Ilja Richter

Ilja Richter





"Ich bin kein Nostalgiker"

Das trifft sich ja ausgezeichnet. Eben erst hat sich Ilja Richter in seinem Buch "Du kannst nicht immer 60 sein" ausführlich und zugleich selbstironisch mit dem Thema Alter auseinandergesetzt. Jetzt schlägt ein Unterhaltungsfilm aus der beliebten Rosamunde-Pilcher-Reihe in die gleiche Kerbe: Dort sieht man Ilja Richter mit seiner alten Weggefährtin Ursela Monn über den Klippen von Cornwall eine Senioren-WG gründen. "Alte Herzen rosten nicht" (Sonntag, 17. November, 20.15 Uhr) heißt der Film auf dem berühmt-berüchtigten "Herzkino"-Sendeplatz im ZDF. Und alte Liebe rostet offenbar auch nicht: Erstmals seit 31 Jahren ist der Berliner Schauspieler wieder abendfüllend bei seinem Heimatsender zu sehen. 31 Jahre seit dem Ende von "Disco" - jener bahnbrechend erfolgreichen Musiksendung der 70-er, die dank seines unorthodoxen Moderators ein Jahrzehnt-Hit wurde und die Ilja Richter unverhofft zum Teenie-Idol einer ganzen fernsehguckenden Generation machte. Kein Grund, in der Rückschau sentimental zu werden, findet Richter heute: Die Widerstände, mit denen er beim Sender einst zu kämpfen hatte, hat der 60-Jährige nicht vergessen.

teleschau: Was frappierend ist: Ihre Rolle im neuen Rosamunde-Pilcher-Film ist Ihr erster abendfüllender Auftritt für Ihren Heimatsender, das ZDF, seit 31 Jahren ...

Ilja Richter: Also erst einmal würde ich das Wort "frappierend" im Zusammenhang mit öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern nicht in den Mund nehmen - da ist selten etwas frappierend. Und wenn mal etwas gesendet wird, für das man gerne seine Gebühren bezahlt hat, dann hat das in der Regel herzlich wenig mit mir zu tun. Jetzt fragen Sie mich bitte nicht, ob das auch für das Pilcher-Produkt gilt. Ich bin ein ungeübter Pilcher-Gucker. Ich sehe überhaupt wenig fern und tauche selten am Fernsehschirm auf - Sie haben es selbst gesagt. Was haben Sie errechnet? 31 Jahre?

teleschau: 1982 lief die letzte "Disco"-Ausgabe, seither waren Sie im ZDF höchstens mal in einer Krimi-Episodenrolle am Vorabend zu sehen.

Richter: Völlig richtig. "Disco" war die letzte Produktion im Hauptabendprogramm, in der ich fürs ZDF vor der Kamera stand. Ich nehme aber auch eine Gastrolle bei "SOKO 5113" genauso ernst wie eine Abendvorstellung am Theater.

teleschau: Und wie konnten Sie sich nun erwärmen, für den Pilcher-Film nach Cornwall zu reisen?

Richter: Schön, dass Sie "erwärmen" sagen. Es war nämlich verdammt kalt! Ich weiß nicht, ob es 300.000 oder 500.000 Menschen sind, die jährlich aus den Reisebussen purzeln, um sich Pilcher-Land anzugucken, und dann feststellen, dass die Pilcher weit und breit nicht zu sehen ist. Und auch nichts von all dem Heiteren und Sonnigen, das die Filme verströmen. Der Sommer dort ist kurz und der Frühling eine Parodie auf den Frühling. Als Berliner würde ich sagen: Wenn du in Cornwall an den Klippen stehst, denkst du, hier ist überall die Tür auf. Ne schöne Gegend ist es aber!

teleschau: Schaut sehr danach aus.

Richter: Als Fan alter Filme dachte ich in der Landschaft gleich an Hitchcock, an Gregory Peck, vor allem aber an britische Schauspieler wie Charles Laughton und David Niven. Die haben mich geprägt.

teleschau: Da macht sich Ihre anglophile Neigung bemerkbar.

