Lunchbox

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Appetit auf Liebe

Ein Stück indisches Kulturgut hat Regisseur Ritesh Batra, von dem auch das Drehbuch stammt, für sein Kinodebüt ins Visier genommen: Er erzählt vom traditionellen System der Dabbawallas, jener Lieferanten, die in der Millionenstadt Mumbai die arbeitenden Männer mit den gekochten Köstlichkeiten ihrer Frauen versorgen, weil für ein Restaurant weder Zeit noch Geld da sind. Ein Lieferservice, der seit 125 Jahren besteht und überraschend fehlerfrei funktioniert. Dass dann doch etwas schiefgehen könnte, diese unwahrscheinliche Möglichkeit, nimmt Batra zum Anlass, um eine charmante, ungewöhnliche Liebesgeschichte zu inszenieren. In Cannes, wo die internationale Koproduktion in diesem Jahr Premiere hatte, avancierte der wunderbare Film zum Liebling des Filmfestivals.

Ila (Nimrat Kaur) ist unglücklich. Ihre Ehe steckt in einer Sackgasse, die Leidenschaft ist zum Stillstand gekommen. Und Ila versteht eigentlich nicht, warum. Also probiert die indische Hausfrau und Mutter auf Geheiß ihrer Nachbarin ein Geheimrezept aus, mit dem sie ihren Mann wieder in Wallung bringen will: Liebe geht schließlich durch den Magen.

Für die Lunchbox ihres leidenschaftslosen Mannes zaubert sie fortan die köstlichsten Gerichte, die von den Dabbawallas abgeholt und dann per Zug und Fahrrad zum Arbeitsplatz der Männer gebracht werden. Aber nicht Ilas Mann ist der glückliche Empfänger ihrer frisch gekochten Liebesbeweise - es ist Saajan (Irrfan Khan), ein älterer Herr, der in Kürze in Pension gehen wird. Dieser Saajan ist ein kauziger Typ, der nach dem Tod seiner Frau mit dem Leben abgeschlossen hat. Er ist Angestellter bei einer Versicherung: ein fleißiger und tumber Arbeiter, der mit Fleiß und Akribie die Leere seiner Existenz zu vertuschen sucht. Bis zu dem Tag, an dem ihn Ila unfreiwillig bekocht. Die deckt den Irrtum recht schnell auf und beginnt, dem Unbekannten per Vesperdose kleine Botschaften zu übermitteln.

Es sind immer nur wenige Zeilen, die sich die beiden schreiben, aber es sind genug, um Stück für Stück von sich preiszugeben. So entwickelt sich eine intime, kleine Brieffreundschaft zweier einsamer Menschen, die eine große, stille Sehnsucht gemeinsam haben: die nach dem Glück. Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, ist eine andere Frage. Aber es ist schön mit anzusehen, welche Entwicklung die Hauptfiguren durchlaufen: Aus dem sardonischen Einzelgänger Saajan wird ein umgänglicher Kerl, der Gefühle wieder zulässt und sein Leben neu überdenkt. Die Auslieferung der Lunchbox wird zum Höhepunkt seines trüben Tages. Und Ila setzt sich selbstgerecht über ihren untreuen Ehemann hinweg.

Regisseur Batra wartet mit vielen schönen Einfällen auf. Seit Tran Anh Hungs wunderbarem "Duft der grünen Papaya" (1993) hat man kaum mehr eine so poetische und zugleich lukullische Filmromanze gesehen. Großartig sind auch die Darsteller, die ihren Figuren eine ungeheure Glaubwürdigkeit und Sensibilität verleihen. Erfrischend altmodisch ist Batras Idee, in Zeiten von E-Mail und Dating-Portalen ausgerechnet eine Brieffreundschaft zu inszenieren. So ist "Lunchbox" ein wehmütiger, sehnsüchtiger Film geworden, der dem Betrachter verführerisch vor Augen führt, dass, wie es im Film heißt, auch "der falsche Zug zum richtigen Ort" führen kann. Absolut sehenswert. Und danach: ab zum Inder!

Quelle: teleschau - der mediendienst