicht handelt bekanntlich von einer Frau, die übler männlicher Folter erliegt. Diese Ballade wäre, frei nach Hitchcock, sicher eine Verfilmung wert.

Quelle: teleschau - der mediendienst