Richter: Das stimmt. Ich kleide mich englisch. Ich benehme mich englisch, wenn ich auf die Straßenbahn warte oder ein Taxi nehme - ich kann ja nicht Auto fahren. Ich mag die Engländer wegen ihrer Mentalität. Vor allem wegen ihrer Selbstironie, die den Deutschen leider abgeht. Ich bin ja selber einer und weiß, wovon ich spreche. Wenngleich es bei mir eine Mischung ist: Ich bin sicherlich ein merkwürdiger Berliner, aber ich bin einer. Daneben bin ich geprägt durch Dinge, die mit Understatement zu tun haben - auch wenn ich in den 70-ern in so manchem Sketch am Kronleuchter hing.

teleschau: In den 70-ern hatten Sie auch viel mit Ursela Monn zu tun, die im Pilcher-Film nun die weibliche Hauptrolle spielt.

Richter: Wir waren beide erstaunt über die glückliche Zusammenführung. Da kommt eine Redaktion auf die Idee, mich zu engagieren. Und dann kommt sie, ohne dass es ihr bewusst wäre, auf die Idee, auch noch die einzige Frau zu engagieren, mit der ich je in meinem Leben eine LP produziert habe: "Riekes Jesäng". Aufgenommen 1978, zu Hoch-Zeiten von Ursela Monn. Deshalb war die Wiedersehensfreude auf beiden Seiten groß.

teleschau: Schwelgten Sie wie die beiden Protagonisten aus dem Film in alten Erinnerungen?

Richter: Ich schwelge nicht, Sie werden kitschig. Ich bin nicht so süßlich veranlagt, dass ich in Himbeersoße bade. Ich bin allgemein kein Mensch, der gerne in der Vergangenheit verharrt.

teleschau: Dafür aber jemand, der sich intensiv mit dem Alter auseinandersetzt. Sie schrieben unlängst ein Buch zum Thema, "Du kannst nicht immer 60 sein". Gelang Ihnen das schon immer, mit Leichtigkeit und Ironie über Dinge nachzudenken, die andere gerne verdrängen?

Richter: Ich bin als Kind alter Eltern früh mit Endlichkeit konfrontiert worden. Sie ist einem präsenter, wenn man weiß, dass man seine Eltern nicht so lange haben wird wie andere Kinder. Mit Leichtigkeit hat das allerdings weniger zu tun, eher mit Selbstverständlichkeit. Ich mache es mir nicht so leicht zu sagen, dass das Altern kein Problem ist. Ich tabuisiere es lediglich nicht. Und ich versuche das Alter nicht in meinem täglichen Bereich zu verbannen, indem ich mir etwa die grauen Haare färben würde. Frauen dürfen sich jünger machen, das ist in gewissen Maßen charmant. Wenn Männer das tun, hab ich auch für sie ein Lächeln übrig, aber ein herablassendes. Für mich als alten Western-Kenner ist es unmännlich, sich als Mann jünger zu machen, als man ist.

teleschau: Wie altert man denn auf "männliche" Weise?

Richter: Es geht einfach darum zu sein, wie man ist. Im Alter kommen die unangenehmen Züge, die eh schon da waren, ein bisschen mehr zum Tragen. Aber die angenehmen Züge doch bitteschön auch! Daher kommt es doch, dass man sagt: "Das ist aber ein freundlicher älterer Herr." Altern tut nichts weiter als deine Charakterzüge wie auf einem Bild noch mal kräftig herauszuarbeiten. Das ist etwas, das positiv wie auch negativ sein kann. Ein schlecht gelaunter junger Mensch ist auch mit 60 noch schlecht gelaunt. Nur noch mal schamloser.

teleschau: Sie haben einen elfjährigen Sohn. Hilft es, im Kopf jung und beweglich zu bleiben, wenn man sich in einen jungen Menschen hineinversetzen muss?

Richter: Ich habe Kolja nicht deshalb gezeugt, um auf seinen Schultern noch etwas prickelnder auszusehen und frischer durch die Landschaft zu wackeln. Aber ein Kind ist in der Tat etwas, das einen auf Trab hält. Aber das merkst du ja erst in der Praxis. Es ist ein interessanter und schöner Prozess, sogar die schönste Erfahrung, die ich je machte: sich als später Vater mit einem jungen Menschen auseinanderzusetzen - und das jeden Tag.

teleschau: Bewahrt Sie diese Erfahrung auch davor, nostalgisch zu werden - bei Ihrer langen Karriere?

Richter: Ich bin ein passionierter Radiohörer und Bücherleser und Alte-Filme-Gucker. Aber ich gehe auch ins Kino und schaue neue Filme an. Ich bin kein Nostalgiker. Weil Nostalgie nichts weiter ist als ein Vorgang seitens der Industrie, eine Neigung des Menschen mit extrasüßen Produkten zu bedienen.

teleschau: Sie neigen dann auch nicht dazu, die so erfolgreichen "Disco"-Jahre im Rückblick zu verklären?

Richter: Sehen Sie: Es hatte nie zuvor jemand gewagt, Komik und Pop zu mixen. Ich musste es mühsam gegen Widerstände durchkämpfen, und dann erst wurde es ein Erfolg. So sieht das aus. Und deshalb habe ich keine Lust, sentimental über die Sendung zu werden. Dass sie fröhliche Urständ feiert in nächtlichen Wiederholungen, ist eine andere Sache. Das ist die Nostalgie, die ich dann auch mal bedient habe, als ich zum 40-jährigen "Disco"-Jubiläum zum ersten und letzten Mal auf Bühnentour ging - als keiner mehr damit rechnete.

teleschau: Wundert es Sie bei der anhaltenden "Disco"-Manie nicht, dass das Feld der Musiksendungen im Fernsehen heutzutage ziemlich brach liegt?

Richter: Mich wundert das überhaupt nicht. Dass "Disco" und auch die "Hitparade" sterben mussten, in eine logische Folge von Veränderungen in der Medienlandschaft. In dem Moment, da die Privatkanäle kamen, hatte die Musikindustrie nicht mehr nur zwei Plattformen, um ihre Interpreten im Fernsehen zu platzieren. Aufgrund der Mitbewerber hatte die Musikschiene im öffentlich-rechtlichen Fernsehen plötzlich an Terrain verloren. Deshalb verlor eine Sendung wie "Disco" ihre Funktion. Im Übrigen ist es auch normal, dass der Videoclip-Markt gestorben ist. Der ist erst überfüttert worden, und jetzt machen sich junge Menschen im Internet ihr Programm selbst. Deshalb ist es klar, dass sich die Clip-Kultur ebenso in den Orkus versendete wie zuvor "Disco" und die "Hitparade". Ist doch logisch! Die jungen Leute sind heute ihre eigenen Programmdirektoren.

teleschau: Ironischerweise wird just im Internet der "Disco"-Kult gepflegt. Es gibt zum Beispiel eine sehr beliebte Fanseite bei Facebook.

Richter: Dort hat der Kult auch seine Daseinsberechtigung. Im Fernsehen hingegen gibt es ja fast nur noch Florian Silbereisen, der etwas abdeckt, was im Grunde genommen schon nicht mehr wirklich existiert: die letzte große bunte Show. Wobei der deutsche Schlager bei jungen Leuten inzwischen ja wieder sehr angesagt ist.

teleschau: Was für einen Reim machen Sie sich darauf?

Richter: In einer entpolitisierten Jugend, wie wir sie heute sogar unter Akademikern vorfinden, ist es viel leichter, sich für harmlosen Schlager zu erwärmen, als in Zeiten, in denen sich die Jugend gesellschaftspolitisch ganz anders formierte. Den Studenten in den 70-ern kamen Costa Cordalis und Chris Roberts wie singende Leichen vor. Und damals waren die ja immerhin noch jung!

teleschau: Werden Sie jetzt gesellschaftskritisch?

Richter: Ich sage es mal so unkritisch, wie es nur geht: In einer Gesellschaft wie dieser ist es nicht unlogisch, dass der BWLer mit seiner Süßen das Helene-Fischer-Konzert besucht, während die Eltern zu Hannes Wader gehen. Schönere Beine hat die Fischer mit Sicherheit. Wader oder Waden - das ist sozusagen die Frage.

Quelle: teleschau - der mediendienst